Flavius Iulius Valerius Maiorianus (deutsch Majorian; * um 425; † 7. August 461 in Dertona) war von 457 bis 461 weströmischer Kaiser.
Als ein führender Militär des Reiches entmachtete er seinen Vorgänger Avitus mithilfe des Generals Ricimer. Einen Großteil seiner Regierung verbrachte er auf Feldzügen, mit denen er die Autorität des zerfallenden Weströmischen Reiches wiederherstellen wollte. So verteidigte er Italien gegen die Vandalen und gliederte Gallien und Hispanien wieder in das Reich ein. Sein großes Vorhaben, das römische Africa von den Vandalen zurückzuerobern, scheiterte jedoch und in der Folge wurde er von Ricimer entmachtet und hingerichtet.
Bleibenden Eindruck auf die Nachwelt hinterließ er durch seine umfangreiche Gesetzgebung, mit der er das Reich und das Kaisertum strukturell stärken wollte, sein persönliches militärisches Engagement und sein umgängliches Auftreten gegenüber der senatorischen Oberschicht. Rückblickend bezeichnete ihn der oströmische Geschichtsschreiber Prokopios als „Herrscher, der sämtliche römische Kaiser, die jemals den Thron innehatten, durch gute Eigenschaften aller Art übertraf“.
Angesichts der schlechten Quellenlage lassen sich die Lebensläufe der meisten Akteure des fünften Jahrhunderts kaum oder gar nicht nachvollziehen. Majorian stellt hier eine glückliche Ausnahme dar: Er ist einer der wenigen Fälle, in denen sich Herkunft und Leben vor der Kaisererhebung weitgehend rekonstruieren lassen. Dieser Umstand ist vor allem zwei antiken Autoren zu verdanken: Zum einen dem oströmischen Geschichtsschreiber Priskos, zum anderen dem gallorömischen Senator Sidonius Apollinaris. Letzterer kannte Majorian persönlich und verfasste um das Jahr 459 eine Lobrede auf ihn. Aufgrund mangelnder Alternativen sind Historiker weitgehend auf ihre Angaben angewiesen.
Der aus dem lateinischen Illyricum oder Norditalien stammende Römer Majorian wurde um 425 geboren. Der wichtigste Anhaltspunkt für das Geburtsdatum ist die Tatsache, dass Sidonius Apollinaris ihn 458 noch als iuvenis, also jungen Mann, bezeichnet. Er stammte aus der Militärelite des Reiches. Sein gleichnamiger Großvater diente als magister militum praesentalis und war als solcher 379 bei der Ausrufung von Theodosius I. in Sirmium anwesend. Die Tochter des älteren Majorian heiratete den aus Ägypten stammenden Offizier Domninus, der dem mächtigen weströmischen Heermeister Flavius Aëtius als domesticus diente. Majorian war, soweit bekannt, das einzige Kind der beiden.
Majorian schlug ebenfalls eine militärische Laufbahn ein. Wie sein Vater diente er Aëtius und begleitete diesen auf dessen Feldzug gegen den salfränkischen rex Chlodio. Dabei soll er sich bei der Verteidigung der Stadt Turonensis (heute: Tours) besonderen Ruhm erworben haben. Bei der 447/478 geschlagenen Schlacht bei Vicus Helena führte er persönlich die Kavallerie an und erstürmte die Brücke, während Aëtius sich im Hintergrund hielt.
Durch seine Leistungen gewann er die Aufmerksamkeit des weströmischen Kaisers Valentinian III., der ihn als Ehemann für seine Tochter Placidia in Betracht zog. Durch eine solche Verbindung wäre Majorian zum möglichen Thronfolger aufgestiegen. Aëtius sah damit allerdings seine eigenen ehrgeizigen Pläne in Gefahr und zwang Majorian laut Sidonius, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
Der weitgehend machtlose Kaiser Valentinian III. sah zuletzt keinen anderen Weg, den übermächtigen Heermeister Aëtius loszuwerden, als ihn 454 eigenhändig zu ermorden. Durch diese Tat verlor er aber bei weiten Teilen der Reichseliten an Rückhalt. Dennoch war nun der Weg frei für die Rückkehr Majorians, der vom Kaiser zum comes domesticorum und damit zum Kommandeur der Garde ernannt wurde. Majorian konnte aber nicht verhindern, dass der Kaiser nur wenige Monate später selbst einem Attentat zum Opfer fiel. Die Kaiserwitwe Licinia Eudoxia setzte sich in der Folge für Majorian als Nachfolger ein, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Stattdessen trat Petronius Maximus die Nachfolge an. Dieser scheint Majorian in seinem Amt bestätigt zu haben. Seine kurze Regierung endete allerdings mit der Plünderung Roms durch die Vandalen 455. Angeblich wollte Petronius Maximus aus der Stadt fliehen und die Bürger Roms ihrem Schicksal überlassen. Doch seine Verkleidung flog auf, und er wurde von einem wütenden Mob in Stücke gerissen.
