Lucy Salani (geboren als Luciano Salani; * 12. August 1924 in Fossano; † 22. März 2023 in Bologna) war die einzige bekannte aus Italien stammende trans Überlebende eines Konzentrationslagers. Allerdings zeigte sie ihre Geschlechtsidentität erst nach dem Krieg offen. Salani, die aus einer antifaschistischen Familie stammte, desertierte sowohl aus der italienischen als auch aus der deutschen Armee. Ende 1944 wurde sie deswegen ins KZ Dachau deportiert, wo sie nach sechs Monaten die Befreiung durch die US-Armee miterlebte. Nach dem Krieg zog sie nach Turin und arbeitete dort in verschiedenen Berufen, bis sie sich nach ihrer Pensionierung in den 1980er Jahren in Bologna niederließ.
Salanis Geschichte blieb in Italien weitgehend unbekannt, bis sie in den 2010er Jahren Gegenstand mehrerer Dokumentarfilme war. Seitdem fand Salani in italienischen Medien immer wieder Erwähnung, unter anderem durch Interviews. Sie hielt zudem häufiger sowohl über ihre KZ-Haft als auch über ihre Erfahrungen als trans Frau Vorträge, beispielsweise bei LGBT-Veranstaltungen.
Salani wurde 1924 in der Gemeinde Fossano im Piemont geboren. Ihre Eltern stammten aus der Emilia-Romagna und lehnten Mussolini ab, der zwei Jahre zuvor an die Macht gekommen war. Im Laufe der 1930er Jahre kehrten die Salanis schließlich in ihre alte Heimatstadt Bologna zurück. Salani, der bei ihrer Geburt ein männliches Geschlecht zugewiesen worden war, fühlte sich bereits als Kind weiblich. Sie wollte zur Sorge ihrer Mutter immer nur mit für Mädchen typischen Spielsachen wie Puppen spielen und als feminin geltende Tätigkeiten wie Kochen oder Putzen verrichten. Ihre Familie versuchte, dies zu unterbinden, und verlangte von ihr, sich wie ein Junge zu benehmen. So schenkten sie ihr ein Schaukelpferd, das Salani eines Nachts heimlich zertrümmerte.
In ihrer Jugend bemerkte Salani, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlte. Sie bezeichnete sich deswegen als homosexuell, obwohl sie sich weiterhin nicht als Mann identifizierte. Bei ihrer Familie stieß das auf Unverständnis. Neben der damals gesellschaftlich weit verbreiteten Ablehnung von Homosexualität belastete Salani vor allem die ständige Bedrohung durch die Schwarzhemden, eine faschistische, paramilitärische Miliz. Wenn schwule Paare von deren Mitgliedern zufällig auf der Straße gesehen oder von Mitbürgern denunziert wurden, seien sie unter anderem verprügelt und mit heißem Teer beschmiert worden. Das habe einen offenen Umgang der Betroffenen mit ihrer Sexualität gefährlich und nahezu unmöglich gemacht. Salani outete sich in jungen Jahren schließlich gegenüber ihrer Familie als Frau. Ihre Angehörigen reagierten auf ihr Outing zunächst negativ. So kam es deswegen zu häufigen Streitereien mit ihrer Mutter und die Brüder weigerten sich, sie mit dem selbstgewählten Namen Lucy anzureden. Ihre Mutter akzeptierte ihre Geschlechtsidentität erst später. Mit ihrem einzigen noch lebenden Bruder versöhnte sich Salani Jahre später ebenfalls.
Im August 1943 wurde Salani in die italienische Armee einberufen. Da schwulen Männern der Soldatenberuf verwehrt war, gab sie im Rekrutierungsbüro offen zu, homosexuell zu sein. Allerdings wurde ihr Geständnis ignoriert, denn damals behaupteten viele Eingezogene dasselbe, um nicht kämpfen zu müssen. Daraufhin wurde Salani einer Artillerie-Einheit in Cormòns zugeteilt. Als Italien am 8. September durch den Waffenstillstand von Cassibile aus den Achsenmächten ausschied, stand sie vor der Wahl, den Krieg auf Seiten der Deutschen fortzusetzen oder als Militärinternierter in deutsche Kriegsgefangenschaft zu gehen. Sie entschied sich, die Uniform abzulegen und sich nach Hause durchzuschlagen. Sie kehrte zu Fuß über Udine nach Bologna zurück, fand dort aber ihre Familie nicht. Diese war in der Zwischenzeit infolge alliierter Bombenangriffe nach Mirandola evakuiert worden. Salani besuchte sie, konnte aber nicht bleiben, da ihre Familie sie aus Angst vor Repressalien, falls man sie finden würde, zu einem Onkel schickte. Salani versteckte sich auf dem Land mit einem anderen Deserteur, bis sie einigen deutschen Soldaten begegneten. Die beiden wurden mitgenommen und geschlagen, woraufhin Salani schließlich ihre Identität preisgab. Sie wurde von den Deutschen vor die Wahl gestellt, sich der faschistischen republikanischen Armee oder der Wehrmacht anzuschließen.
