Lina Franziska „Fränzi“ Fehrmann, verheiratete Fleischer (* 11. Oktober 1900 in Dresden; † 10. Juni 1950 ebenda), war das bedeutendste Kindermodell und eine Muse der „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein. Sie wurde 1909, im Alter von acht Jahren, mit der Künstlergruppe bekannt gemacht und bis 1911 auf zahlreichen Werken der Maler abgebildet. Anders als Berufsmodelle wurde Fehrmann häufig in Bewegung porträtiert und steht im Werk der „Brücke“-Künstler mit einer neuen, schnelleren Malweise in Öl in Verbindung. Lange Zeit nur unter dem in Bildtiteln zu findenden Vornamen Fränzi bekannt, konnte Fehrmanns Identität 1995 über Eintragungen in Kirchners Skizzenbuch aufgedeckt werden. Vor allem Kirchners Art der Beziehung zu dem Kind wurde seither zunehmend kritisch und spekulativ hinterfragt.
Lina Franziska Fehrmann war das zwölfte und letzte Kind des Schlossers und späteren Heizers und Maschinisten Oskar Emil Fehrmann (1858–1921) und der Putzmacherin Alma Lina Clementine Fehrmann, geborene Pazi (1860–1945). Beide hatten 1882 geheiratet. Lina Franziska wurde am 2. Dezember 1900 in der Dresdner Annenkirche getauft.
Die Mutter besaß ein kleines Modegeschäft an der Zwingerstraße 26. Mit ihren Eltern lebte Fehrmann in kleinbürgerlichen, ärmlichen Verhältnissen zwischen dem Dresdner Hauptbahnhof und dem Stadtteil Friedrichstadt, dem im Volksmund sogenannten „Topflappenviertel“. Häufig wechselte die Familie innerhalb des Viertels ihren Wohnort. Nicht eindeutig bekannt ist, wie die Brücke-Künstler auf sie aufmerksam wurden. So wird vermutet, dass „Fränzi“ dem Hausmeister der Dresdener Akademie aufgefallen war und er den Kontakt herstellte. Möglicherweise war auch Kirchners Freundin Doris „Dodo“ Große mit Fränzis Mutter bekannt – beide waren als Hutmacherinnen tätig – und als Vermittlerin involviert. Erich Heckel erinnerte sich rückblickend an den Zeitpunkt des Zusammentreffens:
Untersuchungen des Kunsthistorikers Gerd Presler und des Sammlers Klaus Albers ergaben, dass Fehrmann zum ersten Mal auf Bildern Ernst Ludwig Kirchners, Erich Heckels und Max Pechsteins zu sehen ist, die im August 1909 an den Moritzburger Teichen entstanden. Dort lebten die Künstler mehrere Wochen zusammen mit ihren Modellen in der „Alten Brauerei“. Fehrmann war zu dem Zeitpunkt acht Jahre alt und das jüngste Modell der „Brücke“-Künstler. Neben Bildern in freier Natur entstanden auch zahlreiche Werke, darunter Aktbilder, in Ateliers in Dresden. Auch im Sommer 1910 folgte Fehrmann den Künstlern nach Moritzburg.
Die letzten „Fränzi-Bilder“ stammen aus dem Jahr 1911. Sie blieb in Dresden, während die „Brücke“-Künstler im Oktober 1911 nach Berlin übersiedelten. Mit 16 Jahren wurde sie von einem Nachbarsjungen, dem Fleischer Max Rabe, zum ersten Mal schwanger und brachte am 12. Oktober 1917 ihre Tochter Franziska Gertrud unehelich zur Welt. Im Jahr 1921 starb ihr Vater, und Fehrmann lebte von da an mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, der aus dem Ersten Weltkrieg versehrt zurückgekehrt war, in der Kleinen Plauenschen Gasse 60. Die zweite Tochter Erika kam am 4. November 1923 ebenfalls unehelich zur Welt. Ernst Ludwig Kirchner besuchte Fehrmann am 12. Februar 1926 in Dresden und notierte anschließend in sein Skizzenbuch:
In Fehrmanns Besitz befand sich zu dem Zeitpunkt noch ein Album, das Fotos der Zeit an den Moritzburger Teichen enthielt, jedoch heute als verschollen gilt. Von ihr waren bis 2012 nur zwei Fotografien bekannt, die Ernst Ludwig Kirchner 1910 anfertigte. Die Sächsische Zeitung veröffentlichte im Juli 2012 Fotografien Fehrmanns, die sich im Besitz einer Großnichte befunden hatten. Sie zeigen das ehemalige Kindermodell erstmals als erwachsene Frau 1940 und um 1945 sowie mit ihren Töchtern und ihrem Bruder Richard 1947.
