Lucien Lévy-Bruhl (* 10. April 1857 in Paris; † 13. März 1939 ebenda) war ein französischer Philosoph und Ethnologe.
Lucien Lévy-Bruhl war Sohn einer jüdischen Familie aus dem ostfranzösischen Metz. Er besuchte das Lycée Charlemagne, wo er sich Studien in Musik, Philosophie und Naturwissenschaften widmete. 1876 wurde er in die École Normale Supérieure aufgenommen und erlangte dort 1879 die agrégation de philosophie. Zwischen 1872 und 1882 arbeitete er als Gymnasiallehrer in Poitiers, zwischen 1882 und 1883 in Amiens sowie zwischen 1883 und 1885 als Lehrer für höhere Rhetorik am Lycée Louis-le-Grand in Paris. 1884 promovierte er an der École Normale Supérieure mit der Dissertation L’idée de responsabilité und lehrte sowohl dort als auch an der École libre des sciences politiques ab 1886 als maître de conférences. In dieser Funktion war es u. a. seine Aufgabe, die Nachwuchselite für Politik und Verwaltung der Dritten Republik auszubilden.
Seine wissenschaftliche Laufbahn begann mit einem Werk über die moderne französische Philosophie (1889); es folgten Werke zur deutschen Philosophie seit Gottfried Wilhelm von Leibniz (L’Allemagne depuis Leibniz 1890), zur Philosophie Friedrich Heinrich Jacobis (La Philosophie de Jacobi 1894) sowie zur Philosophie Auguste Comtes (Lettres inédites de John Stuart Mill à Auguste Comte 1900). In La morale et la science des mœurs (1903) wurde erstmals Lévy-Bruhls Interesse für ethnologische Aspekte deutlich. 1904 wurde er Professor für die Geschichte der modernen Philosophie an der Sorbonne. 1917 wurde er Herausgeber der einflussreichen Revue philosophique, die ein wichtiges Medium für das humanwissenschaftliche und sozialphilosophische Geistesleben des damaligen Europa war.
In der Nachkriegszeit fand reger geistiger Austausch zwischen Lévy-Bruhl und Universitäten im Ausland statt. Dadurch gewann er an internationaler Reputation, gleichzeitig traten jedoch seine frühen philosophischen Werke in den Hintergrund.
In den 1920er Jahren erregte Lévy-Bruhl mit seinen Ideen Aufmerksamkeit und wurde zu einer Hauptfigur der ethnologischen Forschung. 1925 gründete er das Institut d’Ethnologie an der Sorbonne, das u. a. Feldforscher und Kolonialbeamte ausbildete. Als Geschäftsführer ernannte er Marcel Mauss und den Ethnologen, Sprachforscher und späteren Direktor des Musée de l’Homme Paul Rivet. Nur zwei Jahre später verließ er das Institut jedoch wieder, da es zu Differenzen unter den Wissenschaftlern kam.
1928 beteiligte sich Lucien Lévy-Bruhl an der Gründung von ethnologischen Instituten in Costa Rica, Nicaragua, San Salvador und Guatemala.
Während Marcel Mauss dem Beispiel Émile Durkheims folgte und sich dem Erforschen menschlichen Handelns widmete, wobei er dem Ritual eine besondere Schlüsselrolle zuschrieb, blieb Lévy-Bruhl stets auch Philosoph und interessierte sich vor allem für Mythen und deren Einfluss auf Denkprozesse.
Politisches Interesse und Engagement
Bereits während der 1890er Jahre beobachtete Lévy-Bruhl das Verhältnis seines Heimatlandes zum im Aufschwung befindlichen Deutschland. Im regen Geistes- und Kulturleben des Landes sah er die moralischen Gründe für dessen Aufstieg. Lévy-Bruhl stand dem sozialistischen Politiker Jean Jaurès nahe. In der der Dreyfus-Affäre sagte er zugunsten von Alfred Dreyfus aus. Während des Ersten Weltkrieges nahm Minister Albert Thomas, sein einstiger Schüler, ihn in sein Kabinett auf. Lévy-Bruhls Aufgabe war es nun, gegen deutsche Kriegspropaganda vorzugehen und sowohl am Bulletin de l’Alliance française als auch am Bulletin des usines de guerre mitzuwirken. Ab 1919 arbeitete er als Attaché des Außenministeriums u. a. an der Pariser Friedenskonferenz mit.
Lévy-Bruhl war Teil einer Generation französischer Intellektueller zu Beginn des 20. Jahrhunderts, neben z. B. Émile Durkheim und Henri Bergson, die philosophische Prinzipien auf Untersuchungen des menschlichen Geists und der Gesellschaft anwandten. Er stellte der rationalistischen Tradition die Idee von grundsätzlich verschiedenen Arten von Wissen gegenüber. Seine Theorien zur „primitiven Mentalität“ stellen eine kontroverse Entwicklung in der frühen modernen Ethnologie dar.
