Ludwig Kaas (* 23. Mai 1881 in Trier; † 15. April 1952 in Rom) war ein deutscher katholischer Theologe und Politiker. Der anerkannte Kirchenrechtler wurde nach dem Ersten Weltkrieg Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei und war zwischen 1928 und 1933 deren Vorsitzender. Er steuerte die Partei auf einen rechten Kurs, unterschätzte die Gefahr, die von Adolf Hitler und der NSDAP ausging, und war zur Zusammenarbeit mit ihnen bereit. Nach Hitlers Machtübernahme schwor Kaas die Zentrumspartei auf die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz ein, das dem neuen Reichskanzler diktatorische Vollmachten zugestand. Anschließend ging er nach Rom und war auf Seiten des Heiligen Stuhls mit der Ausarbeitung des Konkordats mit dem Deutschen Reich beteiligt. Danach übte er verschiedene Ämter in der Kurie aus.
Ludwig Kaas war Sohn des Kaufmanns und Landwirts Peter Kaas und dessen Frau Susanne (geb. Blum). Nach dem Abitur 1899 am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, das er als Schulbester abschloss, studierte Kaas Theologie am Priesterseminar in Trier und auf Empfehlung von Bischof Michael Felix Korum in Rom. Er gehörte dort dem Collegium Germanicum et Hungaricum an und studierte an der Gregoriana. Er wurde 1904 zum Dr. phil. und 1907 zum Dr. theol promoviert.
Bereits 1906 wurde er in Rom zum Priester geweiht. Nur kurzzeitig kehrte er als Kaplan in Adenau nach Deutschland zurück und lebte bis 1909 in Rom. Dort war er ab 1908 Kaplan des Collegio Teutonico di Santa Maria dell’Anima. Im Jahr 1909 wurde er in Rom im Fach kanonisches Recht promoviert.
Im selben Jahr war er kurzzeitig Kaplan in Kärlich. Im Jahr 1910 wurde er Präfekt und Rektor eines Waisenhauses bei Koblenz. Außerdem war er Religionslehrer und Subdirektor der Höheren Schule Kemperhof. Durch die Förderung von Bischof Korum setzte er sein rechtswissenschaftliches Studium in Bonn fort und habilitierte sich 1915/16 bei Ulrich Stutz mit der Arbeit „Die geistliche Gerichtsbarkeit der katholischen Kirche in Preußen.“
In den folgenden Jahren war er rechtswissenschaftlich tätig und legte bedeutende Schriften vor. Vor diesem Hintergrund wurde er 1918 zum Professor für kanonisches Recht am Priesterseminar in Trier berufen. Ein Angebot, als Assistent an die Universität Bonn zu gehen, hatte er ausgeschlagen. Auch das Angebot eines Lehrstuhls in Bonn lehnte er 1919 ab. Allerdings wurde er Leiter einer Zweigstelle des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht mit Sitz in Trier.
Als hervorragender Kirchenrechtler war er seit 1917 Berater des Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli (später Papst Pius XII.). Beide verband eine enge und lebenslang anhaltende Freundschaft. Kaas war auch Prälat und seit 1924 Domkapitular. Seit 1927 war er Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindung Alania-Bonn im CV sowie seit 1929 Mitglied der KDB Sigfridia zu Bonn im RKDB.
Anfänge der politischen Tätigkeit
Etwa seit seiner Trierer Zeit interessierte sich Kaas für politische Fragen. Der Politik wandte er sich ab 1919 verstärkt zu. Er trat der Zentrumspartei bei. In dieser gehörte er zum gemäßigten rechten Flügel. Für den Wahlkreis Trier wurde er in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Als ausgewiesener Rechtsexperte gehörte er dem Verfassungsausschuss an. Dabei lag sein Hauptaugenmerk auf der Ausgestaltung der Stellung der Kirchen im neuen Staat. Der Verfassung stand er zu dieser Zeit positiv gegenüber.
Auch für außenpolitische Fragen wurde er herangezogen. So reiste er im Mai 1919 für zwei Tage nach Versailles, wo über den Friedensvertrag verhandelt wurde. Er wurde 1920 in den Reichstag gewählt, im Mai 1924 wiedergewählt; ebenso bei den Reichstagswahlen im Dezember 1924, im Mai 1928, im September 1930, im Juli 1932, im November 1932 und im März 1933.
In dieser Zeit war er Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und machte sich als Außenpolitiker bald einen Namen. Von 1926 bis 1930 war er deutscher Delegierter beim Völkerbund. Er unterstützte die Politik von Gustav Stresemann (Reichskanzler von August bis November 1923) und insbesondere dessen Annäherung an Frankreich, obwohl er Vorbehalte im Detail und persönliche Aversionen gegen Stresemann hatte.
