Mabel Ethelreid Normand (* 9. November 1892 in Staten Island, New York; † 23. Februar 1930 in Monrovia, Kalifornien) war eine US-amerikanische Stummfilmschauspielerin und Regisseurin. Noch vor ihren späteren Filmpartnern Fatty Arbuckle und Charlie Chaplin war sie als Star der Filmkomödie etabliert und in den frühen 1910er Jahren die erste Frau in diesem Genre.
Ihre Karriere ist eng mit dem Filmproduzenten und Gründer der Keystone Studios Mack Sennett verbunden, mit dem sie auch verlobt war. Schon in jungen Jahren wurde sie kränklich, ihr Leben verlief unstet. Wie einige andere Stars der frühen Hollywood-Ära festigte auch Mabel Normand den Ruf der Sittenlosigkeit, welcher der Filmbranche anhaftete. Mabel Normand lebte exzessiv, trank, rauchte, nahm Drogen; sie leistete sich Liebhaber und war in Skandale verwickelt. Sie war erst 37 Jahre alt, als sie starb.
Mabel Normand war das jüngste von drei Geschwistern. Ihre Eltern waren der französischstämmige Pianist Claude Normand und seine aus Irland stammende Ehefrau Mary Drury. Die Familie zog häufig um. Mabel Normand begann bereits im Alter von 14 Jahren für Künstler Modell zu stehen, unter anderem für den Cartoonisten Charles Dana Gibson – den „Erfinder“ der Gibson-Girls, populärer Idealbilder jugendlicher Schönheiten – sowie für James Montgomery Flagg. 1909 trat sie erstmals in einem Film auf, der von den Kalem-Filmstudios produziert wurde. Kurz darauf fand sie eine Festanstellung in den Biograph Studios und arbeitete mit David Wark Griffith. Dort lernte sie auch den Schauspieler und Filmregisseur Mack Sennett kennen und begann eine Affäre mit ihm.
Ihre ersten Filmauftritte absolvierte sie für die Filmgesellschaft Vitagraph, wo sie als „Vitagraph Betty“ ihr komödiantisches Talent bereits voll ausspielen konnte. 1911 entstand dort u. a. der Film The Troublesome Secretaries zusammen mit John Bunny. Im selben Jahr wechselte sie zu David Wark Griffiths Biograph, für die sie auch dramatische Rollen bekleidete, aber abermals vor allem als Komödienstar reüssierte. Unter der Regie von Mack Sennett drehte sie dort u. a. Oh, Those Eyes, Tomboy Bessie und A Dash Through the Clouds (alle 1912).
Im Jahr 1912 gründete Mack Sennett die Keystone Studios. Mitbegründer waren Mabel Normand, Fred Mace und Ford Sterling. Sie waren auch das Schauspielerteam der ersten Keystone-Comedys. In den Studios in Edendale, nahe bei Los Angeles, tauchten bald neue Schauspielergesichter auf, vor allem Fatty Arbuckle (1913) und Charlie Chaplin (1914). Zusammen mit Normand bildeten die beiden bald die feste Besetzung in den Slapstick-Filmen von Keystone, für die Normand teilweise auch das Drehbuch schrieb und Regie führte. Mit Chaplin und Marie Dressler drehte sie 1914 den Langfilm Tillies gestörte Romanze. Nach Chaplins Weggang wurde sie in Filmen wie Fatty and Mabel's Simple Life (1915) und Fatty and Mabel Adrift (1916) systematisch zum Duo mit Fatty Arbuckle aufgebaut, obwohl sie mit dem Komiker auch schon vorher als Team agiert hatte.
Sennett verdiente Millionen mit seinen Filmen, doch die Schauspieler sahen wenig von den Einnahmen. Sie verließen Keystone, auch die Beziehung zwischen Normand und Sennett endete. Obwohl bereits seit einiger Zeit verlobt, waren die beiden mehr mit dem Aufbau des Studios und dem Filmen beschäftigt als mit Hochzeitsvorbereitungen. Sennett verhalf Mabel Normand noch zu einem eigenen Studio, doch der einzige Film, der bei Mabel Normand Productions entstand, war Mickey. Während der Dreharbeiten erkrankte Normand erstmals an einer schweren Bronchitis. Es kam zusätzlich zu Streitereien über die Filmverwertungsrechte mit dem Geldgeber Sennett. Mickey kam vorerst nicht in die Kinos, doch Mabel Normand war bei Keystone zu einem eigenständigen Star gereift. Ab 1917 ging sie dann ihren eigenen Weg.