Salani entschied sich für die deutsche Armee. Sie wurde zur Flugabwehr in Suviana beordert, einem Ortsteil von Castel di Casio. Salani sprang bald nach ihrer Ankunft in einen Fluss in der Nähe des Stützpunkts, was zu einer schweren Bronchitis führte. Sie wurde daraufhin in das Krankenhaus von Bologna eingeliefert, aus dem sie floh und erneut desertierte. Sie blieb in der Stadt und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Prostitution; unter ihren Freiern befanden sich auch hochrangige deutsche Soldaten. Eines Tages führten die Deutschen in dem Hotel, das sie wenige Minuten vorher mit einem deutschen Offizier betreten hatte, eine Razzia durch, während der sie kontrolliert und so als Deserteur erkannt wurde. Die Deutschen sperrten Salani, bevor sie ihr den Prozess machten, im Keller eines Bauernhauses in Padua ein, den sie jedoch dank des defekten Türschlosses verlassen konnte. Kurz darauf wurde sie erneut festgesetzt.
Salani war zunächst in Gefängnissen in Bologna und Modena inhaftiert, bevor sie vor ein Militärgericht in Verona gestellt wurde. Nach der Fällung des Todesurteils stellte sie ein Gnadengesuch an Albert Kesselring, den Oberbefehlshaber der deutschen Armee in Italien. Dem Gesuch wurde stattgegeben und sie stattdessen zu Zwangsarbeit in einem Arbeitslager in Bernau am Chiemsee verurteilt, in dem Teile der V-Waffen hergestellt wurden. Sie freundete sich im Lager mit einem Mithäftling an, mit dem sie zusammen abermals floh. An der ehemaligen deutsch-österreichischen Grenze stiegen sie versehentlich in den falschen Zug, sodass sie nicht in Italien, sondern in Berlin ankamen. Die beiden schafften es, ihren Verfolgern zu entkommen, indem sie ebenfalls per Zug nach Innsbruck fuhren. Dort fanden sie Zuflucht in einer unbewohnten Hütte, wo ihnen jedoch Nahrung und Heizmöglichkeiten fehlten. Der Hunger und die Winterkälte trieben sie zum städtischen Bahnhof, wo sie erneut die Rückkehr nach Italien wagen wollten. Im Zug wurden sie von deutschen Soldaten gesehen, weshalb Salanis Freund trotz ihrer Warnung ausstieg, davonrannte und erschossen wurde. Sie selbst wurde mit einem anderen Zug ins KZ Dachau deportiert.
Im Konzentrationslager trug Salani wegen ihres Desertierens den roten Winkel für politische Häftlinge. Nach ihrer Ankunft wurde ihr wie allen neu ankommenden Häftlingen der Kopf rasiert, eine Nummer zugeteilt und ihr Körper mit Creolin eingerieben, einem ätzenden Desinfektionsmittel. Laut Salani sei Dantes Inferno im Vergleich zur KZ-Haft ein Parkspaziergang gewesen. Sie und die anderen Häftlinge wären jeden Tag aufs Neue gestorben. Sie bekam die Aufgabe zugeteilt, Leichen mit Nummernschildern zu markieren und auf Karren zum Krematorium zu transportieren. Zudem musste sie zusammen mit anderen neuen Häftlingen Leichen in ein Massengrab außerhalb des Lagers legen. Eines Tages wurden sie und weitere Freiwillige nach München gebracht. Ihnen wurde im Gegenzug zur Verlegung von Eisenbahnschienen eine größere Nahrungsration zugesagt. Salani beschrieb den Ort, der voller Elend gewesen sei, als völlig zerstört und keine Stadt mehr.
Salani machte weitere Beobachtungen im Konzentrationslager: Neben Menschenversuchen, Vergasungen sowie zahlreichen Exekutionen durch Kopfschüsse und den Strang bekam sie mit, wie ein Kapo einen Jungen erwürgte, um ein zusätzliches Stück Brot zu erhalten. Ein anderer Häftling, mit dem sie eines Tages arbeitete, wollte von den Wachen weggeworfene Brotkrusten vom Boden aufsammeln, woraufhin ihm die Zähne ausgeschlagen wurden. Ein anderer entschloss sich, seinen Bruder, der bald hingerichtet werden sollte, selbst zu erhängen, um an dessen Ration zu kommen, was ihn das Leben kostete. Salani sah neben Toten, die am Elektrozaun festhingen, auch Verbrennungen noch lebender Häftlinge und bezeichnete die Leichenberge auf den Karren als ihre schlimmste Erfahrung im KZ. Deswegen habe sie oft gehofft, durch Bombenangriffe der Alliierten umzukommen.