Unter dem Einfluss Durkheims und seines Anhängers Marcel Mauss bewegte sich Lévy-Bruhl zunehmend weg von klassischen philosophischen Studien und wandte sich der Ethnologie zu, deren Idee der universellen menschlichen Natur er ablehnte.
Bereits vor seiner Berufung an die Sorbonne hatte Lévy-Bruhl seinen Weg, ausgehend von der Philosophie, zur Ethnologie eingeschlagen. In La morale et la science des mœurs entwickelt er seinen Zugang zur Geisteswelt schriftloser Kulturen. Dieser gründet auf der Auseinandersetzung mit den wissenschaftsphilosophischen Ansätzen aus der positivistischen Frühphase Auguste Comtes und der Soziologie Émile Durkheims. Damit nahm eine neue Phase der wissenschaftlichen Arbeit Lévy-Bruhls ihren Anfang, die sich in seinen Publikationen zur mentalité primitive manifestiert. Sein Hauptinteresse waren nun die strukturellen Unterschiede der Weltbilder schriftloser Kulturen und der modernen westlichen Zivilisation. Anders ausgedrückt widmete er sich der Frage, ob außereuropäische Gesellschaften Denkmodi haben, die keine Gemeinsamkeiten mit der westlichen Logik aufweisen. Dieser Theorie der grundlegenden kognitiven Unterschiede widmete er seine zwei Hauptwerke Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures (1910) und La mentalité primitive (1922).
Abgrenzung von der britischen Schule
Lévy-Bruhl grenzte sich von der britischen Schule ab. Er kritisierte Edward Tylor und James Frazer, die das abweichende „primitive“ Denken schlicht als weniger entwickelte, defizitäre Version westlicher Denkmodi sahen. Diese evolutionistische Perspektive geht von der universellen Gültigkeit moralischer Normen und logischen Denkens aus. Lévy-Bruhl widersprach dem, indem er das „primitive“ Denken als mystisch-prälogisch beschrieb, das nicht den Gesetzen der formalen Logik (Satz vom Widerspruch, Identitätssatz etc.) folgte, sondern dem sogenannten Partizipationssatz.
Siehe auch: Participation mystique
Die von Lévy-Bruhl beschriebenen Denkstrukturen seien geprägt von und ausgerichtet nach Kollektivvorstellungen, die sich u. a. in Mythen und Bräuchen manifestieren. Der Partizipationssatz besagt auch, dass gewisse Differenzierungen, die für die westliche Logik essentiell sind, nicht vorhanden sind. Dazu gehören die Unterschiede zwischen Realität und Traum; Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, sowie Auslöser und Ausdruck eines Ereignisses. Des Weiteren schließt das Phänomen der „Multipräsenz“ (multiprésence) die Differenzierungen zwischen Einem und Vielem, Gleichem und Anderem sowie Belebtem und Unbelebtem aus – d. h., dass eine Person z. B. gleichzeitig an verschiedenen Orten präsent sein kann. Zeit und Raum gelten als ausschließlich subjektiv wahrnehmbar und können nicht mit (westlichen) quantitativen Methoden gemessen werden.
Außerdem gilt das Phänomen der Seelenwanderung als wichtiger Bestandteil des Partizipationssatzes – Lévy-Bruhl berichtet von neuguineischen Hexenmeistern die « le pouvoir de métempsychoser les morts dans un serpent, un crocodile, etc. » haben (La mentalité primitive : 42). Die mentalité primitive schließt, anders als die formale westliche Logik, Widersprüche nicht aus. Sie « ne se complaît pas gratuitement dans le contradictoire… mais elle ne songe pas non plus à l’éviter. Elle y est le plus souvent indifférente » (La mentalité primitive : 79). Carl Gustav Jung knüpfte an den Partizipationssatz mit seiner Konzeption eines „Kollektiven Unbewussten“ an.
Lévy-Bruhls Theorien der „primitiven“ Mentalität, die er gar bis zu den Indigenen Chinas und Indiens ausdehnte, waren zunehmender Kritik ausgesetzt. Die Ideen von Kollegen wie Marcel Mauss und Bronisław Malinowski betonten eher die Pluralität und Eigenarten von Kulturen. Lévy-Bruhl manifestiere jedoch unüberwindbare Gegensätze zwischen zwei menschlichen Denkmodi, was auch Diskrepanzen zwischen der europäischen Zivilisation und deren kolonialen Herrschaftsgebieten bedeute, so die Kritiker im Frankreich der 1920er Jahre. Jene Kritik ist jedoch unzureichend, da sie die philosophische Basis der Überlegungen Lévy-Bruhls von 1903 nicht beachtet. Problematisch ist weiterhin, dass er nach Les Fonctions mentales dans les sociétés inférieures (1910) zwar stets wiederholend auf seine wesentlichen Erkenntnisse eingeht, sie aber zunächst kaum weiterentwickelt. Ab den 1930ern wird Lévy-Bruhl Ethnozentrismus vorgeworfen, da seine Gedanken zur mentalité primitive nicht der wissenschaftlichen Denkweise entsprächen.