An diesem Tag

Lorenz Böhler

Österreichischer Chirurg

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Lorenz Böhler (* 15. Jänner 1885 in Wolfurt, Vorarlberg; † 20. Jänner 1973 in Wien) war ein österreichischer Chirurg. Er gilt mit seit 1924 richtungsweisenden Arbeiten als Wegbereiter der modernen Unfallchirurgie.

Schon als fünfjähriges Kind soll der aus einer Handwerkerfamilie stammende Lorenz Böhler den Wunsch geäußert haben, Chirurg zu werden. Bereits als kleiner Junge hatte er kleine Vögel und Eichhörnchen seziert, und als er in einem am 16. Jänner 1896 erschienenen Heft der Illustrierten Das interessante Blatt das Bild einer von Wilhelm Röntgen geröntgten Hand entdeckte, schnitt er dieses aus und band damit sein Lesebuch ein.

1896 besuchte er das fürstbischöfliche Knabenseminar in Brixen. Nach zwei Jahren wechselte er in das Gymnasium in Bregenz, wo er die dritte Klasse wiederholen musste. Die Matura legte Lorenz Böhler gemeinsam mit dem späteren Unterrichtsminister Emil Schneider im 1895 eröffneten Communal-Obergymnasium in Bregenz 1905 ab. Von 1905 bis 1911 studierte er Medizin an der Universität Wien. 1909 machte Böhler für ein halbes Jahr eine militärische Ausbildung beim 4. Regiment der Tiroler Kaiserjäger in Bregenz. 1910 bekam er eine Hospitantenstelle in der „Internen“ im Krankenhaus Bozen, wo er seine spätere Frau Poldi Settari – eine Krankenschwester – kennenlernte.

Am 1. Juli 1911 wurde Böhler an der Universität Wien zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert.

Kurzfristig arbeitete Lorenz Böhler 1911 – und dann nochmals 1919/20 – an der Zweiten Chirurgischen Klinik in Wien, der Julius Hochenegg vorstand. Als einer der ersten hatte er eine unfallchirurgische Abteilung in seinem Krankenhaus.

Für ein paar Monate war Böhler dann ab 15. September 1911 als Schiffsarzt im Dienste der Reederei Austro-Americana tätig, bis er am 1. Mai 1912 im Garnisonsspital 24 in Ragusa freiwillig einrückte und für fünf Monate als k. u. k. Assistenzarzt-Stellvertreter hauptsächlich bakteriologisch arbeitete.

Im Herbst 1912 wurde Böhler im Krankenhaus Bozen Sekundararzt und im April 1913 Sekundararzt und Schularzt in Tetschen an der Elbe. 1914 besuchte Lorenz Böhler den Internationalen Chirurgen-Kongress in New York. Auf dem Weg dorthin lernte er den belgischen Chirurgen Albin Lambotte kennen, der ihm von den Möglichkeiten der operativen Knochenbruchbehandlung erzählte. Anschließend verbrachte Böhler einige Zeit in der Mayo Clinic in Rochester (Minnesota). Charles Horace Mayo machte Böhler auf die Zentren für Knochenbruchbehandlung in London und Liverpool aufmerksam, die es damals im deutschen Sprachraum in dieser Form noch nicht gab. Von Mayo erhielt er ein Empfehlungsschreiben an William Arbuthnot-Lane in London. Den geplanten Besuch auf der Rückreise verhinderte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Schon kurz nach seiner Einberufung als Truppenarzt ersuchte Böhler das 14. Korpskommando in Innsbruck, als Chirurg tätig sein zu dürfen. Von 1914 bis 1916 war er Chirurg an der Divisions-Sanitäts-Anstalt Nr. 8 der Tiroler Kaiserjäger. Im Juli 1915 wurde sein Armeekorps an die Italienfront (Erster Weltkrieg) versetzt. Im September desselben Jahres wurde er mit 30 Jahren zum damals jüngsten k. u. k. Regimentsarzt ernannt. Am 1. August 1916 übernahm er das Reservelazarett für Leichtverwundete im ehemaligen Dominikanerkloster Bozen. Böhlers Wunsch, auch Knochen- und Gelenkschüsse behandeln zu dürfen, wurde zunächst abgelehnt; so beschaffte er sich selbst Geräte und Patienten, bis ihm die Tätigkeit offiziell genehmigt wurde. Das Lazarett wurde in Spezialabteilung für Knochenschussbrüche und Gelenkschüsse umbenannt. Hier verwirklichte Böhler bereits einige seiner wichtigsten Ideen: Alles wurde spezialisiert und genormt, genau dokumentiert und für spätere Analysen statistisch erfasst, die wichtigsten Informationen zum Fall auf den Gipsverband geschrieben, die Patienten nach Art der Verletzung zusammengelegt und Patienten – nach ihren Möglichkeiten – für Arbeiten wie die Herstellung von Hilfsmitteln eingespannt. Böhler hatte zuvor gesehen, dass in Kriegslazaretten Patienten ohne irgendeine Systematik untergebracht wurden, was neben der Unübersichtlichkeit, die daraus entstand, auch eine spezialisierte Behandlung erschwerte. Mit seiner Spezialisierung auf die Verletztenchirurgie in dem Speziallazarett begründete Böhler die Unfallchirurgie.

