Jean Louis Rodolphe Agassiz (* 28. Mai 1807 in Môtier, Kanton Freiburg, Schweiz; † 14. Dezember 1873 in Cambridge, Massachusetts, Vereinigte Staaten) war ein schweizerisch-amerikanischer Naturforscher.
Agassiz war einer der ersten international renommierten US-amerikanischen Wissenschaftler. Nachhaltig sind vor allem seine Leistungen als Zoologe, insbesondere in der Ichthyologie, und als Hochschullehrer und seine Untersuchung der Gletscher der Alpen. In neuerer Zeit werden Agassiz’ Ansichten über Rassen beim Menschen kritisch gesehen.
Louis Agassiz wurde als Sohn eines protestantischen Pfarrers in Vully-le-Haut (heute: Haut-Vully) im Ortsteil Môtier in der Schweiz geboren. Sein jüngerer Bruder Auguste Agassiz war als Uhrmacher tätig und begründete das Vorgängerunternehmen von Longines.
Zuerst zu Hause erzogen, verbrachte Agassiz vier Jahre an höheren Schulen in Biel/Bienne und Lausanne. Mit der Zielrichtung, Mediziner zu werden, studierte er ab 1824 an der Universität Zürich, der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München. In Heidelberg und München war er Mitglied des Corps Helvetia. In Heidelberg entwickelte sich auch ein Freundschaftsverhältnis mit dem Botaniker Karl Friedrich Schimper, das auch nach dem Wechsel nach München im Jahr 1828 weiter bestand, aber später auf verhängnisvolle Weise zerbrach. Durch Schimper wurde er angeregt, sich auch mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen, bereits 1828 publizierte er die ersten Arbeiten über Fische. 1829 wurde er zum Doktor der Philosophie in Erlangen und 1830 zum Doktor der Medizin in München promoviert. Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris wurden Alexander von Humboldt und Georges Cuvier seine Mentoren.
Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt richtete der Fürst von Neuenburg, der König von Preussen (Friedrich Wilhelm III.), 1832 am Lyceum (ab 1838: Académie de Neuchâtel) eine Professorenstelle für Agassiz ein, die dieser bis zu seiner Auswanderung in die USA im Jahr 1846 innehatte. In dieser Zeit erstellte er mit grossem, für ihn charakteristischen Enthusiasmus und mit Hilfe der Mitarbeiter Édouard Desor, Amanz Gressly, Arnold Henri Guyot und Carl Vogt eine Vielzahl von Publikationen, insbesondere über rezente und fossile Fische und Stachelhäuter. Auf grösstmögliche Anerkennung bedacht publizierte er diese überall und meist unter seinem Namen, was seinen Mitarbeitern, z. B. Carl Vogt (1896: S. 196 ff.) nicht immer gefiel.
Nachdem er im Jahr 1837 eine eigene Hypothese über die Eiszeit aufgestellt hatte, konzentrierte er seine Tätigkeit zusammen mit seinen Mitarbeitern in den Jahren 1838 bis 1844 auf die Untersuchung der Gletscher. Dies machte er publikumswirksam weltweit bekannt und deshalb gilt er heute noch insbesondere im englischsprachigen Raum, in dem anderssprachige Literatur kaum beachtet wird, als Entdecker der Eiszeit, siehe dazu den Abschnitt weiter unten.
Nebenbei publizierte er unermüdlich Arbeiten z. B. über Mollusken und den umfangreichen Nomenclator zoologicus.
Mit Unterstützung durch den König von Preußen (Friedrich Wilhelm IV.) reiste er im Herbst 1846 in die USA, um dort die Naturgeschichte und die Geologie der Vereinigten Staaten zu studieren und auf Einladung von John Amory Lowell Vorlesungen über Zoologie in Boston, Massachusetts, zu halten. Die angebotenen finanziellen Möglichkeiten bewogen ihn, sich in den USA niederzulassen und von 1847 an als Professor für Zoologie und Geologie an der Harvard University zu lehren. Nach dem Tod seiner ersten Frau Cecile im Jahr 1848 heiratete Agassiz 1850 die Schriftstellerin Elisabeth Cabot Cary aus Boston, die sich besonders als Verfechterin der Frauenbildung einen Namen machte. 1852 folgte eine Professur für vergleichende Anatomie in Charlestown (Massachusetts), die er jedoch zwei Jahre später wieder aufgab.