Die nächste Station von Mabel Normand waren die Studios von Samuel Goldwyn in Culver City. Der Vertrag wurde 1918 geschlossen. Die erste Filmrolle, die Normand bei Goldwyn bekam, war noch im selben Jahr Joan of Plattsburg. Schnell entwickelten sich jedoch Probleme zwischen Normand und Goldwyn: Der berühmte Filmproduzent soll der Diva verfallen gewesen sein, doch sie interessierte sich nicht für ihn. Stattdessen wurde sie unzuverlässig; sie machte Nächte auf Partys durch, kam erst spät ins Studio und war häufig krank. Ihre Eskapaden und die Folgen ihres Alkoholkonsums wurden für Goldwyn teuer. Obwohl Mickey und Joan of Plattsburg inzwischen erfolgreich in den Kinos liefen, war er einverstanden, als Mack Sennett wieder Interesse an Normand zeigte. Der auf fünf Jahre geschlossene Vertrag wurde daraufhin 18 Monate vor Ablauf gelöst. Normand kehrte zu den Keystone Studios nach Edendale zurück.
Sennett hatte ein neues Filmprojekt in Planung, Molly O’, für das er eigentlich Mary Pickford vorgesehen hatte, doch diese nahm das Angebot nicht an. So setzte er Mabel Normand als Star des Films unter der Regie von F. Richard Jones (Dick Jones) ein. Die Dreharbeiten verliefen schleppend. Normand spielte eine Rolle, für die sie eigentlich zu alt war, und sie war häufig krank. Doch Sennett sorgte für eine Filmcrew, die auf die kapriziösen Launen Mabel Normands einging, und ihre schauspielerische Leistung war außergewöhnlich. Kritik und Publikum waren begeistert, der Film wurde ein großer kommerzieller Erfolg für Sennett und ein gelungenes Comeback für Mabel Normand. Doch der Erfolg stand inzwischen auf tönernen Füßen: Übermäßiger Alkoholgenuss und Drogenmissbrauch ruinierten zunehmend ihr Aussehen und ihre Gesundheit.
Im Jahr 1921 erschütterte der Arbuckle-Skandal das Land. Das Klima wurde konservativer, Moralhüter in den ganzen USA bliesen zum Sturm gegen das „Sündenbabel Hollywood“. Auch Mabel Normand stand auf Grund ihres Lebenswandels in der Kritik.
1922 begannen die Dreharbeiten zum nächsten Filmprojekt, Suzanna. Jones führte wieder Regie, und auch der überwiegende Teil der restlichen Crew von Molly O’ stand wieder zur Verfügung. Normand spielte erneut eine Rolle, für die sie eigentlich schon zu alt war. Gleichzeitig stabilisierte sich jedoch ihr gesundheitlicher Zustand etwas. Sie begann, sich für Literatur zu interessieren, las Bücher und besuchte das Theater.
Ihr häufiger Begleiter in dieser Zeit wurde der Paramount-Regisseur William Desmond Taylor, der ihre Interessen teilte. Eine enge Freundschaft entwickelte sich, und Taylor unterstützte Normand dabei, von den Drogen loszukommen. Der gewaltsame Tod Taylors am 1. Februar 1922 erschütterte Hollywood: Mabel Normand besuchte ihren Freund Taylor, um ein Buch zu holen, das er ihr besorgt hatte. Der Regisseur begleitete sie danach zum Auto und kehrte in sein Haus zurück. Dort wurde er kaum 15 Minuten später an seinem Schreibtisch, wo er gerade mit seiner Steuererklärung beschäftigt war, von hinten erschossen. Mabel Normand war die letzte, die ihn lebend gesehen hatte, und wurde dementsprechend intensiv von der Polizei vernommen. Auch die Presse stürzte sich auf sie: Erneut wurde ihre Nähe zu Arbuckle thematisiert, und auch ihre Drogenabhängigkeit kam an die Öffentlichkeit.
Taylors Mörder wurde nie gefasst. Kurzzeitig stand die junge, ebenfalls sehr bekannte Paramount-Schauspielerin Mary Miles Minter in Verdacht, deren Karriere damit zu Ende war, doch es kam zu keiner Anklage. Mabel Normand verfiel in eine Krise, und die Dreharbeiten zu Suzanna mussten unterbrochen werden.
Obwohl der Film schließlich beendet werden konnte, kam die öffentliche Empörung über Mabel Normand nicht mehr zur Ruhe. Ihrem Freund Fatty Arbuckle stand sein dritter Prozess bevor. Da die Filme von Arbuckle verboten wurden, war auch Normand als seine häufige Filmpartnerin betroffen. Die negative Publicity dauerte an und beschädigte auch Normands Ruf. Im Sommer 1922 flüchtete sie sich auf eine Europareise. Zu Weihnachten reiste sie noch einmal nach England und kehrte erst im Februar 1923 in die USA zurück.
Sie wirkte angeblich erholt und ausgeruht, als Sennett ihr – nach erfolglosem Casting mehrerer Schauspielerinnen – die Hauptrolle in dem Film The Extra Girl anbot. Während der Dreharbeiten stürzte sie vom Pferd und brach sich das Schlüsselbein, doch sie erholte sich schnell, und die Produktion ging zügig weiter. Der Film gilt heute als Normands bekanntester neben Mickey, obwohl er nicht annähernd denselben kommerziellen Erfolg hatte.