Louis-Ferdinand Céline [selin] (eigentlich Louis Ferdinand Auguste Destouches; * 27. Mai 1894 in Courbevoie, Département Seine; † 1. Juli 1961 in Meudon) war ein französischer Schriftsteller und promovierter Arzt. Bekannt wurde er 1932 durch den Roman Reise ans Ende der Nacht. Politisch belastet ist er durch seinen Antisemitismus und seine Kollaboration 1940–44 mit den deutschen Besatzern, was die Wertschätzung seines Werks in Frankreich bis heute nicht beeinträchtigt.
Louis-Ferdinand Céline wuchs als Sohn einer Nippeshändlerin und eines Bilanzbuchhalters in Paris als Einzelkind auf; seine Kindheit war geprägt von finanziellen Bedrängnissen und der unglücklichen Ehe seiner Eltern. Während seiner Schulzeit absolvierte er zwei Sprachreisen nach Deutschland und England. Er besuchte die Volksschule in Diepholz sowie das College in Rochester. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte und drei Versuche einer Ausbildung zum Handelsassistenten gescheitert waren, zog er zu seinem Onkel und trat 1912 den Wehrdienst an. Er wurde dem 12. Kürassierregiment in Rambouillet zugeteilt.
Als Freiwilliger nahm er am Ersten Weltkrieg teil und wurde im Herbst 1914 bei einem halsbrecherischen Meldegang in der Flandernschlacht in Poelkapelle (Westflandern) an Kopf und Schulter schwer verwundet. Kurz darauf wurde ihm die Médaille militaire verliehen. Während er in zahlreichen Zeitungsartikeln als moderner Held gefeiert wurde, erklärte ihn ein Militärarzt aufgrund seiner Verwundung, die seinen Arm teilweise lähmte und der schwere psychische Probleme folgten, für dienstuntauglich.
Céline trat eine Stelle an der französischen Botschaft in London an, wo er vor allem mit Tänzerinnen und Prostituierten verkehrte. 1916 reiste er nach Kamerun. Zurück in Frankreich arbeitete er eine kurze Zeit als Assistent von Henry de Graffigny („Courtial des Pereires“ aus Tod auf Kredit) bei der Zeitschrift Euréka. Anschließend unternahm er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung Vortragsreisen zum Thema Tuberkulose.
In Rennes heiratete er am 19. September 1919 die Tochter des Direktors der dortigen medizinischen Hochschule, Edith Follet, eine Illustratorin. Neun Monate später, am 15. Juni, wurde seine Tochter Colette geboren.
1918 nahm Céline ein Studium der Medizin an der Universität Rennes auf. Da sein Plan, Chirurg zu werden, aufgrund der Kriegsbeschädigung nicht zu verwirklichen war, spezialisierte er sich auf Seuchenmedizin. 1924 wurde er mit einer Dissertation über Ignaz Semmelweis promoviert, die aus heutiger Sicht eher wie ein eigenwilliger Roman denn eine wissenschaftliche Arbeit wirkt. Da er aber aus seiner Zeit als Kriegsheld noch öffentliches Ansehen genoss und seine Geschicklichkeit im Umgang mit Patienten unleugbar war, verlieh man ihm den Doktorgrad und die Approbation zum praktischen Arzt. 1936 wurde seine Dissertation mit unwesentlichen Änderungen als literarisches Werk veröffentlicht.
Er verließ Frau und Tochter (1926 reichte seine Frau die Scheidung ein; 1940 heiratete Céline erneut), um beim Völkerbund als Sekretär am Institut für Hygiene und Epidemiologie zu arbeiten. Er spezialisierte sich in Paris und Liverpool, bevor er 1926 in die USA reiste. Dort widmete er sich als Arzt in den Industrievierteln Detroits und beim Automobilhersteller Ford den Fragen der Hygiene. Weitere Aufträge der Seuchenforschungsstelle des Völkerbundes führten Céline nach Afrika, Kanada und Kuba. Seine Aufgabe bestand in der Erstellung von Gutachten zu lokalen Seuchenrisiken. Die letzte dieser Missionen für den Völkerbund war eine Reise ins Rheinland im Frühjahr 1936, wo er die gesundheitlichen Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit auf die subproletarische Bevölkerung untersuchte.
1928 übernahm Céline die Leitung der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Staatsklinik von Clichy. 1936 quittierte er den Dienst und war fortan – mit der Ausnahme eines Intermezzos als Schiffsarzt im Jahr 1939 – bis zu seinem Tod privat als praktischer Arzt tätig.
Im Ersten Weltkrieg begann Céline zu schreiben. Zunächst kam er über einfache Tagebücher und Gedichte nicht hinaus. Mitte der zwanziger Jahre begann er an Ballettmanuskripten zu arbeiten, nach eigener Aussage, um den Tänzerinnen, die zeit seines Lebens seine große Leidenschaft blieben, zu imponieren. 1928 entstand das Bühnenstück Die Kirche, das bis 1933 unveröffentlicht blieb. Es ist eine zynische Abrechnung mit dem Kolonialismus und dem „Gerede von den Menschenrechten“ (Céline).
