Louis Spohr (* 5. April 1784 in Braunschweig; † 22. Oktober 1859 in Cassel), auch Ludwig Spohr (Taufname Ludewig), war ein deutscher Komponist, Dirigent, Gesangspädagoge, Organisator von Musikfesten und ein Violinist von internationalem Ruf; neben dem Italiener Niccolò Paganini zählt er zu den größten Geigern seiner Zeit. Spohr war bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit und galt nach dem Tod von Carl Maria von Weber (1826) und Ludwig van Beethoven (1827) bis zum Durchbruch der Werke von Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann ab Mitte der 1840er Jahre als der bedeutendste lebende deutsche Komponist.
Spohr wurde als das älteste Kind des Medizinalrates Karl Heinrich Spohr (1756–1843), der 1786 als Physikus nach Seesen am Harz versetzt wurde, und seiner Frau Ernestine Henke (1763–1840) geboren. Das Kind zeigte früh sein musikalisches Talent, so dass es schon im fünften Lebensjahr gelegentlich in den musikalischen Abendunterhaltungen der Familie mit seiner Mutter Duette singen konnte. Mit zwölf Jahren wurde Spohr nach Braunschweig geschickt, um sich bei gleichzeitigem Gymnasialunterricht am Katharineum in der Musik ausbilden zu lassen. Hier wurden Gottfried Kunisch und später Charles Louis Maucourt seine Violinlehrer; der Organist Carl August Hartung unterrichtete ihn kurze Zeit im Fach Komposition. Nach Spohrs eigener Versicherung war dies die einzige Unterweisung, die ihm in Harmonielehre und Kontrapunkt zuteilwurde, so dass er die Fähigkeiten, die er gerade auf diesem Gebiet besaß, hauptsächlich eigenem Fleiß und Talent zu danken hatte.
Mit 15 Jahren ernannte ihn Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig zum Kammermusiker und versprach ihm, ihn zu weiterer Ausbildung noch einem großen Meister zu übergeben. Spohr wünschte sich Viotti, der aber nicht mehr unterrichtete.
Die Wahl fiel auf den Geiger Franz Eck (1774–1804), der im Begriff war, eine Kunstreise nach Russland anzutreten. Spohr begleitete ihn und kehrte erst im Juli 1803 nach Braunschweig zurück. Hier traf er Pierre Rode (1774–1830) an (einen Meisterschüler von Viotti), dessen Spiel nachhaltigen Einfluss auf seine weitere Entwicklung ausübte. Spohrs Ruf als Violinvirtuose verbreitete sich nun rasch. Im Dezember 1804 debütierte er mit zwei spektakulären Konzerten im Leipziger Gewandhaus.
1805 erhielt er die Konzertmeisterstelle in Gotha. In dieser Stellung verblieb er bis 1813 – unterbrochen von mehreren Kunstreisen, die er mit seiner Gattin unternahm. 1806 heiratete er die Harfen- und Klaviervirtuosin Dorette Scheidler (1787–1834), mit der er drei Töchter hatte. Die Tochter Ida heiratete den Architekten Johann Heinrich Wolff (1792–1869), und einer seiner Enkel war der Schriftsteller Louis Wolff. Am 26. Januar 1807 wurde er in Gotha in die Freimaurerloge Ernst zum Compaß aufgenommen.
1813 folgte er einem Ruf als Konzertmeister des Theaters an der Wien. Dort traf er mehrfach mit Beethoven zusammen, der ihn und seine Familie auch zu Hause besuchte. Spohr hat die denkwürdigen Begegnungen in seiner Autobiographie geschildert. Wegen Zwistigkeiten mit dem Direktor des Theaters, Graf Ferdinand von Pálffy, legte er dies Amt bereits nach zwei Jahren nieder und trat wiederum Kunstreisen an. Sie führten ihn durch die Schweiz, Italien und die Niederlande und zu einer ersten persönlichen Begegnung mit Niccolò Paganini. Im Winter 1817 übernahm er die Kapellmeisterstelle am Theater in Frankfurt am Main und die Leitung des Orchesters der Frankfurter Museumsgesellschaft. Hier brachte er 1818 seine Oper Faust und 1819 Zemire und Azor zur Aufführung, welche beide enthusiastischen Beifall fanden. Gleichwohl verließ Spohr im September des Jahres Frankfurt und begab sich erneut auf Kunstreisen nach Belgien und Paris. 1820 reiste er – auf Vermittlung von Ferdinand Ries – nach London.