Silvester 1931 heiratete „Fränzi“ 31-jährig den Buchdrucker Alfred Kurt Fleischer. Auf der Eheurkunde ist verzeichnet, dass sie zu der Zeit als Buchbindereiarbeiterin tätig war. Sie zog 1931 in eine Wohnung in der Polierstraße 23 um und bezog spätestens 1942 erneut eine Wohnung in der Kleinen Plauenschen Gasse 60 auf derselben Etage wie ihre Mutter. Bei der Bombardierung Dresdens wurde das Haus zerstört. Ihre Mutter wird letztmals im Adressbuch der Stadt Dresden 1942/43 verzeichnet, weshalb anzunehmen ist, dass sie entweder bereits 1944 bei einem Luftangriff umgekommen war oder bei der Zerstörung des Hauses in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 ums Leben kam. Letzteres wird durch Zeitzeugen bestätigt, die berichteten, dass Fehrmanns Mutter „an den Folgen der Bombennacht ’45 starb“.
Fehrmann hatte bereits während des Krieges ihre 1937 geborene Großnichte Margit Fehrmann bei sich aufgenommen und großgezogen. Margit erinnerte sich, wie sie mit Fehrmann in der Bombennacht überlebte: „In der Nacht flüchteten wir durch Mauerdurchbrüche von Keller zu Keller und dann, als Phosphor eindrang, über eine Art Hühnerleiter ins Freie. […] Bei uns gab es nie Schläge. Aber als ich sagte, jetzt gehe ich nicht mehr weiter, hat mir die Mama [Fehrmann] eine runtergehauen.“ Beide flohen über Hainsberg nach Rabenau, wo sie bei einem Bruder Fehrmanns unterkamen.
Alfred Fleischer hatte als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und war in Kriegsgefangenschaft geraten. Nach seiner Heimkehr wurde die Ehe mit Fehrmann am 6. August 1948 geschieden. Sie zog mit Margit in ein Einfamilienhaus in der Martin-Opitz-Straße 19 in Omsewitz. Ihre letzten Lebensjahre waren von zahlreichen Erkrankungen gekennzeichnet. Fehrmann starb am 10. Juni 1950 infolge eines Herzleidens im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. Fünf Tage später wurde sie auf dem Äußeren Briesnitzer Friedhof als „Lina Franziska Fleischer“ beerdigt. Ihr Grab wurde 1972 neu belegt und 1992 eingeebnet. Durch eine Privatinitiative konnte am 15. Juni 2011 unweit des ursprünglichen Grabes ein Gedenkstein für Fehrmann eingeweiht werden.
Fehrmann hinterließ zum Zeitpunkt ihres Todes laut der Eintragung im Bestattungsbuch zwei Töchter, jedoch ist in der Todesanzeige nur ihre erstgeborene Tochter Franziska Gertrud Fehrmann als Hinterbliebene angegeben. Diese heiratete vor 1950 den Buchhalter Georg Bruno Arlt (1905–1995) und verstarb 1992. Ihr Urnengrab befindet sich auf dem Neuen Annenfriedhof. Ihr Ehemann starb 1995 in Lichtenberg.
Fehrmanns jüngere Tochter Erika Eleonore Fehrmann lebte nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in Rabenau. Sie heiratete Milan Mirčetić, der als Dolmetscher der Roten Armee arbeitete, doch wurde die Ehe annulliert, als Mirčetić nach Jugoslawien zurückberufen wurde, seine Frau jedoch keine Einreisegenehmigung erhielt. Erika Fehrmann zog 1954 in die Bundesrepublik und heiratete den Journalisten Koebel. Ab 1956 lebte sie in Munster, wo sie am 3. Dezember 2006 verstarb.
Das Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See ehrte Fehrmann im Jahr 2009 mit der Kabinettausstellung Fränzi, Modell und Ikone der „Brücke“-Künstler. Von 2010 bis 2011 folgte im Sprengel Museum Hannover die Ausstellung Der Blick auf Fränzi und Marcella, in deren Vorbereitung die Identität der lange Zeit für Fränzi gehaltenen Marcella möglicherweise aufgedeckt werden konnte.
In Werken der Brücke-Künstler taucht neben dem Namen Fränzi immer wieder auch die Bezeichnung „Marcella“ beziehungsweise „Marzella“ auf. Die Forschung ging lange Zeit davon aus, dass es sich bei beiden Mädchen um Geschwister handelte, die aus einer Artistenfamilie stammten. Ausgangspunkt dieser Vermutungen sind zwei Äußerungen der Künstler selbst. Max Pechstein schrieb in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1946:
Erich Heckel wiederum schrieb auf einer Postkarte am 18. Februar 1910 von „zwei Schwestern, die ich neulich entdeckte“. Auch wenn in beiden Fällen kein Name angegeben wurde, setzte die Forschung die Schwestern mit Marcella und Fränzi gleich. „Marcella“ wurde unter anderem aufgrund der Darstellung in Bildern als drei Jahre älter als „Fränzi“ angenommen. Um die Existenz beider Mädchen entstand schließlich „ein Mythos, den die BRÜCKE-Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eifrig gepflegt hat.“ Die durch Heckels Postkarte feste Datierung des Zusammentreffens der Mädchen mit den „Brücke“-Künstlern führte nicht zuletzt dazu, dass zahlreiche Werke Kirchners, Heckels und Pechsteins, die durch die Künstler als 1909 entstanden gekennzeichnet waren und die Mädchen zeigten, auf 1910 umdatiert wurden.