Gottfried Ludolf Camphausen (* 10. Januar 1803 in Hünshoven, Département de la Roer, Französische Republik; † 3. Dezember 1890 in Köln) war ein rheinischer Bankier und deutscher Politiker. Als gemäßigter Pol unter den führenden Liberalen der preußischen Rheinprovinz im Vormärz wurde Camphausen in der Revolutionszeit von März bis Juli 1848 Ministerpräsident der preußischen Märzregierung.
Ludolf Camphausen kam als Bürger der Ersten Französischen Republik während der Annexion des Rheinlands durch Napoleon Bonaparte zur Welt und wurde erst 1815 Preuße. Die Familie Camphausen spielte schon seit längerem eine bedeutende Rolle für den Handel und das produzierende Gewerbe im Rheinland. Gottfried Ludolf war Sohn des Kaufmannes Gerhard Gottfried Camphausen, der eine Tabak- und Ölhandlung betrieb. Die Mutter war Maria Wilhelmine geborene Peuchen. Das Ehepaar hatte mehrere Kinder. Der Bruder August war später Geschäftspartner von Ludolf Camphausen. Ein anderer Bruder war der spätere preußische Finanzminister Otto von Camphausen.
Camphausen besuchte das Gymnasium in Weilburg. Später ging er auf die Handelsschulen in Rheydt und Berg. Anschließend machte er eine kaufmännische Lehre in Düsseldorf und beteiligte sich am kulturellen Leben der Stadt. Durch den Besuch der Handelsschulen gehörte Camphausen zu der kleinen Gruppe der höher Gebildeten unter den frühen Unternehmern. Dies erleichterte ihm später die Kontakte mit den Bildungsbürgern auf der einen Seite und den vielfach aus der Praxis kommenden Wirtschaftsbürgern auf der anderen Seite.
Ludolf Camphausen heiratete Elise Lenssen, die Tochter eines Spinnereibesitzers aus Rheydt. Mit ihr war er mehr als sechzig Jahre verheiratet. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor, die später einen Justizrat Nacken aus Köln heiratete. Ein Ururenkel Camphausens war der 1916 geborene deutsche Botschafter Harald Heimsoeth.
Zusammen mit seinem Bruder August übernahm Camphausen nach dem Tod des Vaters das elterliche Geschäft. Daraus ging später das Handels- und Bankhaus A. u. L. Camphausen hervor. Im Jahr 1826 errichteten sie eine Zweigniederlassung in Köln. Da der Geschäftsumfang der Kölner Niederlassung stark anwuchs, zog Ludolf Camphausen 1831 ganz nach Köln. Das Bankhaus gehörte rasch zu den vier größten Kölner Banken. Seit 1831 war Camphausen Mitglied der Kölner Handelskammer, von 1838 bis 1848 ihr Präsident. Als Präsident der Kammer versuchte er mit Eingaben und Denkschriften Einfluss auf die preußischen Regierungsbehörden zu nehmen. Zusammen mit Heinrich Merkens, Wilhelm Ludwig Deichmann und Heinrich von Wittgenstein versuchte Camphausen, der Kölner Wirtschaft neue Impulse zu geben und die Stadt zum dominierenden Handels- und Verkehrszentrum des Rheinlands auszubauen. Stärker als andere rheinische liberale Politiker wie Gustav Mevissen war Camphausen Anhänger des Freihandels. Mevissen und Camphausen waren in den 1840er Jahren denn auch Protagonisten im Streit zwischen Freihändlern und Anhängern des Schutzzolls, der die Handelskammer, den städtischen Rat und die Bürgerschaft zeitweise in zwei Lager spaltete. Dabei konnte sich die freihändlerische Position Camphausens letztlich durchsetzen.
