Ludwig Gies (* 3. September 1887 in München; † 27. Januar 1966 in Köln) war ein deutscher Bildhauer, Medailleur, Glasmaler und Hochschullehrer. Für die Nationalsozialisten wurde er mit seinem expressionistischen Lübecker Kruzifixus (1921) bereits seit 1922 zum Prototyp des „entarteten Künstlers“. Sein bekanntestes Werk ist der Bundesadler (1953) im Bonner Bundestag, in veränderter Fassung heute im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes zu Berlin.
Gies wuchs als älterer von zwei Söhnen der Eheleute Philipp Gies und Johanna Gies, geborene Grieb, in München auf. Der Vater verstarb bereits 1915. Es ist unsicher, ob Gies die Realschule besuchte oder die achtjährige Volksschule. In München durchlief er zunächst eine kunsthandwerkliche Ausbildung. 1902 bis 1906 absolvierte er eine Lehre als Ziseleur bei Winhart & Co., für die er nach seiner Gesellenprüfung mit Unterbrechungen bis 1914 als freier Mitarbeiter tätig blieb. Zeitgleich besuchte er 1902 bis 1904 die Städtische Gewerbeschule an der Luisenstraße (Ziselieren bei Johann Vierthaler, Modellieren bei Franz Xaver Krieger und Franz Bernauer). In diese Zeit, teils auch früher, lassen sich Studienblätter datieren, die auf einen Zeichen(vor)kurs schließen lassen. Von 1904 bis 1907 erlernte er an der Königlichen Kunstgewerbeschule München bei Heinrich Waderé das figürliche Modellieren und bei Fritz von Miller das Ziselieren und Emaillieren. Besonders prägend war dabei der Einfluss von Waderé, der Gies mit der Medaillenkunst in Berührung brachte. Von Mai 1908 bis vermutlich 1910 studierte er an der Münchner Kunstakademie Bildhauerei bei Balthasar Schmitt. Damals schloss er Freundschaft mit dem Bildhauer Karl Knappe.
Im späten 19. Jahrhundert hatte der Historismus auch Auswirkungen auf die Metallverarbeitung, wurde jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Einflüssen des Jugendstils bzw. „Süddeutschen Tendenzen“ abgelöst. Die Firma Winhart & Co. verfolgte fortschrittliche Ansätze aus beiden Richtungen, was Gies früh mit Richard Riemerschmid und Bruno Paul in Kontakt brachte. Weitere Vertreter des Münchener Jugendstils im Umkreis der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk waren Hermann Obrist und Bernhard Pankok.
Seit spätestens 1912 war Gies als freischaffender Bildhauer in München tätig. Eine Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Nymphenburg erweiterte seine Möglichkeiten im Umgang mit Keramik wie Majolika; sein keramischer Ofen fand bei der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern Beachtung. Um 1910/1911 setzte sein Medaillen- und Plakettenwerk ein, worin Gies zu einem der bedeutendsten Vertreter im 20. Jahrhundert wurde. Damals förderte Max Bernhart als Kustos am Königlichen Münzkabinett (heute Staatliche Münzsammlung München) die künstlerische Erneuerung der Gussmedaille in Tradition der Renaissance. Gemeinsam mit der Prägeanstalt Poellath in Schrobenhausen veranstaltete er Wettbewerbe, an denen Gies sich erfolgreich beteiligte. Bis 1918 erschienen viele seiner Medaillen und Plaketten im Verlag von Poellath. 1913 wurde Gies Mitglied im 1907 gegründeten Deutschen Werkbund. Dort propagierten Bildende Künstler, Architekten, Gestalter und Unternehmer die praxisnahe Einheit von sogenannter Freier und Angewandter Kunst. Dies sollte Gies, der selbst aus dem Kunsthandwerk stammte, zeitlebens prägen. Die wachsende Wertschätzung seiner klaren und großzügigen Wandgestaltungen durch Architekten führte seit 1922 immer wieder zur Zusammenarbeit bei der Kunst am Bau. Mit Beginn des Dritten Reiches ermöglichte sie dem als „entarteter Künstler“ verfemten Gies zunächst noch manches Werk im halb- oder nichtöffentlichen Raum. Nach 1945 setzten Architekten und Bauherren die Zusammenarbeit fort. So waren beim Auftrag zum Bundesadler im Bonner Bundestag (der später so genannten Fetten Henne, 1953) im Alten Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn wichtige Beteiligte langjährige Werkbund-Mitglieder: Der Bildhauer Gies, der Architekt Hans Schwippert und auf Seiten der Auftraggeber der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss (1918 bis 1933 Werkbund-Geschäftsführer).
