Die mitteldeutsche Stadt Halberstadt erlebte 1944 und 1945 zehn Luftangriffe durch die 8th Air Force, von denen das Flächenbombardement mit fast 600 Tonnen Spreng- und Brandbomben am 8. April 1945 der schwerste war. Dieses löschte, drei Tage vor Einmarsch der US-Bodentruppen, die historische Innenstadt zu über 80 Prozent aus. Dabei gingen auch die meisten wertvollen Baudenkmäler verloren oder wurden schwer beschädigt. Insbesondere der Angriff vom 8. April hat „das Gesicht und die Identität Halberstadts auf Jahrzehnte zerstört“. Insgesamt wurden bei den Luftangriffen auf Halberstadt fast 1400 Tonnen Bomben abgeworfen, und 1850 bis zu 3000 Menschen verloren ihr Leben.
Halberstadt war eine im Mittelalter gegründete alte Bischofsstadt, eine Metropole im Harzraum und zudem Verkehrsknotenpunkt mit großer Bahnhofsanlage an der bereits 1843 eröffneten Bahnstrecke von Magdeburg und Oschersleben. Sie galt als „Rothenburg des Nordens“, mit siebenhundert alten, teilweise architektonisch sehr wertvollen Fachwerkhäusern, prächtigen Häusern aus der Gründerzeit, mit schönen Villen und mit Arbeiterwohnungen in der Unterstadt. Mit seinen rund 50.000 Einwohnern war Halberstadt eine geschäftige Handelsstadt und hatte ein reiches kulturelles Leben mit überregional bekanntem Theater, bedeutenden Sporteinrichtungen und vielen Vereinen.
Es war eine traditionelle Garnisonsstadt der Halberstädter Kürassiere vor dem Ersten Weltkrieg und der Reichswehr von 1920 bis 1934. In der NS-Zeit erfolgte die Aufrüstung des Wehrmachtstandortes Halberstadt, mit dem Schwerpunkt Luftwaffe auf dem Fliegerhorst an den Thekenbergen. Auf einem Teil des früheren Werksgeländes der Halberstädter Flugzeugwerke wurde 1935 in der Klusstraße 30–38 ein neues Junkers-Zweigwerk zur Fertigung von Tragflächen für die Junkers Ju 88 errichtet.
Alle Luftangriffe erfolgten als Tagesangriffe durch die 8th Air Force der United States Army Air Forces. In den Akten des britischen RAF Bomber Command lagen bereits seit 1942 Pläne zur Bombardierung von Halberstadt unter dem Codenamen „Sardine“. Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby, der als begeisterter Angler alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem Fish code versah.
Angriffe Januar 1944 bis 7. April 1945
Die folgenden Informationen stammen aus dem Standardbuch Halberstadt brennt von Werner Hartmann und den Kriegstagebüchern der 8th Air Force.
11. Januar 1944: 52 B-17 „Flying Fortress“ der 1st Bombardment Division der 8th Air Force der USAAF warfen 143 Tonnen Bombenlast auf das Junkers-Zweigwerk, den Hauptbahnhof, die Harzbrauerei und benachbarte Häuser ab. Das Junkers-Werk wurde erheblich getroffen. Ein 16-jähriger Junge im Sommerbad war das erste Todesopfer des Bombenkriegs in Halberstadt.
22. Februar 1944: 18 B-17-Bomber warfen mit dem verfehlten Ziel der Flugzeugwerke aus 6500 bis 7000 Meter Höhe 26,5 (33) Tonnen Bombenlast ins freie Feld zwischen Harsleben und Halberstadt: 150 Bombenkrater. Es gab keine Toten.
11. April 1944: Bei einem US-Luftangriff auf den Fliegerhorst der Luftwaffe in den Thekenbergen wurden zahlreiche Gebäude zerstört, 29 Soldaten kamen ums Leben. Alle acht Besatzungsmitglieder eines am Großen Thekenberg abgeschossenen US-Fernbombers starben.
30. Mai 1944: 107 B-17 warfen 145 Tonnen Bombenlast auf das Flugzeugwerk und Wohngegend. 52 Menschen starben in dem Werk (darunter 20 Italiener), in ihren Häusern und auf den Straßen.
