Magnus Hirschfeld (* 14. Mai 1868 in Kolberg, Preußen; † 14. Mai 1935 in Nizza, Frankreich) war ein deutscher Arzt und Sexualwissenschaftler.
Magnus Hirschfeld stammte aus einer jüdischen Familie und war der Sohn des Kolberger Arztes Hermann Hirschfeld (1825–1885), der für seine Verdienste im Sanitätsdienst während des Deutsch-Französischen Krieges zum Sanitätsrat ernannt wurde. Eine seiner älteren Schwestern war die Schriftstellerin Franziska Mann.
Zum Wintersemester 1887/1888 studierte Magnus Hirschfeld zunächst in Breslau Sprachwissenschaften (Philologie), dann Medizin in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin, wo er 1892 zum Doktor der Medizin promoviert wurde. In Heidelberg war er Mitgründer der Badenia Heidelberg, die als freie und schlagende Vereinigung 1896 eine der Gründungsverbindungen des Kartell-Conventes der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens war. Danach eröffnete er in Magdeburg zunächst eine naturheilkundliche und allgemeinmedizinische Arztpraxis; zwei Jahre später zog er ins damals noch eigenständige Charlottenburg bei Berlin.
Am 15. Mai 1897 gründete er in seiner Charlottenburger Wohnung in der Berliner Straße 104 (heute Otto-Suhr-Allee 127) mit dem Verleger Max Spohr, dem Juristen Eduard Oberg und dem Kolonialschriftsteller Franz Joseph von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), zu dessen Vorsitzendem er gewählt wurde. Das Komitee war die weltweit erste Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, sexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. Eine Petition an den Reichstag, den berüchtigten Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, wurde zwar dort verhandelt, scheiterte aber.
Für seine Untersuchungen führte er 1904 unter Studenten und Metallarbeitern eine stichprobenartige Umfrage zur sexuellen Orientierung durch und kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Homosexuellen ca. 1,5 % und der Bisexuellen ca. 3,9 % war. Nachdem ihn einige befragte Studenten angezeigt hatten, wurde er am 7. Mai 1904 wegen Beleidigung verurteilt. Die Münchner Zweigstelle des WhK kritisierte in ihrer Versammlung am 22. Januar 1904 Hirschfelds Vorgehen bei der Studentenbefragung und distanzierte sich von Hirschfeld aufgrund der Strafanzeigen in der Versammlung vom 22. April 1904.
Von 1899 bis 1923 gab Hirschfeld 23 Jahrgänge der Zeitschrift Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen heraus. 1908 gründete er die Zeitschrift für Sexualwissenschaft, deren Herausgabe er im gleichen Jahr wieder einstellen musste. Die Zeitschrift, die erstmals den Titel Sexualwissenschaft führte, erschien im Leipziger Verlag Georg H. Wigand. Redaktionelle Unterstützung leistete Friedrich Salomon Krauss.
Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr in den Jahren 1907 bis 1909 Hirschfelds umstrittene Tätigkeit als Gerichtsgutachter für sexualkundliche Fragen im Rahmen der Harden-Eulenburg-Affäre; auch im Mordfall Mattonet, wo es um die Erpressung und den Tod eines Homosexuellen ging, sagte Hirschfeld als Sachverständiger aus. Der Coupletdichter Otto Reutter karikierte das analytische Vorgehen des Gutachters und die in Adel und Offizierskorps grassierende Homophobie 1908 in seinem Hirschfeldlied, das bereits auf Schallplatten weite Verbreitung erfuhr und den Bekanntheitsgrad Hirschfelds zusätzlich steigerte. Es ist die erste Schallplattenaufnahme, die in direktem Zusammenhang mit Homosexualität steht.
1910 veröffentlichte Hirschfeld seine bedeutende Forschungsarbeit Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb und prägte damit für Personen, die Kleidung des anderen Geschlechts tragen, den Begriff Transvestit. Von dem Namen leitete sich die in der Folge ausgestellte amtliche Transvestitenbescheinigung ab. 1910 war Frank Scholten sein Gast.
Im Ersten Weltkrieg arbeitete Hirschfeld unter anderem als Arzt für Kriegsgefangene im Auftrag des Roten Kreuzes. In dieser Zeit verfasste er sein wohl bedeutendstes sexologisches Werk, die dreibändige Sexualpathologie (1917–1920 erschienen).
1918 richtete er die Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung ein. Diese war Grundlage für eine weitere Pionierleistung von ihm, die Gründung und Ausstattung der weltweit ersten Einrichtung für Sexualforschung – das von ihm geleitete Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Hirschfeld eröffnete es am 6. Juli 1919 mit dem Dermatologen Friedrich Wertheim und dem Nervenarzt und Psychotherapeuten Arthur Kronfeld, der das wissenschaftliche Eröffnungsreferat hielt.