Für kurze Zeit geriet Böhler 1918 in Kriegsgefangenschaft und wurde als beratender Chirurg der italienischen Militärspitäler herangezogen. Ein halbes Jahr nach Kriegsende wurde das Lazarett geschlossen.

Zwischenkriegszeit – Gründung des Unfallkrankenhauses in Wien

Böhlers großes Ziel war es von nun an, Spezialabteilungen für Unfallversorgungen durchzusetzen. 1919 trat er in Kontakt mit der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt in Wien. Mit Hilfe seiner Bozener Statistiken erklärte er dem Vorstand die medizinischen und ökonomischen Vorteile einer spezialisierten Behandlung in anstaltseigenen Unfallkrankenhäusern. Trotz Zustimmung der AUVA scheiterte die Umsetzung zunächst.

In Bozen errichtete Böhler eine Praxis. Als er 1924/25 Primarius in Brixen war, nahm der neue Direktor der AUVA für Wien, Niederösterreich und das Burgenland Böhlers Vorschlag auf. Am 1. Dezember 1925 wurde in der Webergasse 2–6 das erste Unfallkrankenhaus in Wien eröffnet – mit Lorenz Böhler als Ärztlichem Direktor. Weltweit und lange galt das Krankenhaus als Muster für ähnliche Spitäler.

Wie die meisten Pioniere der Unfallchirurgie (Lambotte, Küntscher) in ihrem Umfeld stieß Böhler, der inzwischen als „Vater der Unfallchirurgie“ gilt, bei seinen Wiener Kollegen lange Zeit auf Ablehnung. „Man lächelt ein bißchen über die muskelprotzenden, turnenden ‚Böhlerboys‘.“ Dagegen häuften sich Besuche aus dem Ausland. Auf Anregung der American Medical Association of Vienna (A.M.A.), einer Organisation von Studenten und Ärzten, verfasste er 1929 für seinen Unterricht das Skriptum The Treatment of Fractures.

Am 29. März 1930 habilitierte er sich für Chirurgie an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. Nach der Lehrbefugnis war er „verpflichtet, in der med. Fak. das Fach 'Chirurgie' sowie 'Unfallheilkunde u. Begutachtung' zu vertreten“. Böhler wurde am 8. März 1934 Mitglied der Vaterländischen Front, der Einheitspartei des austrofaschistischen Ständestaats.

1936 wurde ihm vom Bundespräsidenten der Titel eines a. o. Universitätsprofessors verliehen. Seit den 2020ern gibt es stichhaltige Indizien, dass Böhler bereits vor dem Anschluss illegaler Nationalsozialist war.

Böhlers Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus ist bisher nicht gänzlich aufgearbeitet. Er beantragte am 25. September 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.361.999). Im selben Jahr wurde Böhler zudem Mitglied der NSV und des Reichsluftschutzbunds, 1940 trat er auch dem NSDÄB bei.

Ab dem 18. Juni 1939 war Böhler auch förderndes Mitglied der SS (Mitgliedernummer 1.415.799). Böhlers politisches Engagement scheint jedoch vorrangig karrierepolitischen Zielen genutzt zu haben, in Einstufungen im NS-Regime wurde er als „schon vor dem Umbruch national eingestellt, ohne jedoch politisch besonders hervorzutreten“ beurteilt.

Im Sommer 1939 gehörte Böhler zu den 13 Unterzeichnern eines Protestschreibens gegen die Verlegung der A.M.A. von Wien nach London.

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