Die Mainzer Republik war das erste auf bürgerlich-demokratischen Grundsätzen beruhende Staatswesen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. Der kurzlebige Freistaat existierte von März bis Juli 1793 auf dem linksrheinischen Gebiet von Kurmainz. Da er unter dem Schutz der französischen Revolutionstruppen stand, wird er zu den Schwesterrepubliken Frankreichs (républiques sœurs) gezählt. Hauptort der Mainzer Republik war das französisch besetzte Mainz, das ihr auch den Namen gab.
Geschichte der Mainzer Republik
Die Gründung der Mainzer Republik war eine Folge des Ersten Koalitionskrieges, in dem eine Allianz aus Österreich, Preußen und einigen kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich vorging, um dort die absolute Monarchie wiederherzustellen.
Kurmainz am Vorabend der Mainzer Republik
Der Ausbruch der Französischen Revolution hatte auch auf deutschem Boden in verschiedenen kleineren grenznahen Territorien einige Unruhen zur Folge. Im Winter 1789/90 rückten kurmainzische und kurpfälzische Truppen aus, um Unruhen in der Reichsgrafschaft Leyen und der Ortenau zu beenden. Im Februar 1790 führten die Gerüchte über eine Erhebung im Raum Aschaffenburg zu einem weiteren Einsatz von 231 kurmainzischen Soldaten. Alle diese Einsätze verliefen jedoch gewaltlos – im Falle der angeblichen Unruhen in Aschaffenburg stellte sich die ganze Situation am Ende sogar als Fehlinformation heraus. Anders stand es im Fall der Reichsexekution gegen Lüttich, an deren Niederschlagung auch 1500 Mainzer Soldaten beteiligt waren (→ Lütticher Revolution). Hier zeigte sich jedoch erstmals, dass die bewaffnete Bevölkerung, durch die Entwicklungen in Frankreich und Brabant zusätzlich motiviert, regulären Truppen des Ancien Regimes hinreichenden Widerstand leisten konnte. Parallel dazu kam es Ende August 1790 in Mainz zu krawallartigen Unruhen zwischen Handwerksgesellen und Studenten, die das dortige Militär ohne Hilfe von außen nicht mehr unter Kontrolle bekam. Erst hinzugerufene hessisch-darmstädtische Truppen konnten Sicherheit und Ordnung wiederherstellen und diesem sogenannten „Mainzer Knotenaufstand“ ein Ende bereiten.
In der Vergangenheit wurde immer wieder seitens der Mainzer Jakobiner und verschiedener Historiker versucht, diese Unruhen in einen direkten Zusammenhang mit der späteren Mainzer Republik zu bringen. Obwohl sich einzelne Handwerksgesellen angeblich Kokarden an die Mützen gesteckt haben sollen und sich selbst „Patrioten“ nannten, stehen die Unruhen selbst in einer gewissen „Tradition“ von 22 weiteren Studentenunruhen in Mainz, die alle im 18. Jahrhundert stattfanden. Die kurmainzische Regierung betrachtete die Entwicklungen in Frankreich mit großer Sorge und reagierte sowohl im Zuge der Knotenunruhen als auch in späterer Zeit überaus vorsichtig auf jegliche Form bürgerlichen Unmuts. Der kurfürstliche Hofkanzler Franz Joseph von Albini verschärfte zwar Kontrollen und Patrouillentätigkeiten, wies aber zugleich die kurmainzische Beamtenschaft an, jegliche Provokation der Bevölkerung zu unterlassen. Selbst beim Einsatz von 2000 Mainzer Soldaten im Kampf gegen Frankreich wurde auf die sonst gebräuchliche Sondersteuer verzichtet. Stattdessen finanzierte man dieses Unternehmen durch freiwillige Spenden und veranstaltete zu diesem Zweck ein regelrechtes Volksfest vor den Toren von Mainz, um den Auszug der Soldaten gebührend zu feiern.
Obwohl ein kleiner Teil aus dem Mainzer Bildungsbürgertum den Einsatz von Mainzer Soldaten gegen die Französische Revolution kritisierte, gab es zu diesem Zeitpunkt nur wenige offene Befürworter für die französische Sache. Im Grunde ging man in Mainz wie in den meisten deutschen Residenzen nach den schnellen Erfolgen der verbündeten Interventionstruppen in Frankreich davon aus, dass das Kapitel der Französischen Revolution schon bald abgeschlossen sein würde. Doch infolge des Ersten Koalitionskrieges änderte sich die Lage am Ende des Jahres 1792 vollkommen.