Im gleichen Jahr war Hirschfeld Berater und Mitwirkender im ersten Film über Homosexualität der Filmgeschichte, Anders als die Andern von Richard Oswald. Hierin spielte er mehr oder weniger sich selbst als einen Arzt, der vermittelt, dass Homosexualität keine Krankheit ist.
1921 organisierte das Institut die „Erste internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage“, an der namhafte Sexualwissenschaftler teilnahmen, die linksliberal orientiert waren und gegen einen bevormundenden Staat in Fragen der Sittlichkeit eintraten. Ihnen war die Überzeugung gemeinsam, dass Sexualwissenschaft die Grundlage für gesellschaftliche Reformen schaffen würde. Hirschfeld gehörte außerdem der Leitung von Adolf Kochs um 1923 gegründetem Institut für Freikörperkultur an.
Auf dem zweiten Kongress, der 1928 in Kopenhagen stattfand, wurde die „Weltliga für Sexualreform“ gegründet, die den Berliner Kongress als ihren ersten zählte und weitere Kongresse in London (1929), Wien (1930) und Brünn (1932) durchführte. Das Zentralbüro hatte seinen Sitz im Institut für Sexualwissenschaft. Im Jahr 1935 wurde die „Weltliga für Sexualreform“ aufgelöst; die besonders aktive englische Sektion arbeitete unter dem Namen Sex Education Society weiter. Neben Magnus Hirschfeld waren aus dem deutschsprachigen Raum auch der Schweizer Psychiater Auguste Forel und der österreichische Soziologe und Ehrenpräsident des Monistenbundes Rudolf Goldscheid in der Weltliga engagiert.
Nach einem Vortrag Hirschfelds in München am 4. Oktober 1920 wurden er und ein Bekannter von mehreren Männern verfolgt und beleidigt. In der Brienner Straße wurden sie mit Steinen beworfen und mit Gummiknüppeln geschlagen. Hirschfeld brach schließlich Ecke Eschenallee bewusstlos zusammen. Da das Berliner Nachrichtenbüro „Dena“ die Nachricht vom angeblichen Tod Hirschfelds ins In- und Ausland telegrafierte, erschienen in vielen Zeitungen Meldungen dazu. Hirschfeld selbst erfuhr davon am Morgen des 12. Oktober durch die Leipziger Neuesten Nachrichten, was er mit einem gewissen Humor gegenüber der „Dena“ richtigstellte: Er lebe und hoffe, dass er erst dann sterben werde, wenn er seine Gegner „von der Richtigkeit meiner Anschauung und der Notwendigkeit meiner Lebensarbeit überzeugt habe, was wohl noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird“. Er blieb auch später das Ziel nationalsozialistischer Hetzkampagnen, besonders im Stürmer, und seine Vorträge wurden zunehmend von Schlägertrupps gestört. 1926 reiste er auf Einladung der Regierung der UdSSR nach Moskau und Leningrad. Er blieb ein besonderes Feindbild für die Nationalsozialisten (obwohl einige davon sogar seine Patienten waren) und konnte sich schon 1930 seines Lebens nicht mehr sicher fühlen. So nahm er 1931 eine Einladung zu Vorträgen in die Vereinigten Staaten an und reiste anschließend hochgeehrt durch Nordamerika, Asien und Nordafrika.
Auf Grund von Warnungen betrat er nie mehr deutschen Boden, sondern blieb im Exil, zunächst in Zürich und Ascona in der Schweiz, dann in Paris und Nizza.
1933 wurde die Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft durch die Nationalsozialisten angeordnet, das Institut ab dem 6. Mai 1933 von Studenten der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, Funktionäre und Mitglieder der NS-Organisation Deutsche Studentenschaft, geplündert und zerstört. Die Institutsbibliothek landete zusammen mit einer Büste Magnus Hirschfelds im Feuer der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz. Ludwig Levy-Lenz, ein Arzt, der im Institut für Sexualwissenschaft bis 1932 praktizierte, nahm als Grund für die Zerstörung des Instituts an, dass dort auch viele Nationalsozialisten behandelt worden waren und die Aufzeichnungen des Instituts Dinge enthielten, deren Bekanntwerden der nationalsozialistischen Führung hätte schaden können. Für diese Vermutungen konnten bisher keine Belege gefunden werden. Hirschfelds Publikationen wurden in einer Richtlinie zur „Säuberung“ von Bibliotheken beispielhaft als zu entfernende „volks- und rassezerstörende“ Schriften aufgeführt.