1914 brach der Erste Weltkrieg aus, an dem Gies aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat teilnahm, aber zeitweilig zum Arbeitsdienst in einer Pasinger Munitionsfabrik eingezogen wurde. In seinen zahlreichen Medaillen und Plaketten, teils in eigenen Themenserien erschienen, distanzierte er sich in dieser Zeit vom Patriotismus, verweigerte sich der Indienstnahme durch die staatliche Propaganda und stellte das aktuelle Kriegsleid in einer überzeitlichen Interpretation dar, was gelegentlich zu einer obrigkeitlichen Zensur seiner Werke führte.
Im August 1917 hatte Bruno Paul, der Leiter der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, zur Besichtigung verschiedener Bildhauerarbeiten eine Dienstreise nach München unternommen. An der Unterrichtsanstalt war nach dem Ausscheiden Joseph Wackerles eine Stelle unbesetzt, die sich speziell mit der Medaillenkunst beschäftigt hatte. Während dieser Reise traf Paul auf Gies und konnte diesen anschließend mit Unterstützung durch Wilhelm von Bode, den Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin, an die Unterrichtsanstalt berufen. Paul war möglicherweise durch frühere Empfehlungen oder durch seine Kenntnis der progressiven Münchner Medaillenkunst in Konkurrenz zur offiziösen Berliner Prägemedaille auf Gies aufmerksam geworden. Vielleicht entsann er sich dessen auch noch aus der Zeit seiner eigenen Kooperation mit Winhart & Co. (um 1902).
In Berlin wurde Gies Lehrer der Klasse für Stempelschneiden und Modellieren für Goldschmiede und Ziseleure und 1921 zum Professor ernannt. Ab 1924 leitete er an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst (heute Universität der Künste Berlin) die Klasse für dekorative Plastik. Einer seiner Schüler war der Keramiker Heiner-Hans Körting. 1920 heiratete Gies Hanna geb. Busse (1887–1973); ihre Ehe blieb kinderlos. Um 1919 begann Gies sein kleinplastisches Werk zu entwickeln. Es folgte die Beschäftigung mit Glasmalerei und Mosaik. Als tiefgläubiger Katholik schuf Gies bauverbundene und freie Arbeiten im Geist der Reformbewegung religiöser Kunst. Zur Modernisierung der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale 1931 bis 1932 durch Clemens Holzmeister trug er ein Lamm Gottes in der Mandorla bei. Sein damals umfangreichstes Werk entstand 1930 für die Neugestaltung der Bonner Universitätsaula durch Bruno Paul: Der siebenteilige Orgelprospekt Alma Mater und vier Fakultäten zeigt geflügelte Genien als Personifikationen der Fakultäten. 1933 wurde dieser Prospekt durch die neuen Machthaber sogleich mit Hakenkreuzfahnen verhängt. In Fragmenten über den Krieg gekommen, ist er als Teilrekonstruktion seit 1993 in der Aula der Kölner Fachhochschule installiert. Obschon grundsätzlich unpolitisch und auch wegen seiner Zensur-Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges zurückhaltend, beteiligte sich Gies an Wettbewerben zu offiziellen Veröffentlichungen der jungen Weimarer Republik. So gestaltete er für den Reichskunstwart, das Werkbund-Mitglied Edwin Redslob, 1923 die expressionistische Medaille Ruhrkampf. Daneben erhielt der unter Architekten als „Adler-Spezialist“ bekannte Bildhauer weitere Aufträge durch diese, darunter Eduard Jobst Siedler, für dessen Erweiterungsbau an der Berliner Reichskanzlei er 1930 zwei republikanische Reichsadler schuf. Das „Dritte Reich“ sollte dann für seine eigenen Hoheitszeichen (Reichsadler mit Eichenlaubkranz und Hakenkreuz) anstelle des als „Entarteter“ abgelehnten Gies den Bildhauer Kurt Schmid-Ehmen beschäftigen, so auch beim Bau der Neuen Reichskanzlei durch Albert Speer, ebenso für dessen Deutschen Pavillon auf der Pariser Welt(fach)ausstellung 1937. Bei der Gestaltung der Berliner Neuen Wache von Karl Friedrich Schinkel zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ließ Heinrich Tessenow 1930 bis 1931 einen großen Kranz silberner Eichenlaubblätter durch Gies entwerfen. In den Wirren der Zeit seit 1945 verschwunden, unter abenteuerlichen Umständen wiedergefunden und noch durch Gies restauriert, ist der Kranz heute im Deutschen Historischen Museum ausgestellt.