Aufstand gegen Avitus und Herrschaftsübernahme
Die Nachfolge des Petronius Maximus trat der gallorömische Aristokrat Eparchius Avitus an. Avitus hatte sich zuvor durch eine lange Karriere in der Verwaltung und (untypisch für die Spätantike, in der zivile und militärische Ämter meist recht strikt getrennt wurden) auch in der Armee ausgezeichnet. Avitus hatte zuvor die Regierung des Petronius Maximus unterstützt und in dessen Namen mit den westgotischen foederati verhandelt. Nach dessen Tod drängten die Westgoten ihn, selbst nach dem Purpur zu greifen. Unterstützt von hochrangigen Mitgliedern der gallorömischen Aristokratie, darunter sein Schwiegersohn Sidonius Apollinaris, ließ Avitus sich dann am 9. Juli 455 zum Kaiser ausrufen. Avitus wurde auch von den italischen Eliten anerkannt und konnte ohne Schwierigkeiten in die alten Herzlande des Reiches ziehen. Er bestätigte Ricimer und Majorian in ihren Positionen, ernannte aber mit Remistus einen General mit westgotischen Wurzeln zum patricius und somit wohl auch zum obersten Heermeister. In Italien verlor Avitus schnell an Rückhalt. Seine gotischen foederati, für deren Bezahlung er angeblich die Bronze aus den Häusern Roms entfernen ließ, machten sich unbeliebt. Vor allem aber sahen wohl die italischen Eliten den Einfluss der gallorömischen Senatoren, die wichtige Ämter übernahmen, die traditionell ihnen zustanden, als Bedrohung.
Ricimer und Majorian bündelten diese Unzufriedenheit und begehrten gegen Avitus auf. Sie töteten Remistus und besiegten Avitus im Oktober 456 in der blutigen Schlacht bei Placentia (heute: Piacenza). Avitus wurde abgesetzt und wahrscheinlich zu Tode gehungert. Der westliche Hof blickte nun nach Osten und erbat in Konstantinopel, der oströmischen Residenz, einen neuen Kaiser. Traditionell stand dem dienstältesten Augustus im Reich diese Entscheidung zu. Doch der oströmische Kaiser Markian war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und starb am 27. Januar 457, so dass das Reich für kurze Zeit gar keinen Kaiser mehr hatte. Leo I. trat schließlich Markians Nachfolge im Osten an. So früh in seiner Regierung konnte dieser es sich nicht leisten, sich auf ein Abenteuer im Westen einzulassen. Deshalb ernannte er keinen neuen Kaiser, sondern versuchte nur, seinen eigenen Einfluss im Westen zu sichern. So erhob er Ricimer zum patricius und obersten Heermeister und auch Majorian wurde zum magister militum ernannt. Mit diesem Schritt legitimierte er die Revolte gegen Avitus und sicherte sich seine eigene Anerkennung.
Der weströmische Hof wollte sich auf Dauer aber nicht von Konstantinopel regieren lassen und verlor die Geduld. Schlussendlich rief er mit Majorian seinen eigenen Kaiser aus. Die genaue Abfolge lässt sich im Einzelnen nicht mehr rekonstruieren, da uns widersprüchliche Quellenaussagen vorliegen. So wurde Majorian entweder bereits am 1. April oder erst am 28. Dezember 457 zum Kaiser ausgerufen. Der widersprüchliche Befund ist Teil einer langen Forschungsdebatte, die sich nicht einfach lösen lässt. Vielleicht wurde Majorian zunächst nur zum Caesar erhoben. Letztendlich spricht mehr dafür, im 28. Dezember den entscheidenden Termin für die Herrschaftsübernahme zu sehen.
Unabhängig vom genauen Zeitpunkt stellte Majorians Ausrufung eine Herausforderung für den Osten des Reiches dar. Dort konnte man ihn nicht einfach anerkennen, ohne an dem eigenen Anspruch der Seniorität zu rütteln. Wenn man ihn aber explizit nicht anerkannt hätte, wäre das einer Kriegserklärung gleichgekommen. Beides lag nicht im Interesse Leos I., und deshalb entschied er sich wohl für eine wohlwollende Neutralität. So traten Leo I. und Majorian gemeinsam den ordentlichen Konsulat für das Jahr 458 an, Majorian wurde allerdings nie in den Gesetzen des oströmischen Kaisers erwähnt. Majorian nutzte seinerseits die Neutralität aus und behauptete einfach seine Anerkennung durch den Ostkaiser. Dadurch blieb die ideologische Einheit des Reiches bestehen.