M. Karunanidhi (Muthuvel Karunanidhi; Tamil: மு. கருணாநிதி Mu. Karuṇāniti [ˈkaruˌɳaːnid̪i]; * 3. Juni 1924 in Tirukkuvalai; † 7. August 2018 in Chennai) war ein indischer Politiker der Regionalpartei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK). Er war von 1969 bis zu seinem Tod 2018 Vorsitzender der tamilisch-nationalistischen DMK und war mehrfach (1969–1976, 1989–1991, 1996–2001 und 2006–2011) Chief Minister (Regierungschef) des Bundesstaates Tamil Nadu. Daneben war Karunanidhi ein produktiver Autor (Romancier, Dramatiker und Drehbuchautor). Von seinen Anhängern wurde er mit dem Ehrentitel Kalaignar (கலைஞர் Kalaiñar [ˈkalɛi̯ɲ̩ər] „Künstler“) bedacht.
M. Karunanidhi gehörte 1949 zu den Gründungsmitgliedern der DMK. Insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren arbeitete er als Drehbuch- und Dialogautor für die tamilische Filmindustrie und trug durch seine Arbeiten dazu bei, den tamilischen Film zu einem Vehikel der DMK-Parteipropaganda zu machen. Karunanidhi stieg zu einem der einflussreichsten Politiker der DMK auf und übernahm nach dem Tod des Parteigründers C. N. Annadurai 1969 dessen Nachfolge als Chief Minister und Parteiführer. In den 1970er-Jahren überwarf er sich mit dem Schauspieler und Politiker M. G. Ramachandran, der daraufhin die AIADMK-Partei gründete und Karunanidhi als Chief Minister ablöste. Nach M. G. Ramachandrans Tod wurde Karunanidhi als Chief Minister wiedergewählt. Von den 1990er- bis in die 2010er-Jahre prägte die Rivalität zwischen M. Karunanidhi und der AIADMK-Führerin J. Jayalalithaa, die sich mehrfach im Amt des Chief Ministers abwechselten, die Politik Tamil Nadus.
M. Karunanidhi wurde am 3. Juni 1924 im Dorf Tirukkuvalai im heutigen Distrikt Nagapattinam nahe Tiruvarur geboren. Sein Vater Muthuvel war Kleinbauer und Kräuterheiler, die Familie gehörte zu den Isai Vellala, einer Kaste von Tempelmusikanten. Karunanidhi war der erste Sohn seines Vaters, der zum dritten Mal geheiratet hatte, nachdem zwei Ehefrauen kinderlos verstorben waren. Seinen Namen erhielt Karunanidhi nach der Dorfgöttin seines Heimatortes. Später wollte Karunanidhi seinen (sanskritischen) Namen in „Arulselvam“ tamilisieren, musste seinen Plan aber wegen des Widerstands seines Vaters aufgeben.
Bereits als Jugendlicher wandte sich Karunanidhi der Dravidischen Bewegung zu, an deren Spitze zu jener Zeit E. V. Ramasami (Periyar) gegen den Einfluss der Brahmanen, das Kastensystem und den Hinduismus polemisierte und eine gesonderte Identität der Tamilen als „Draviden“ postulierte. Im Alter von 14 Jahren beteiligte sich Karunanidhi 1938 in Tiruvarur an den Protesten gegen die Einführung der nordindischen Sprache Hindi als Pflichtfach an den Schulen im Bundesstaat Madras. 1942 gründete er die Zeitschrift Murasoli, die später zum Parteiorgan der DMK werden sollte. Daneben wirkte Karunanidhi als einer der Herausgeber von E. V. Ramasamis Zeitschrift Kudi Arasu und verfasste Dramen im Sinne der Ideologie der Dravidischen Bewegung.
Karriere beim tamilischen Film
Im Alter von 20 Jahren begann Karunanidhi zunächst in Coimbatore, dann in Madras (Chennai) als Drehbuchschreiber für die tamilische Filmindustrie zu arbeiten. Er war an etwa 60 Filmen beteiligt. Sein Debüt hatte er bei der Filmgesellschaft Jupiter Pictures als Ko-Autor mit A. S. A. Sami für die Filme Rajakumari (1947), mit M. G. Ramachandran (MGR) in seiner ersten großen Hauptrolle, und Abhimanyu (1948). Ab 1950 begann M. Karunanidhi mit seinen Filmdrehbüchern die Ideologie der DMK zu verbreiten. Den Anfang dazu machten T. R. Sundarams Filme Manthiri Kumari (1950) und Sarvadhikari (1951), in denen jeweils M. G. Ramachandran als Hauptdarsteller für die DMK-Propaganda eintrat. Für das Krishnan-Panju-Melodram Parasakthi (1952), eine Geschichte um drei Brüder und deren Schwester, war Karunanidhi Autor des Drehbuchs, der Dialoge und einiger Liedtexte. Er gilt als die bekannteste seiner Arbeiten für den Film und glorifiziert mit einer sozialreformerischen und anti-religiösen Botschaft, die sich gegen Kastendiskriminierung, Brahmanendünkel und Aberglaube stellt, die DMK-Ideologie. In der bekanntesten Szene des Films versucht ein Priester die Schwester des Helden im Tempel der Göttin Parasakthi zu vergewaltigen. Parasakthi löste eine erhebliche Kontroverse aus, war aber ein großer Erfolg und begründete die Starkarriere des Hauptdarstellers Sivaji Ganesan. Auch andere von Karunanidhi geschriebene Filme behandelten sozialreformerische Themen wie Wiederverheiratung von Witwen, Unberührbarkeit oder das Zamindar-System. Drei seiner Filme fielen in den 1950er-Jahren der Zensur zum Opfer. Weitere bedeutsame tamilische Filme mit Karunanidhis Dialogen und Drehbüchern waren S. M. Sreeramulu Naidus MGR-Hit Malaikallan (1954), A. Kasilingams Sivaji-Ganesan-Film Rangoon Radha (1954) sowie die drei für L. V. Prasad geschriebenen Filme Manohara (1954), Thayilla Pillai (1961) und Iruvar Ullam (1963). Unter diesen sticht das im 11. Jahrhundert zur Zeit der Chola-Dynastie spielende Kostümdrama Manohara heraus, das mit scharf chauvinistischer, anti-nordindischer Rhetorik – vorgetragen am Ende in einem Monolog Sivaji Ganesans – alle „Arier“ als Eindringlinge und Schakale, die über den Khyber-Pass kamen, charakterisiert.
