Die Luftangriffe auf Tokio (jap. 東京大空襲, Tōkyō Daikūshū) in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges zerstörten die japanische Stadt Tokio zu über 50 %. In der Zeit von Dezember 1944 bis August 1945 war Tokio über 30-mal das Ziel von Bombereinheiten der United States Army Air Forces (USAAF). Auf keine weitere japanische Stadt erfolgten mehr Luftangriffe. Einzelne Angriffe gehören zu den zerstörerischsten der Geschichte; am 9. März 1945 gab es mehr unmittelbare Opfer als später in Hiroshima bzw. Nagasaki.
Die Stadt Tokio bildete zusammen mit Kawasaki, Yokohama und weiteren kleineren Städten die Metropolregion Kantō. Dieses Ballungsgebiet galt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als die weltweit am meisten industrialisierte und am dichtesten besiedelte Region. Das urbane Gebiet umfasste eine Fläche von rund 2.500 km². Darin lebten 20 % der Bevölkerung der japanischen Hauptinseln. Tokio hatte im Jahr 1944 über 6,5 Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 77.699 bis 349.648 Einwohner pro km², womit es die größte japanische Stadt war. Das Stadtgebiet umfasste eine Fläche von über 577,5 km² und zählte rund 875.200 Wohngebäude, 48.300 Fabrikgebäude und 237.500 weitere Gebäude. Tokio war als Hauptstadt des Japanischen Kaiserreiches der wichtigste Verwaltungssitz. In der Stadt befand sich auch der Kaiserpalast, der Wohnsitz des Tennō Hirohito. Außerdem war Tokio das Finanz-, Industrie-, Handels-, Bildungs- und Kulturzentrum Japans mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen, Forschungsinstituten, Theatern und Museen. Mit verschiedenen Flughäfen und Eisenbahnknotenpunkten von mehreren Hauptlinien war es ebenso das Verkehrszentrum des Landes.
In der Stadt waren große Industrieviertel angesiedelt. Der Großraum von Tokio war zu diesem Zeitpunkt die wichtigste Region für die japanische Kriegswirtschaft. In den Industrievierteln befanden sich eine Vielzahl großer Industriebetriebe und Fabriken. Diese umfassten unter anderem wichtige Betriebe für die Rüstungsproduktion, Flug- und Fahrzeugproduktion sowie für die Stahlproduktion. Ebenso war Tokio ein wichtiger Standort für die Ölindustrie. Daneben existierte eine Vielzahl von Kleinbetrieben, welche sich auf das ganze Stadtgebiet verteilten. Zusätzlich gab es unzählige Heimindustrien, die sich über die Wohngebiete verteilten. In der Kantō-Region erfolgte 20 % der japanischen Industrieproduktion und rund 16 % der japanischen Industriearbeiter arbeiteten in dieser Region. Auch war Tokio ein wichtiger Standort für das japanische Kernwaffenprojekt.
Die Hafengebiete von Tokio und Yokohama waren die wichtigsten des ganzen Landes. Rund 25 % des japanischen Außenhandels wurde in diesen Hafenanlagen abgewickelt. Die Häfen konnten eine Vielzahl von Fracht- und Passagierschiffen aufnehmen. Im Hafen von Yokohama befand sich die viertgrößte Werft des Landes mit umfassenden Produktions- und Reparatureinrichtungen für militärische und zivile Schiffe. Dem Hafen vorgelagert befanden sich 16 Ankerplätze für Großschiffe.
Im Vergleich zu anderen Städten auf den japanischen Hauptinseln hatte Tokio eine Berufsfeuerwehr und eine Freiwilligenfeuerwehr mit einer vergleichsweise großen Anzahl von Feuerwehrmännern. Die Berufsfeuerwehr hatte einen Bestand von 8.100 Feuerwehrmännern und 716 Löschzügen. Die Freiwilligenfeuerwehren verfügten aber nur über wenig neuwertiges Gerät und gingen im Brandfall nach veralteten Taktiken der Brandbekämpfung vor. Daneben existierte eine Zivilverteidigung, die aus Berufs- und Freiwilligenpersonal bestand. Aufgrund der vorherrschenden Bauweise und der schwach ausgeprägten Zivilverteidigung war Tokio durch den Einsatz von Brandbomben stark gefährdet. Das städtische Gebiet war dicht bebaut und die meisten Gebäude aus leicht entflammbaren Materialien wie Holz oder Papier errichtet. Zusätzlich lagen Industrie- und Militäranlagen oft in dicht besiedelten Gebieten. Nach dem Großen Kantō-Erdbeben 1923 wurden in Tokio regelmäßige Luftschutzübungen durchgeführt und ab 1937 erging an die kommunalen Verwaltungen die Anweisung, die Zivilbevölkerung mit Handbüchern zu versorgen, die das beste Verhalten bei Luftangriffen erklärten. Im Vorfeld des Krieges waren im Land nur wenige Luftschutzbunker und andere Schutzeinrichtungen für Zivilbevölkerung und Industrie errichtet worden. Mitte 1944 war weder die Feuerwehr noch die Zivilverteidigung adäquat auf die Luftangriffe vorbereitet.