Nach viermonatigem Aufenthalt ruhmgekrönt zurückgekehrt, ließ er sich in Dresden nieder. Im folgenden Jahr erhielt er auf Veranlassung von Carl Maria von Weber die Berufung als Hofkapellmeister nach Kassel und trat im Januar 1822 sein neues Amt an. Als Dirigent trug Spohr zur Entwicklung moderner Orchesterkultur bei. Bereits beim Musikfest 1810 erregte seine neue Dirigiertechnik „mit einer Papierrolle, ohne alles Geräusch“ Aufsehen, ebenso wie zehn Jahre später in London sein Dirigat mit einem Taktstock. Größere Virtuosenreisen unternahm er von nun an nicht mehr. Er machte sich um das Musikleben der Stadt Kassel verdient, wobei er das Niveau des Orchesters auf eine nie zuvor erreichte Höhe brachte und einen Gesangverein für Oratorienmusik gründete.
Bedeutend war seine Tätigkeit als Lehrer und Komponist. Als Lehrer wurde er das Haupt einer Violinschule, wie sie Deutschland seit Franz Benda nicht besessen hatte, und von allen Teilen Europas strömten ihm Schüler zu. Gleichzeitig entwickelte er eine erstaunliche Produktionskraft auf allen Gebieten der Komposition und betätigte sich als Dirigent zahlreicher Musikfeste in Deutschland und England. Auch der Verlust seiner Gattin (1834), für die er in einer zweiten Ehe (seit 1836) mit der Pianistin Marianne Pfeiffer (1807–1892) keinen ganz ebenbürtigen Ersatz fand, vermochte seinen Arbeitseifer und seine Pflichttreue nicht zu vermindern, so wenig wie die kleinlichen Schikanen, die er später von seinem Fürsten zu erdulden hatte, dies namentlich nach dem Revolutionsjahr 1848, obwohl er im Jahr zuvor durch die Ernennung zum Generalmusikdirektor ausgezeichnet worden war. 1835 trat er dem Kunstverein für Kurhessen bei. Spohr war zudem ehrenamtlich tätiger Präsident des von Gustav Schilling 1839 in Stuttgart gegründeten „Deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaft“. 1857 gegen seinen Wunsch und mit teilweiser Entziehung seines Gehalts pensioniert, blieb er bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1859 als Mensch wie als Künstler eine Persönlichkeit allgemeiner Verehrung. Er wurde auf dem Hauptfriedhof von Kassel in einem Mausoleum beigesetzt (siehe Foto).
Als Komponist hat Spohr die musikalische Literatur auf jedem ihrer Gebiete durch wichtige Werke bereichert. Auf dem der dramatischen Musik wurde er neben Carl Maria von Weber und Heinrich Marschner der Hauptvertreter der romantischen Oper, wenn er auch hinsichtlich des szenisch Wirksamen hinter diesen beiden zurückstand und seine Opern, mit Ausnahme von Jessonda, noch zu seinen Lebzeiten von den deutschen Bühnen verschwanden. Auch in seinen Oratorien Die letzten Dinge, Der Fall Babylons und anderen folgte er ausschließlich seinem Naturell, wiewohl hier seine Neigung zum Elegischen, sein konsequentes Festhalten an einem erhabenen Pathos und der für alle seine Arbeiten charakteristische, nicht selten in Überfülle ausartende Reichtum der Modulation die Wirkung weniger beeinträchtigen als in seinen Opern. Den größten Erfolg hatten die speziell für sein Instrument geschriebenen Werke und seine 15 Violinkonzerte, darunter namentlich das 7., 8. („in Form einer Gesangsszene“) und 9., sowie seine Violinduette. Seine Violinschule ist ein Klassiker im Geigenunterricht und immer noch im Druck erhältlich.
Spohr gilt als der Erfinder des Kinnhalters, den er in seiner Violinschule von 1833, nach zehnjährigem eigenen Versuchen und solchen seiner Schüler, erstmals beschreibt. Außerdem gilt er als Pionier der Nutzung des modernen Taktstockes.
1990 begann das auf Ersteinspielungen spezialisierte Klassiklabel cpo damit, Werke von Spohr einzuspielen. Dies hat dazu beigetragen, seine Musik wieder bekannter zu machen. So spielte die NDR Radiophilharmonie Hannover unter Howard Griffiths 2006 bis 2012 alle Sinfonien ein. Der Geiger Ulf Hoelscher spielte die Violinkonzerte ein, auch seine Faust-Oper erschien bei diesem Label. 1998 veröffentlichte cpo eine CD mit acht Ouvertüren von Spohr.
Spohr ist Ehrenbürger der Stadt Kassel. Seit dem 29. August 2009 befand sich das Spohr Museum im Südflügel des Kulturbahnhofs Kassel. Am 2. September 2023 eröffnete es mit einer neuen Dauerausstellung im Palais Bellevue (Kassel). Auf dem Opernplatz steht sein von Ferdinand Hartzer 1882 geschaffenes Standbild. In Kassel gibt es eine Spohrstraße. Sie verläuft dort, wo Louis Spohrs Gartenhaus „Vor dem Cölnischen Tor“ lag. Seit 1994 wird in Kassel ein „Internationaler Louis-Spohr-Wettbewerb“ ausgetragen. Die Musikakademie der Stadt Kassel trägt seit 2012 den Beinamen „Louis Spohr“.