Folgen des Ersten Koalitionskriegs für Mainz
Zu Beginn der Französischen Revolution hatten sich die europäischen Mächte an der inneren Entwicklung Frankreichs zunächst eher desinteressiert gezeigt. Dies änderte sich nach dem im Juni 1791 vereitelten Fluchtversuch König Ludwigs XVI. in das von royalistischen Truppen kontrollierte Grenzgebiet zu den Österreichischen Niederlanden. Auf die erzwungene Rückkehr des Königs nach Paris und seine zeitweilige Suspendierung reagierten Österreich und Preußen am 27. August 1791 mit der Pillnitzer Deklaration, in der sie die Wiedereinsetzung Ludwigs XVI. in seine früheren Rechte verlangten. Die Deklaration war im Wesentlichen auf das Betreiben des Grafen von Artois zustande gekommen, eines Bruders Ludwigs XVI. und Führers der gegenrevolutionären französischen Emigranten. Die Deklaration machte ein militärisches Eingreifen in Frankreich zwar von wenig wahrscheinlichen Voraussetzungen abhängig, schloss sie aber auch nicht aus. Daher wurde sie in Paris als Kriegsdrohung aufgefasst und trug dort zur Radikalisierung der Lage bei. In der Nationalversammlung bildete sich nun eine Mehrheit von Kriegsbefürwortern. Diese fand sogar die Unterstützung des Königs, der auf eine Niederlage des eigenen Landes und damit der Revolution hoffte.
Am 20. April 1792 erklärte Ludwig XVI. im Namen Frankreichs Franz II. den Krieg – allerdings nicht in dessen Eigenschaft als Römisch-Deutscher Kaiser, sondern als König von Ungarn und Böhmen. In Frankreich hoffte man, damit den Krieg auf eine Auseinandersetzung mit dem Haus Habsburg beschränken zu können. Aufgrund eines Bündnisvertrags mit Österreich trat aber auch Preußen in den Krieg ein. Ein erster französischer Vorstoß in die Österreichischen Niederlande wurde zurückgeschlagen. Die Hauptarmee der Koalition unter Führung des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig drang im Sommer über Luxemburg nach Frankreich ein und bedrohte Paris.
Am 20. September 1792 stoppte die Kanonade von Valmy jedoch die Koalitionstruppen aus Preußen, Österreich und Hessen-Kassel. Die französischen Revolutionstruppen gingen nun ihrerseits in die Offensive und aus dem damals zu Frankreich gehörenden Landau stieß eine Armee unter General Custine zum Rhein vor. Custines Truppen schlossen ein schwaches mainzisch-österreichisches Korps in Speyer ein, zwangen es zur Kapitulation und rückten weiter bis Worms vor. In Mainz löste die Nachricht von der Niederlage von Speyer eine Massenflucht aus. Nicht nur ein Großteil des Adels und der Geistlichkeit flohen aus der Stadt, auch der Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal und ein Großteil der Beamtenschaft wurden evakuiert. Selbst unter den wenigen Soldaten der Besatzung, die sich zudem noch aus Kontingenten sechs verschiedener Reichsterritorien rekrutierten, löste die Nachricht eine Panik aus, über 90 Soldaten verließen gleichzeitig ihre Posten und nahmen Reißaus.
Custine selbst wagte den direkten Vorstoß auf Mainz dagegen noch nicht. Mainz war noch immer die größte und stärkste Reichsfestung und alleine die Gerüchte über eine nahe hessisch-preußische Armee ließen Custine zögern, mit seiner schwachen, zum Großteil nur aus undisziplinierten Nationalgardisten bestehenden Armee einen weiteren Vorstoß zu wagen. In Mainz beobachteten jedoch profranzösische Bürger die Vorgänge genau. Sie erkannten rasch, dass Mainz als Festung völlig unterbemannt war, und wussten darum, dass die preußischen und hessischen Truppen unerreichbar im Raum Trier lagen und unmöglich einen raschen Entsatz bringen konnten. Verschiedene Male brachten Boten wie der Arzt Georg von Wedekind heimlich Nachrichten aus der Stadt heraus und informierten Custine so nach und nach über den wirklichen Stand der Dinge. Mainz benötigte zur optimalen Verteidigung etwa 20.000 Mann, doch selbst nachdem sich etwa 3000 Bürger zur Verteidigung der Stadt meldeten, brachten es die Verteidiger lediglich auf etwa 5.800 Mann.
Am 19. Oktober 1792 schloss Custine die Stadt ein. Durch künstlich vergrößerte Feldlager und vorgetäuschte Verstärkungen entmutigte er die überforderte Mainzische Militärführung, so dass diese schließlich ohne wirkliche militärische Not am 21. Oktober kapitulierte. Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es nur wenige offene Anzeichen dafür, dass die breite Masse der Mainzer Bevölkerung den französischen Angriff befürwortete. Die Erinnerungen an die französischen Plünderungszüge gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren im Rheinland noch immer lebendig. Zudem mangelte es nicht an Schreckensmeldungen über plündernde Franzosen aus Speyer und Worms. Gerade deshalb schlossen sich auch Tausende Bürger dem Militär bei der Verteidigung der Stadt an, auch die Universität stellte ein kleines Korps aus Akademikern und Studenten, die auf den Wällen Stellung bezogen.