Lillie P. Bliss (eigentlich Lizzie Plummer Bliss) (* 11. April 1864 in Boston; † 12. März 1931 in New York City) war eine amerikanische Kunstsammlerin und Mäzenin. Anfang des 20. Jahrhunderts zählte sie zu den führenden Sammlern moderner Kunst in New York. Sie gehörte zu den Leihgebern der richtungsweisenden Armory Show im Jahr 1913 und trug durch weitere Ausstellungsbeteiligungen zur öffentlichen Beachtung dieser Kunst bei. 1929 spielte sie bei der Gründung des Museum of Modern Art eine wesentliche Rolle. Nach ihrem Tod gelangten 150 Kunstwerke ihrer Kollektion als Stiftung an das Museum. Dieser Grundstock der hauseigenen Sammlung umfasst Arbeiten von Künstlern wie Paul Cézanne, Georges Seurat, Paul Gauguin, Henri Matisse, Pablo Picasso und Amedeo Modigliani.
Lizzie Plummer Bliss kam 1864 als Tochter des Textilkaufmanns Cornelius Newton Bliss und seiner Frau Elisabeth Mary Bliss, geborene Plummer (1836–1923), in Boston zur Welt. Von ihrer Familie und ihren Freunden wurde sie seit ihrer Kindheit Lillie P. Bliss genannt. Von den drei Geschwistern erreichte nur ihr 1874 geborener Bruder Cornelius Newton Bliss, Jr. das Erwachsenenalter. Als sie zwei Jahre alt war, zog ihre Familie nach New York City. Lillie P. Bliss besuchte keine Schule, sondern erhielt Unterricht von Privatlehrern. Ihr Vater bekleidete unter Präsident William McKinley von 1897 bis 1899 das Amt des Innenministers der Vereinigten Staaten. Seine Tochter begleitete ihn in dieser Zeit wiederholt zu offiziellen Veranstaltungen in Washington, da seine Frau diese krankheitsbedingt nicht wahrnehmen konnte.
Die künstlerisch interessierte Lillie P. Bliss lernte bei Empfängen in der Wohnung der Eltern Schauspieler wie Walter Hampden, Ruth Draper und Ethel Barrymore kennen. In ihrer Jugend gehörte ihr künstlerisches Hauptinteresse sowohl der klassischen als auch der zeitgenössischen Musik. Anfang des 20. Jahrhunderts begann sie junge Pianisten und Opernsänger finanziell zu fördern. Darüber hinaus unterstützte sie das von Franz Kneisel (1885–1917) geleitete Streichquartett (Kneisel Quartett) und förderte die Juilliard Foundation, die sich um musikalische Ausbildung kümmerte. Zu ihren Freunden gehörten der Musikkritiker Richard Aldrich und der Musiker Charles Martin Loeffler.
Zu den frühesten Begegnungen mit moderner Kunst gehörten Ausstellungsbesuche im Union League Club of New York. Ihr Vater war Mitglied dieses Club und stand diesem von 1902 bis 1906 als Präsident vor. Der Club zeigte wiederholt in öffentlichen Ausstellungen Werke lebender Künstler. Beispielsweise waren hier 1891 von Claude Monet 34 Werke zu sehen. Nach dem Tode des Vaters 1911 lebte Bliss, die nie geheiratet hatte, gemeinsam mit ihrer Mutter in einer Wohnung in der 37. Straße in Manhattan.
Zu ihren frühesten Ankäufen von Kunstwerken gehörte ein Gemälde des amerikanischen Malers Arthur B. Davies. Sie traf den Künstler in seinem Atelier und besuchte mit ihm und der Kunsterzieherin Mary Quinn Sullivan gemeinsam Kunstausstellungen. In den Folgejahren baute Bliss die größte Privatsammlung mit Arbeiten von Davies in den Vereinigten Staaten auf.
Ihr Freund, der Mediziner Christian Archibald Herter, begleitete ihr Klavierspiel gelegentlich als Freizeit-Cellist. Durch ihn lernte sie seine Schwägerin, die Malerin Adele Herter kennen, die gemeinsam mit Abby Aldrich Rockefeller und fünf weiteren Frauen im März 1911 den Women’s Cosmopolitan Club in New York City begründeten. Lillie P. Bliss trat dieser Vereinigung wenige Monate später bei. Mit Abby Aldrich Rockefeller verband sie eine lebenslange Freundschaft und ihre gemeinsamen Interessen führten später zur Gründung des Museum of Modern Art. Im selben Jahr konstituierte sich die Künstlervereinigung Association of American Painters and Sculptors zu deren Mitbegründern neben Arthur B. Davies der Künstler Walt Kuhn und der Kritiker Walter Pach zählten. Bliss erwarb über die Jahre zahlreiche Gemälde von Kuhn und alle drei spielten eine wesentliche Rolle bei der Vorbereitung der Armory Show im Jahr 1913, deren Ziel es war, modernste Strömungen der Kunst dem amerikanischen Publikum näherzubringen. Andere Ausstellungsorte, wie die konservativ geprägte National Academy of Design, verwehrten sich zu dieser Zeit aktuellen künstlerischen Tendenzen.