Kaas gehörte seit 1921 auch dem preußischen Staatsrat an. Er pflegte enge Beziehungen zu dessen Vorsitzendem Konrad Adenauer. Zeitweise befürwortete er wie Adenauer einen rheinischen Staat. Seinen Lehrstuhl gab er 1924 wegen seiner vielfältigen politischen Verpflichtungen auf. Zusammen mit Nuntius Pacelli plädierte er für ein Konkordat zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl, konnte dieses ihm wichtige Ziel während der Weimarer Republik aber nicht durchsetzen. Eine bedeutende Rolle spielte er beim Zustandekommen des Preußenkonkordats, ohne dass es gelungen wäre, einen für die katholische Seite befriedigenden Schulartikel aufzunehmen.
Die Zentrumspartei erlebte ein Nachlassen ihrer Bindungsfähigkeit mit dem Höhepunkt bei der Reichstagswahl 1928. Im selben Jahr zeichnete sich ab, dass der bisherige Parteivorsitzende Wilhelm Marx nicht noch einmal kandidieren würde. Für die Nachfolge bewarben sich mit Joseph Joos und Adam Stegerwald gleich zwei Vertreter des sozialpolitischen Flügels der Partei. Der dritte Kandidat war Kaas. Er galt als ein Kompromisskandidat, der unter anderem Garant dafür sein sollte, den Einfluss der christlichen Gewerkschaften zu begrenzen.
Er erhielt in einer Kampfabstimmung 184 von 318 abgegebenen Stimmen (57,9 %). Im Gegensatz zu den beiden anderen Kandidaten, die für bestimmte Interessen innerhalb der Partei standen, erhoffte man sich in der Partei durch die Wahl eines Priesters die Betonung der konfessionellen Grundlagen des Zentrums. Dies schien als ein Weg, der Erosion des politischen Katholizismus entgegenwirken zu können.
In der Folge schien eine stärkere Anlehnung des Zentrums an die Kirche und die katholische Aktion wie auch die Rechtsparteien möglich. Kaas äußerte sich zunehmend kritisch zum parlamentarischen System und ließ Sympathien für autoritäre Lösungen erkennen. Auf dem Katholikentag im August 1929 äußerte er: „Niemals ist der Ruf nach einem Führertum großen Stils lebendiger und ungeduldiger durch die deutsche Volksseele gegangen als in den Tagen, wo die vaterländische und kulturelle Not uns allen die Seele bedrückt.“
Der Wissenschaftler Kaas war seiner Rolle als Parteivorsitzender nicht immer gewachsen. Er setzte sich nicht immer mit vollem Einsatz ein und blieb etwa wichtigen Sitzungen fern. Dies hing auch damit zusammen, dass er seit 1930 in Sterzing (Südtirol) lebte und so in Krisenmomenten nicht in Berlin war.
Eine Folge des Führungswechsels beim Zentrum war eine Regierungskrise. Als Bedingung für eine formelle große Koalition stellte das Zentrum Reichskanzler Müller unter anderem die Bedingung auf drei Ministerien. Nach verschiedenen Verhandlungen nahm das Zentrum Theodor von Guérard aus dem Kabinett Müller II. Durch die Aufkündigung der Unterstützung hatte die Regierung vorübergehend die Mehrheit im Parlament verloren, ehe es doch noch zu einer formellen großen Koalition unter Einschluss des Zentrums kam.
Nach der Ernennung von Heinrich Brüning zum Reichskanzler stand Kaas und damit die Partei hinter dem Kanzler. Er unterstützte ihn auch bei der Zurückdrängung des Reichstages. Auf der anderen Seite hielt sich Kaas spätestens seit 1931 die Option der Zusammenarbeit mit Hitler und der NSDAP offen. Damit stand er im Gegensatz zum Kanzler, was zur Entfremdung von Kaas und Brüning führte. Nach Meinung Brünings war Kaas seit Ende 1931 zu einem Bruch der Verfassung bereit. In den Sturz Brünings war er eingeweiht.
Als Franz von Papen, der ebenfalls Zentrumsmitglied war, nach dem Sturz Brünings dessen Nachfolger werden sollte, machte ihm Kaas unmissverständlich deutlich, dass er diesen Schritt als Verrat betrachten würde. Papen trat folglich drei Tage später aus der Partei aus. Kaas bekämpfte Papen in der Folge politisch scharf.