Während sich die meisten Unternehmer in der Zeit der frühen deutschen Industrialisierung zunächst auf ein Geschäftsfeld konzentrierten, gab es insbesondere im Rheinland auch solche wie Camphausen, die in verschiedenste Unternehmungen investierten. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Eine Neuerung in der Schifffahrt war die Einführung von dampfgetriebenen Schleppern und Lastkähnen. Camphausen gründete 1841 eine rheinische Dampfschleppschifffahrtsgesellschaft, die neben der von Mathias Stinnes zur führenden Schifffahrtsgesellschaft auf dem Rhein wurde. Vor allem setzte er sich aber für den Eisenbahnbau ein. Camphausen begann nach seiner Übersiedlung nach Köln, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck studierte er die Literatur zum Eisenbahnwesen und entsprechende Gesetzgebung in England, Belgien und den USA. Die Bahn war für Camphausen ein zentraler „Hebel für die Beförderung materieller Wohlfahrt. […] Der Fortschritt von gewöhnlichen Straßen zu Eisenbahnen ist so riesengroß, dass ein Land, welches sie besitzt, das Land, welches sie nicht besitzt, als auf einer niedrigeren Kulturstufe mit Recht betrachten mag“, schrieb Camphausen 1838. Bis 1837 schrieb er insgesamt 18 Denkschriften zu Wirtschaftsfragen. Die wohl berühmteste ist die vom „Eisernen Rhein“, der Eisenbahn von Köln nach Antwerpen. An der Umsetzung waren neben Camphausen auch David Hansemann und Gustav Mevissen führend beteiligt. Camphausen stieg aus der Führung allerdings schließlich aus. Grund dafür war ein Streit um die Streckenführung der Kölner Investoren mit einer Gruppe aus Aachen um Hansemann. Stark engagiert war Camphausen auch beim Bau der Köln-Mindener und der Bonn-Kölner Eisenbahn. Zu seinen vielen Aktivitäten gehörte auch die Beteiligung an der Gründung der (älteren) Rheinischen Zeitung 1842. Camphausen, Mevissen und andere Großbürger finanzierten das Blatt mit der Absicht, ein in ihrem Sinn fortschrittliches Organ für Politik und Wirtschaft zu etablieren. Journalistisch geprägt wurde es allerdings von linksgerichteten Intellektuellen wie Karl Marx, deren Beiträge deutlich radikaler waren als von den Finanziers beabsichtigt. Obwohl Camphausen die Zeitung weiter finanziell unterstützte und seinen Aktienanteil verdoppelte, stand er ihrem radikalen Kurs kritisch gegenüber. Um ausgleichend zu wirken, schrieben sowohl Camphausen als auch Gustav Mevissen eigene Beiträge für das Blatt. Dennoch konnte dies nicht verhindern, dass die Zeitung 1843 von den preußischen Behörden als Oppositionsblatt verboten wurde.
Nicht zuletzt investierte das Bankhaus Camphausen in Industrie- und Bergbauunternehmen im entstehenden rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Es war zusammen mit dem Schaaffhausen’schen Bankverein an der Gründung einer der ersten bergbaulichen Aktiengesellschaften im Ruhrgebiet beteiligt. Bei den Eisenbahnen, im Bergbau und in der Großindustrie hatten sich Aktiengesellschaften als eine besonders effektive und leistungsfähige Form der Kapitalbeschaffung erwiesen. Konsequenterweise forderte Camphausen 1839 die Möglichkeit, auch Banken als Aktiengesellschaften zu führen. Dies stieß aber noch für Jahre auf scharfe Ablehnung durch die preußischen Behörden.
Camphausen kam durch seine unternehmerische Tätigkeit ebenso wie sein Bruder auf ein jährliches Einkommen von etwa 24.000 Talern. Damit gehörten beide zu der nur etwa 2 % der Gesamtbevölkerung umfassende Oberschicht Kölns.
Neben seiner wirtschaftlichen Tätigkeit widmete sich Camphausen bereits früh politischen Fragen. Im kommunalen Bereich schlug er zur Finanzierung städtischer Aufgaben die Auflegung einer städtischen Anleihe mit progressiven Tilgungsraten vor. Er wurde 1831 Mitglied des Stadtrates von Köln. Angesichts des erst ein Jahr zuvor erworbenen Bürgerrechts war dies ein ungewöhnlich früher politischer Erfolg. Dem Gremium gehörte er mit nur kurzen Unterbrechungen bis zum Vorabend der Revolution von 1848 an.
Seit den 1830er Jahren entwickelte sich im Rheinland ein von den großbürgerlichen Unternehmern der Region getragene Spielart des Liberalismus. In den frühen 1840er Jahren weckte die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. Hoffnungen auf Reformen. Im „Montagskränzchen“, einem informellen Gesprächskreis, an dem sich Camphausen intensiv beteiligte, begann sich die liberale Bewegung im Rheinland zu verdichten. Neben Hermann von Beckerath, Mevissen und Hansemann gehörte Camphausen zu den führenden Köpfen der rheinischen Liberalen. Da es noch keine Parteien gab, bauten insbesondere Camphausen und Hansemann die Kölner Handelskammer auch zu einer politischen Plattform aus. Im Gegensatz zum süddeutschen Liberalismus war der rheinische Liberalismus weniger theoretisch orientiert, aber macht- und selbstbewusster. Ökonomische Fragen spielten bei dieser Gruppe eine wichtige Rolle, wobei der Freihandel, wie ihn Adam Smith propagiert hatte, nicht unumstritten war. Die rheinischen Liberalen übten scharfe Kritik an der obrigkeitsstaatlichen Gängelung der Wirtschaft. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen sahen sie deutlicher als die süddeutschen Liberalen, die von einer klassenlosen Gesellschaft mittlerer Existenzen auf einer vorindustriellen Basis träumten, dass die Entwicklung in Richtung von Industrialisierung und sozialer Veränderung verlaufen würde. Während die süddeutschen Liberalen nicht selten die drohende Alleinherrschaft des Geldes befürchteten und für den Schutz des alten Gewerbes eintraten, sah Camphausen die Verdrängung des Handwerks durch die Industrie als unvermeidlich an. Dabei seien Pauperismus und Verelendung der Heimarbeiter schmerzlich, aber für eine Übergangszeit unumgänglich.