Die Kantō-Region war das am besten verteidigte Gebiet in Japan. Als wichtiger Industrie- und Wirtschaftsstandort war dieser Region eine vergleichsweise große Anzahl Flieger- und Flakeinheiten zugeteilt. Trotzdem blieb die Luftabwehr weitgehend unvorbereitet gegen die bevorstehenden Angriffe, da nur wenige der verfügbaren Flugzeuge und Flugabwehrkanonen die Operationshöhe der B-29 von 9.000 bis 9.500 Metern erreichen konnten und nur wenige Radarstationen zur Frühwarnung einsatzbereit waren.
Das vorrangige Ziel der Luftangriffe war die Zerstörung der Industriebetriebe von Tokio. Die Absicht dieser Angriffe war die Schwächung der japanischen Rüstungsindustrie, um die Versorgung der Kaiserlich Japanischen Armee einzuschränken und zu unterbinden. Das zweite Ziel war die Bevölkerung der Stadt. Mit der Vernichtung der Arbeitskräfte erhofften sich die Planer massive Einbußen in der Industrieproduktion. Das sollte zu Versorgungsengpässen beim Militär und der Zivilbevölkerung führen. Weiter wollte man die Moral (Arbeitsmoral, Durchhaltewillen usw.) der Bevölkerung schwächen oder brechen. Kaiser Hirohito sah sich bei einer Rundfahrt durch Tokio im März 1945 die Bombenschäden an. Dadurch soll er zu der Meinung gekommen sein, dass er den Krieg doch nicht mehr gewinnen könne. Das soll seine Entscheidung für die fünf Monate später erfolgte Kapitulation entscheidend beeinflusst haben.
Vom November 1944 bis im August 1945 erfolgten über 30 Luftangriffe auf die Stadt. Die Angriffe auf Tokio lassen sich grob in drei Phasen einteilen. Jede Phase war hinsichtlich der Angriffsziele, der Taktik und den verwendeten Bombentypen unterschiedlich. Die Luftangriffe der ersten Phase vom 24. November 1944 bis 27. Januar 1945 hatten primär Rüstungsbetriebe zum Ziel. Die Angriffe der zweiten Phase vom 10. Februar 1945 bis 29. Mai 1945 richteten sich gegen die Wohnviertel und die Zivilbevölkerung. Diese Angriffe erfolgten als Flächenbombardement. In der dritten Phase vom 10. Juni 1945 bis 15. August 1945 wurden wiederum Rüstungsbetriebe und Infrastruktur zur Versorgung der Armee und der Bevölkerung angegriffen.
Für Japan überraschend flogen am 18. April 1942 US-Bomber den ersten US-amerikanischen Luftangriff auf Tokio (Doolittle Raid). Er war eine Reaktion auf den japanischen Angriff auf Pearl Harbor und sollte der US-Bevölkerung demonstrieren, dass die USA ebenfalls solche Angriffe durchführen konnten. Da die Alliierten damals keine Stützpunkte hatten, die nahe genug an Japan lagen, wurde der Angriff von leichten B-25B-Bombern geflogen, die vom Flugzeugträger Hornet starteten. Von den 16 gestarteten Bombern griffen 10 militärische und industrielle Ziele in Tokio und Yokohama an. Jeder Bomber war mit vier 500-Pfund-Sprengbomben (227 kg) oder mit vier Streubomben mit AN-M54-Stabbrandbomben beladen. Die abgeworfenen Bomben verursachten nur geringe Schäden. Der erste Angriff auf die japanischen Hauptinseln traf die japanische Flugabwehr völlig unvorbereitet; sie leistete kaum Gegenwehr. Keiner der angreifenden Bomber wurde abgeschossen.
Die erste Phase begann am 24. November 1944 und dauerte bis zum 27. Januar 1945. In dieser Phase wurden Präzisionsangriffe aus großer Höhe mit wenigen Bombern durchgeführt. Die Angriffe wurden sowohl am Tag wie auch in der Nacht geflogen. Ziele dieser Angriffe waren Flugzeugfabriken und verschiedene weitere Industriebetriebe. Von sieben Angriffen in der Region Kantō galten sechs Angriffe Zielen in Tokio. Die erste Angriffsphase begann, nachdem im Oktober 1944 die ersten Einheiten des XXIth Bomber Command der Twentieth Air Force (20th AF) auf den Marianen stationiert worden waren. Dieser Verband war mit dem fortschrittlichen Bomber B-29 Superfortress ausgerüstet. Die B-29 konnte schwere Bombenlasten über weite Distanzen und in großer Höhe transportieren. Kommandeur des XXIth Bomber Command war Brigadegeneral Haywood Hansell.