Luc Ferrari (* 5. Februar 1929 in Paris; † 22. August 2005 in Arezzo) war ein französischer Komponist, Klangkünstler und Hörspielmacher. Ferrari gilt als Vertreter der musique concrète und wurde vor allem für seine Experimente mit Tonbandmusik bekannt.
Ferrari studierte ab 1946 zunächst am Conservatoire de Versailles, von 1948 bis zu einer Tuberkuloseerkrankung 1950 an der École Normale de Musique in Paris bei Alfred Cortot (Klavier) und Arthur Honegger (Komposition). Im Frühjahr 1953 besuchte er in New York Edgar Varèse, dessen Komposition Déserts ihn im Radio stark beeindruckt hatte. Im folgenden Winter belegte er Musikanalyse-Kurse bei Olivier Messiaen. Von 1954 bis 1958 nahm er an den Darmstädter Ferienkursen teil, wo er Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, Bruno Maderna, Henri Pousseur und John Cage kennenlernte.
1958 gründete er mit Pierre Schaeffer und François-Bernard Mâche die Groupe de recherches musicales (GRM). Unterschiedliche künstlerische Auffassungen führten jedoch 1966 zur Trennung: Während Schaeffer eine abstrakte und typisierende Klangarbeit forderte, bezog Ferrari wiedererkennbare Umweltgeräusche in seine Musik ein (musique anecdotique).
1964/65 und 1970 unterrichtete er an der Musikhochschule in Köln, 1966 bis 1967 in Stockholm und 1978 bis 1980 am Conservatoire de Pantin. Dazwischen amtierte er von 1968 bis 1969 als musikalischer Leiter des Maison de la Culture in Amiens, wo er Jugendliche zur musikalischen Arbeit mit Tonbandgeräten anregen wollte.
Für den Service de la Recherche des O.R.T.F realisierte Luc Ferrari 1965–66 mit Gérard Patris eine Reihe von Porträtfilmen Les grand répétitions (Die großen Proben) über die Komponisten Messiaen, Stockhausen und Varèse, sowie den Dirigenten Hermann Scherchen und den Jazzpianisten Cecil Taylor. Viele dieser Vertreter der zeitgenössischen Musik waren hier das erste Mal im französischen Fernsehen zu sehen.
1972 gründete er sein eigenes Studio Billig und 1982 mit Unterstützung des französischen Kulturministeriums das Studio des Vereins La Muse en Circuit, von dem er sich 1994 trennte. Im selben Jahr richtete er in Montreuil ein neues Studio Atelier post-billig ein, das er anschließend nach Paris verlegt.
Luc Ferrari war verheiratet mit Brunhild Meyer, einer Tochter des in Aachen tätigen Klarinettisten und Komponisten Wolfgang Meyer-Tormin.
In den 1950er Jahren verfasste Ferrari zunächst Klavierstücke in der Nachfolge Bartóks und Hindemiths. Zur gleichen Zeit begann er bereits Konzerte der musique concrète zu besuchen. Nach seinem Eintritt in die Groupe de recherches musicales produzierte Ferrari zunächst fünf elektroakustische Kompositionen im Sinne von Schaeffers Klangästhetik, die zugrundegelegten aufgenommenen Klänge so weit wie möglich aus ihrem ursprünglichen Kontext zu abstrahieren. Mit Hétérozygote (1963/64), einer Komposition, die zunächst für vierkanaliges Tonband konzipiert war, letztendlich jedoch stereophon ausgearbeitet und realisiert wurde, löste sich Ferrari von Schaeffers Konzept der musique concrète und stellte ihr seine eigene musique anecdotique entgegen, in der Naturgeräusche in einer „organisierten und poetischen, aber nicht an einer Handlung orientierten Art und Weise“ strukturiert sind. Die kompositorische Arbeit dieser Soundscapes bleibt an musikalischen Prinzipien orientiert und damit klar vom Hörspiel getrennt.
Zu den bekanntesten Arbeiten Ferraris gehört die Komposition Presque rien No. 1 „Le Lever du jour au bord de la mer“ (1967/70), in der Aufnahmen von einem jugoslawischen Strand, die über die Dauer eines Tages gemacht wurden, zu einem 21 Minuten kurzen Hörstück zusammengeschnitten wurden. Dabei verwendete er erstmals die damals neue Stereotechnik, die ihm nicht nur ein „Rechts-Links“ der Klänge erlaubte, sondern auch eine Tiefenwirkung. In seiner dritten Presque rien-Komposition Presque rien avec filles (1989) kam er zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen seiner musique anecdotique und den stärker in traditionellen Formverläufen denkenden musique concrète.
Neben seinen Tonbandmusiken komponierte Ferrari auch für konventionelle Instrumente und mischte die Genres miteinander (zum Beispiel Ce qu’a vu le Cers). Es mehrten sich die Konzertreisen und Kooperationen mit jüngeren Musikern, wie Otomo Yoshihide und Noël Akchoté, wobei auch die Grenze zur frei improvisierten Musik überschritten wurde.
Petite Symphonie Intuitive pour un Paysage de Printemps (1973–74)
Presque Rien avec filles (1989)
BVHaast 9009 Acousmatrix 3 - 1990
L'Escalier des Aveugles (1991)
Xavier Legasa / Donatienne Michel-Dansac / Michel Musseau (song)
Ensemble Le Banquet, Dir. Olivier Dejours
Presque Rien N°1 - le lever du jour au bord de la mer (1967–70)
Presque Rien N°2 - ainsi continue la nuit dans ma tête multiple (1977)