Sechs Wochen vor Beginn der Armory Show erwarb Bliss in der New Yorker Filiale der Galerie Durand Ruel zwei Landschaftsbilder von Pierre-Auguste Renoir und von Edgar Degas ein Gemälde und ein Pastell. Diese Bilder lieh sie zur Armory Show aus und half zudem mit finanziellen Mitteln die Ausstellung zu ermöglichen. Aus der Ausstellung kaufte sie zahlreiche Kunstwerke an, darunter Silence und Roger und Angelica von Odilon Redon. Aus den persönlichen Begegnungen mit in der Ausstellung vertretenen Künstlern entwickelten sich teils langandauernde Freundschaften. Dies betraf beispielsweise Maler wie Charles Sheeler, Charles und Maurice Prendergast, deren Arbeiten sie ebenfalls ankaufte.
Einen Schwerpunkt ihrer Sammlung bilden die Arbeiten von Paul Cézanne. Ihren ersten Cézanne (Die Straße von 1875) erwarb Bliss kurz nach Schließung der Armory Show aus der Sammlung ihres Freundes Arthur B. Davies. Unbeeinflusst von negativen Ausstellungskritiken erwarb Bliss 1916 in der von Félix Fénéon zusammengestellten Cézanne-Ausstellung in der New Yorker Montross Gallery das Gemälde Früchte und Wein sowie acht Aquarelle des Künstlers.
Zusammen mit ihren Freunden, den Kunstsammlern Louisine W. Havemeyer und John Quinn, überredete sie den Kurator für Malerei, Bryson Burroughs, 1921 die Ausstellung Loan exhibition of Impressionist and Post-Impressionist art im Metropolitan Museum of Art auszurichten. Quinn lieh 26, Bliss lieh zwölf (darunter fünf Cézannes und ihr Degas-Gemälde) und Havemeyer zwei Werke zu dieser Ausstellung (beide Frauen anonym). Die Presse klagte Quinn als heimlichen Leiter dieser Ausstellung an, kritisierte das selbsternannte Bürgerkomitee und bezeichnete die Ausstellung als „dangerous“ (gefährlich). Das aus der Sammlung Quinn gezeigte Gemälde Hina Te Fatou (Der Mond und die Erde) von Paul Gauguin bezeichnete die Zeitung New York World als typisch für die widerwärtigen bolschewisten Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen seien. Unbeeindruckt von solcher Kritik erwarb Bliss wenig später dieses Gemälde für ihre Sammlung.
Von 1924 bis 1929 reiste Bliss jährlich einmal nach Europa, um sich über die neuesten künstlerischen Entwicklungen – vor allem in Frankreich – zu informieren. Ankäufe für ihre Sammlung tätigte sie hingegen fast ausnahmslos über New Yorker Kunsthändler, beziehungsweise über die New Yorker Filialen europäischer Galerien. Neben aktueller Malerei erstand sie in diesen Jahren zudem einzelne Werke älterer Kunst. So kaufte sie 1927 neben einem Werk des Pointellisten Georges Seurat (Port-en-Bessin, Hafeneinfahrt) eine Arbeit des Realisten Honoré Daumier (Die Wäscherin).
Die Gründung des Museum of Modern Art
Nach dem Tod von Arthur B. Davies im Oktober 1928 fanden mehrere Ausstellungen zu seinem Gedenken statt, zu der Lillie P. Bliss zahlreiche Kunstwerke auslieh. Bei der Auktion seiner Kunstsammlung gehörte Bliss, ebenso wie Abby Aldrich Rockefeller, zu den Käufern und bei beiden reifte der Gedanke eine Institution zu gründen, die sich Ausstellungen moderner Kunst in New York widmen sollte. Hierbei spielte die standhafte Weigerung des Metropolitan Museum of Art, Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts sowie Arbeiten zeitgenössischer Künstler auszustellen, eine entscheidende Rolle.
Ende Mai 1929 lud Abby Aldrich Rockefeller ihre Freundinnen Lillie P. Bliss und Mary Quinn Sullivan zu einem Mittagessen ein, um die Gründung eines Museums für moderne Kunst zu erörtern. Als weiterer Gast nahm der Kunstsammler A. Conger Goodyear an diesem Treffen teil, der zuvor als Vorstandsmitglied der Albright Art Gallery in Buffalo gewirkt hatte. Goodyear stimmte zu, diesem Kreis als Präsident vorzustehen, Lillie P. Bliss wurde seine Stellvertreterin und Abby Aldrich Rockefeller füllte die Funktion der Schatzmeisterin aus. Kurze Zeit später stießen zu diesem Kreis der Kunsthistoriker und Sammler Paul J. Sachs ein Bekannter von Abby Aldrich Rockefeller, der Verleger Frank Crowninshield, ein Freund von Lillie P. Bliss, sowie die mit Bliss und Rockefeller befreundete Josephine Porter Boardman, die in New York einen Literarischen Salon führte. Am 7. November öffnete die erste Ausstellung des Museum of Modern Art in angemieteten Räumen im Heckscher Building in Manhattan. Zur ersten Ausstellung mit dem Titel Cezanne, Gauguin, Seurat, van Gogh steuerte Bliss wiederum einige Gemälde ihrer Sammlung bei.