Nach der Übersiedlung in die USA nahm die Zeit, die Agassiz für wissenschaftliche Studien aufwandte, zwar ab, aber er setzte seine zahlreichen Veröffentlichungen fort, darunter die beiden vierbändigen Werke Natural History of the United States und Bibliographia Zoologiae et Geologiae. Aufgrund seiner Lehrtätigkeit übte er einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Geologie und Zoologie in den USA aus: Agassiz entwickelte eine neue Lehrmethode, indem er die Verbindung der Studenten zur Natur herstellte, damit diese die benötigten Kenntnisse aus eigener Anschauung gewinnen konnten, anstatt nur Buchwissen zu lernen. Als Wissenschaftler wurde er von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und zählte zu den bekanntesten und angesehensten Lehrern seiner Zeit. Der Dichter Henry Wadsworth Longfellow schrieb anlässlich seines 50. Geburtstages ihm zu Ehren ein Gedicht mit dem Titel «The fiftieth birthday of Agassiz».
Zu Agassiz’ Studenten zählten unter anderem David Starr Jordan, Joel Asaph Allen, Joseph LeConte, Nathaniel Shaler, Alpheus Spring Packard sowie sein eigener Sohn Alexander Agassiz, die sich später alle als Wissenschaftler und Lehrer einen Namen machten.
Auf Agassiz’ Geschick in der Beschaffung von Spenden und Fördermitteln geht auch die Errichtung des Naturkundemuseums in Cambridge zurück, das 1859 eröffnet wurde. Er war einer der Ersten, die sich mit den Auswirkungen der letzten Eiszeit in Nordamerika beschäftigten. 1865 bis 1866 unternahm er eine Forschungsexpedition nach Brasilien, von der er zahlreiche Exponate für das von ihm gegründete Museum mitbrachte. 1871 bis 1872 begann er ausserdem, sich mit Tiefwasser-Untersuchungen zu beschäftigen.
In den letzten Jahren seines Lebens setzte er sich zum Ziel, eine Institution einzurichten, an der zoologische Studien an lebenden Objekten durchgeführt werden können. Der Philanthrop John Anderson überliess Agassiz 1873 eine vor der Küste von Massachusetts gelegene Insel sowie 50.000 $, um dort eine Station für die Erforschung des Meereslebens zu errichten. Diese Station überdauerte den Tod von Agassiz nicht sehr lange, sie wird jedoch als Vorläufer der Woods Hole Oceanographic Institution betrachtet, die heute in der Nähe der alten Forschungsstation existiert.
Louis Agassiz starb 1873 in Cambridge. Sein Grabmal ist ein Felsbrocken aus der Moräne des Unteraargletschers, auf dem einstmals seine Forschungshütte stand.
Die Bearbeitung der bei einer Forschungsreise nach Brasilien in den Jahren 1819 bis 1820 von Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius gesammelten Süsswasserfische der brasilianischen Flüsse, vor allem des Amazonas, war nach dem frühen Tod von Spix nicht begonnen worden. Die Beauftragung durch Martius verhalf Agassiz zum Einstieg in die Ichthyologie. Nach dem Abschluss der Arbeit und der Publikation im Jahre 1829 beschäftigte sich Agassiz wissenschaftlich mit den Fischen des Genfersees. Diese Arbeit dehnte er schon 1830 auf alle Süsswasserfische von Mitteleuropa aus.
In Neuenburg begann er sich mit den fossilen Fischen zu beschäftigen, die z. B. in den Schieferschichten des Schweizer Kantons Glarus und im Kalkstein des Monte Bolca reichlich zu finden waren. Diese Arbeit legte später die Basis für seinen weltweiten Ruhm. Die fünf Bände sowie Atlanten seiner Recherches sur les poissons fossiles erschienen in Abständen im Zeitraum von 1833 bis 1843. Sie wurden vor allem durch Joseph Dinkel illustriert. Im Rahmen seiner Recherchen besuchte Agassiz die wesentlichen Museen in Europa und wurde von Georges Cuvier und Alexander von Humboldt zur Fortsetzung seiner Arbeit ermutigt. Als offensichtlich wurde, dass die Fortsetzung der Arbeiten durch finanzielle Engpässe eingeschränkt wurde, erhielt er Unterstützung durch die British Association sowie durch Lord Francis Egerton, der ihm 1290 Zeichnungen abkaufte, um sie der Geological Society of London zu übergeben.
Da bei den Fossilien häufig nur Zähne, Schuppen und Knochenteile der Fische erhalten sind, entwarf er ein Klassifikationssystem, das nur vier Gruppen enthält. Seine Klassifikation ist zwar heute überholt, bildet jedoch eine Basis der heutigen Systematik.
Agassiz und die Entdeckung der Eiszeit