Mit MGR, dessen Frau V. N. Janaki und P. S. Veerappa produzierte Karunanidhi 1953 den Film Naam (Regie: A. Kasilingam). Später war er mit Murasoli Maran Inhaber des beliebten tamilischen Kabelkanals Sun TV Network, aus dem er sich jedoch in den 2000er Jahren zurückzog.
Nachdem C. N. Annadurai 1949 die DMK als Abspaltung von E. V. Ramasamis Dravidar Kazhagam (DK) gegründet hatte, schloss sich Karunanidhi dieser Partei an und spielte als Wahlkampforganisator und Aktivist bald eine tragende Rolle in ihr. Er tat sich vor allem bei Agitationen hervor: So führte er 1953 die Proteste in dem nach einem nordindischen Industriellen umbenannten Ort Dalmiapuram, bei denen gefordert wurde, dem Ort seinen ursprünglichen Namen Kallakudi wiederzugeben. 1965 beteiligte er sich an den Anti-Hindi-Protesten, die in Tamil Nadu ausbrachen, als die indische Regierung versuchte, Hindi als alleinige Amtssprache einzuführen. Bei beiden Gelegenheiten wurde Karunanidhi verhaftet, was ihm in der DMK einen Heldenstatus einbrachte. Als die DMK erstmals 1957 in die Madras Legislative Assembly, das Parlament des Bundesstaates Madras (später Tamil Nadu) einzog, gehörte Karunanidhi zu den ersten Abgeordneten der Partei. Durch seine Zeitschrift Murasoli und seine Funktion als Schatzmeister der DMK stieg Karunanidhi zu einem der führenden Politiker der Partei auf.
1967 gewann die DMK die Wahlen im Bundesstaat Madras, der wenig später in Tamil Nadu umbenannt wurde, und löste die Kongresspartei an der Regierung ab. In dem neuen Kabinett unter C. N. Annadurai bekleidete Karunanidhi die Ämter des Ministers für öffentliche Angelegenheiten und des Verkehrsministers. Nach Annadurais Tod im Jahr 1969 setzte sich Karunanidhi gegen seinen parteiinternen Konkurrenten V. R. Nedunchezhiyan durch und wurde zum Nachfolger Annadurais als Parteivorsitzender und Chief Minister gewählt.
Als Chief Minister und Oppositionsführer
1971 schloss M. Karunanidhi ein Wahlbündnis mit der Kongresspartei und löste die Tamil Nadu Legislative Assembly vorzeitig auf. Bei den vorgezogenen Neuwahlen konnte die DMK ihren Wahlerfolg eindrucksvoll wiederholen und gewann 184 von 234 Sitzen, Karunanidhi wurde als Chief Minister im Amt bestätigt. 1972 spaltete sich aber die DMK: M. G. Ramachandran, der seine immense Popularität als Filmstar hatte nutzen können, um eine wichtige Rolle in der DMK einzunehmen, beschuldigte Karunanidhi der Korruption und des Verrates an den Idealen des Parteigründers C. N. Annadurai und wurde aus der DMK ausgeschlossen. Daraufhin gründete M. G. Ramachandran eine eigene Partei, die ADMK (später umbenannt zu AIADMK), und zog ein Drittel der Mitglieder der DMK mit sich.
1976 setzte die unter Notstandsgesetzgebung regierende indische Premierministerin Indira Gandhi kurz vor den Bundesstaatswahlen Karunanidhis Regierung ab und stellte Tamil Nadu für 18 Monate unter President’s rule. Eine Untersuchung der Korruptionsvorwürfe gegen die DMK schwächte die Partei, doch Karunanidhi persönlich konnten keine Vergehen nachgewiesen werden, sodass er seine Stellung als Parteiführer behielt und sogar gestärkt aus der Krise hervorging. Die Neuwahlen 1977 entschied die AIADMK für sich, M. G. Ramachandran wurde zum Chief Minister und Karunanidhi zum Oppositionsführer. Auch bei den nächsten Wahlen 1980 und 1984 wurde M. G. Ramachandran im Amt bestätigt.