16. August 1944: 13 B-17-Bomber griffen mit 27,5 Tonnen Bomben den Fliegerhorst an. Neun Soldaten und drei Wehrmachthelferinnen kamen ums Leben.
14. Februar 1945: Ein Angriff mit dem Ziel Junkers-Werk führte zur Zerstörung mehrerer Gebäude und Beschädigung des Standortlazaretts. 21 Personen starben, davon 11 Ausländer.
19. Februar 1945: US-Jagdbomber griffen den Hauptbahnhof und Wehrstedt an. Elf Personen, wohl alle Ausländer, kamen ums Leben.
22. Februar 1945: Im Rahmen der Operation Clarion erfolgte gegen 13 Uhr ein Großangriff auf den Hauptbahnhof und auf Wehrstedt, dem 155 Menschen zum Opfer fielen. Der Bahnhof wurde völlig verwüstet und unbrauchbar gemacht, den Bombern folgten gleich die Tiefflieger. Auch in der Stadt und besonders Wehrstedt entstanden schwere Schäden. In der Kirche von Wehrstedt begrub ein Volltreffer viele dort Schutzsuchende.
Durch Bordwaffenbeschuss von Tieffliegern, ebenfalls am 22. Februar, kamen auf einem Transport zwischen Wegeleben und Halberstadt 15 kriegsgefangene Briten und zwei US-Amerikaner ums Leben.
7. April 1945: Mehrere US-Jagdbomber warfen bei klarer Sicht Brandbomben in Halberstadt ab und schossen in die Straßen. Dann griffen sie einen auf Gleis 9 im Bahnhofsgelände abgestellten Munitionszug an. Die Jagdbomber wurden nach Angriffsbeginn von Zugflak beschossen. Eines der Flugzeuge – eine Thunderbolt – stürzte ab, der Pilot wurde gefangen genommen. Die hochbrisanten Seeminen auf dem Zug explodierten, es entstand ein riesiger Krater, 650 Eisenbahnwaggons und 45 Lokomotiven wurden vernichtet. Der Bahnhof mit seinen Gebäuden, Gleis- und Weichen-Anlagen war außer Funktion gesetzt. Im Stadtgebiet entstanden erhebliche Luftdruckschäden an Fenstern, Türen und Dächern.
Die Lage in Halberstadt Anfang April 1945
Die Stadt war mit 70.000 Menschen übervölkert: darunter befanden sich viele Luftkriegsevakuierte, Tausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten, ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. In 22 Einrichtungen wurden 3000 bis 4000 Verwundete und kranke Soldaten betreut: im Standortlazarett, im Salvator-Krankenhaus, in Privatkliniken, Reservelazaretten und Krankenrevieren der Kasernen. Die Lazarette waren mit großen und weithin nach oben sichtbaren Rotkreuzzeichen erkennbar. Verteidigungsfähige Kampftruppen oder militärische Stäbe befanden sich nicht in der Stadt, auch andere militärische Ziele gab es nicht mehr. Der Volkssturm war einberufen und hatte „Panzersperren“ gebaut. Flak oder Jagdflugzeuge gab es nicht mehr. Die Bevölkerung war in passivem Luftschutz ausgebildet. Höhlen in den Spiegelsbergen (Lange Höhle, Am Felsenkeller) waren zu sicheren Schutzräumen ausgebaut worden – mussten aber natürlich erst erreicht werden. Auch der Remterkeller der Domklausur war zum Luftschutzraum ausgebaut worden. An verschiedenen Standorten waren große Löschwasserteiche angelegt worden. Im Hauptpostamt befand sich eine Luftwarnzentrale, die auch für die umliegenden Städte und Dörfer zuständig war. Es herrschte praktisch ständig Luftalarm, da dauernd US-Jagdbomber im Einsatz waren oder Überflüge von „Bomberströmen“ erfolgten. Am 8. April befanden sich die US-Panzerspitzen nur noch 40 Kilometer westlich von Halberstadt.