Von 1928 bis 1932 arbeitete er an dem Roman Voyage au bout de la nuit (dt. Reise ans Ende der Nacht), der ihn nach seiner Veröffentlichung, lanciert von Léon Daudet, schlagartig berühmt machte. Das Werk brach radikal mit der akademischen französischen Literaturtradition und verband eine lyrische Rhetorik der Verzweiflung mit realistischen Schilderungen des Kriegselends und einem schonungslosen sexuellen Zynismus. Vor allem von der französischen Linken wurde es begeistert aufgenommen und polarisierte die Kritik: Céline montierte zeitweise seinen Briefkasten ab und wies den Postboten zum Fortwerfen der vielen Schmäh- und Bewunderungsbriefe an. Man verlieh ihm den Prix Renaudot, nicht aber den von ihm erhofften Prix Goncourt, wovon er bis zu seinem Tod immer wieder als einem verletzenden Affront sprach und was zu seiner Entfremdung vom intellektuellen Establishment der Dritten Republik beitrug. Trotz fehlender Auszeichnungen war das Buch jedoch ein kommerzieller Erfolg.
1936 wurde Reise ans Ende der Nacht von Louis Aragon und Elsa Triolet ins Russische übersetzt. Im selben Jahr erschien Célines in der prekären Welt des Pariser Kleinbürgertums angesiedelter zweiter Roman Mort à crédit (dt. Tod auf Kredit). In diesem Roman schlug die erzählerische Drastik, die viele linke Leser der Voyage noch als realistisch beschreibende Sozialkritik verstanden hatten, bereits erkennbar in eine offene, an gesellschaftlichen Beziehungen und Bedingungen nicht mehr interessierte Misanthropie um. Die Kritik nahm das Buch wesentlich kühler auf als das vorangegangene, und so, trotz des Verkaufserfolgs, entschloss sich Céline, politisch „zur Sache zu kommen“, wie er später in einem Leserbrief schrieb, und reiste für zwei Monate in die Sowjetunion. Dort empfing man ihn, vielleicht nur aufgrund einiger organisatorischer Missverständnisse, ohne den Pomp, den man etwa André Gide entgegengebracht hatte. Céline publizierte anschließend das Pamphlet Mea culpa (1936), in dem er die Sowjetunion, den Kommunismus und allgemein die Juden, die nach seiner Auffassung das sowjetische System trugen, scharf kritisierte. Die deutsche Ausgabe enthielt als Beigabe Célines Dissertation.
1937 erschien der Text Bagatelles pour un massacre (Kleinigkeiten für ein Blutbad), der mit spektakulärem Hass gegen das Judentum polemisierte. Der beeindruckende Verkaufserfolg des Buches (rund 80.000 Exemplare) ermöglichte es Céline, vom Erlös seiner Bücher zu leben. 1938 erschien es unter dem Titel Die Judenverschwörung in Frankreich in Deutschland (allerdings stark gekürzt). Als „jüdisch“ griff Céline darin alles und jeden an – darunter den Papst, Racine, Stendhal und Picasso. André Gide sah in der Schrift deshalb anfänglich eine Satire im Stile Jonathan Swifts, ein Literaturkritiker nahm an, dass es Célines Absicht gewesen sei, den Antisemitismus durch Steigerung ins offen Absurde lächerlich zu machen. Céline reagierte auf solche „Missverständnisse“ mit wachsendem Zorn; sein Pamphlet L’École des cadavres (1938) ist bewusst in der Absicht gestaltet, alle nur denkbaren Grenzen des guten Geschmacks, der politischen Vernunft und der elementaren Menschlichkeit zu überschreiten. 2019 erschien eine Neuauflage der deutschen Fassung im rechtsextremistischen Verlag Der Schelm. Nach Ansicht des französischen Verlags Gallimard ist die Veröffentlichung illegal.
Antisemitische Elemente sind in allen seinen Texten nachweisbar; der Hass auf das Judentum steigerte sich allerdings um 1937 auf eine Weise, dass manche Forscher von einer regelrechten Psychose sprechen. Dieser idée fixe ordnete er alle anderen politischen Vorstellungen unter. Ab 1937 erklärte Céline offen seine Sympathie für Hitler, und zwar mit dem Argument, dass es ihm lieber sei, „von einem Deutschen erschossen als von einem Juden verblödet“ zu werden. Während der deutschen Okkupation Frankreichs trat Céline weniger propagandistisch hervor als andere mit dem Faschismus sympathisierende französische Autoren – etwa Pierre Drieu la Rochelle, Robert Brasillach oder Alfred Fabre-Luce. Dazu trug gewiss auch bei, dass maßgebliche Vertreter der Besatzungsmacht seinen Schriften wegen der ständigen Obszönitäten und des „wilde[n] Gassenfranzösisch“ skeptisch gegenüberstanden. Rund 35 Wortmeldungen Célines in der Kollaborationspresse – meist anfeuernde Leserbriefe und Auszüge aus älteren Schriften – wurden bisher aufgefunden. 1946 wies er nachdrücklich darauf hin, niemals einen eigenen Artikel verfasst zu haben oder im Radio aufgetreten zu sein. Ein im November 1941 in der Zeitschrift L’Émancipation nationale gedrucktes Interview, in dem er sich lobend über Jacques Doriot und die Légion des volontaires français contre le bolchévisme (LVF, Legion der französischen Freiwilligen gegen den Bolschewismus) äußerte, sei ebenso wenig authentisch wie die im März 1942 vom gleichen Blatt veröffentlichte Lettre à Doriot. Im April 1942 unterzeichnete Céline ein Manifeste des intellectuels français contre les crimes anglais (Manifest französischer Intellektueller gegen englische Verbrechen).