Lester Bowles „Mike“ Pearson, PC, OM, CC, OBE (* 23. April 1897 in Newtonbrook (heute zu Toronto gehörig); † 27. Dezember 1972 in Ottawa) war ein kanadischer Politiker und Diplomat. Er war vom 22. April 1963 bis zum 20. April 1968 Premierminister seines Landes sowie von 1958 bis 1968 Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas. 1952 war er Präsident der Generalversammlung der Vereinten Nationen, von 1948 bis 1957 Außenminister Kanadas.
Seine Minderheitsregierung führte die allgemeine öffentliche Krankenversicherung, das staatliche Pensionskassensystem, den Order of Canada und die neue kanadische Flagge ein. Als Vertreter der Vereinten Nationen trug Pearson wesentlich zur Beendigung der Sueskrise bei, wofür er 1957 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Er wird auch als Initiator der Friedenstruppen der Vereinten Nationen und als Begründer der modernen Konzepte zur Friedenssicherung angesehen.
Lester Bowles Pearson war der Sohn des wohlhabenden Methodistenpastors Edwin Arthur Pearson (später Pastor der United Church of Canada) und von Anne Sarah Bowles. Er studierte Geschichte am Victoria College der University of Toronto, trat während seiner Studentenzeit aber vor allem als Sportler in Erscheinung. So spielte er in den jeweiligen Universitätsmannschaften Rugby Union, Eishockey, Baseball und Lacrosse.
Wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich im April 1915 freiwillig zum Dienst als Sanitäter. Nach der Grundausbildung war er ab 1915 in Thessaloniki im neutralen Griechenland stationiert. Pearson ersuchte um eine Versetzung an die Westfront und kam im März 1917 in Großbritannien an. Da er Kampfpilot werden wollte, schloss er sich dem Royal Flying Corps an. Zu einem Kampfeinsatz kam es jedoch nie: Ein Trainingsflug endete mit einer Bruchlandung und später wurde Pearson in London während der Verdunklung von einem Bus angefahren und verletzt. Im April 1918 wurde er schließlich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst entlassen und nach Kanada zurückgeschickt.
Nach Kriegsende setzte Pearson sein Studium in Toronto fort und schloss 1919 als Bachelor of Arts ab. 1920 arbeitete er in einem Fleischverarbeitungsbetrieb in Chicago, ging dann aber mit einem Stipendium ans St John’s College der University of Oxford und schloss 1925 als Master of Arts in moderner Geschichte ab. Er war zwischendurch als Dozent an der University of Toronto tätig und trainierte auch die Eishockey- und Canadian-Football-Mannschaften der Universität. 1925 heiratete er Maryon Moody, eine seiner Studentinnen; das Paar hatte eine Tochter (Patricia) und einen Sohn (Geoffrey).
Unzufrieden mit dem aus seiner Sicht bescheidenen Einkommen als Universitätsdozent, trat Pearson im August 1928 in den diplomatischen Dienst ein und arbeitete für das Außenministerium, das damals noch direkt dem Premierminister unterstellt war. Als Berater nahm er 1930 an der Londoner Flottenkonferenz, an internationalen Gesprächen im Rahmen des Völkerbundes und 1932 an der Genfer Abrüstungskonferenz teil. Premierminister Richard Bedford Bennett ernannte Pearson 1935 zum Ersten Sekretär des kanadischen Botschafters in Großbritannien.
Pearson riet seinen Vorgesetzten nach der Invasion Äthiopiens, Wirtschaftssanktionen gegen das faschistische Italien zu verhängen, doch Bennetts Nachfolger William Lyon Mackenzie King lehnte diesen Vorschlag strikt ab. Das Münchner Abkommen von 1938 bezeichnete er als „Frieden ohne Ehre“, und er warnte vor einem baldigen Kriegsausbruch. Pearson hatte mittlerweile einen hervorragenden Ruf als Analyst der Weltpolitik erworben und begann zunehmend, die kanadische Außenpolitik zu beeinflussen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieb er weiterhin in London und war am Ausbau der britisch-kanadischen Beziehungen beteiligt.
Im Frühjahr 1941 kehrte Pearson nach Ottawa zurück und wurde stellvertretender Unterstaatssekretär im Außenministerium. Als Botschaftsrat wechselte er im Juni 1942 an die kanadische Botschaft in Washington, D.C. Damals ging die Führungsrolle unter den Alliierten endgültig an die Amerikaner über. Pearson erkannte, dass Großbritannien und das Commonwealth of Nations nach dem Krieg eine geringere Rolle spielen würden, was wiederum von enormer Bedeutung für die zukünftige Außenpolitik Kanadas war.
Am 1. Januar 1945 wurde er zum Botschafter ernannt und nahm im selben Jahr in San Francisco an der Gründungsversammlung der Vereinten Nationen teil. Er wurde als erster Generalsekretär der Vereinten Nationen vorgeschlagen, die Sowjetunion legte gegen diesen Antrag allerdings ihr Veto ein. Im September 1946 folgte die Beförderung zum Vize-Außenminister; in dieser Funktion war Pearson maßgeblich an der Ausgestaltung der NATO beteiligt.
Premierminister King ernannte Pearson am 10. September 1948 zum Außenminister. Da Pearson als Minister auch ein Mandat im Unterhaus benötigte, stellte er sich am 25. Oktober 1948 erfolgreich einer Nachwahl im Wahlkreis Algoma East im Norden Ontarios, der einen Teil des heutigen Algoma Districts und die Insel Manitoulin umfasste. Kings Nachfolger Louis Saint-Laurent, ebenfalls von der Liberalen Partei Kanadas, bestätigte ihn am 15. November 1948 im Amt.
Pearsons Aufgaben fokussierten sich sehr stark auf die internationalen Beziehungen. Vor allem bei den Vereinten Nationen und der NATO sowie an den Konferenzen des Commonwealth of Nations war er präsent. 1951 und 1952 war er Vorsitzender der NATO-Versammlung, 1952 Präsident der UN-Generalversammlung während deren 7. Sitzungsperiode. Er konzentrierte sich in diesem Jahr vor allem auf eine Lösung im Koreakrieg.
1956 kam es zu einer militärischen Intervention Großbritanniens, Frankreichs und Israels gegen die Verstaatlichung des Sueskanals durch Ägypten, was die Sueskrise auslöste. Pearson schlug die erstmalige Entsendung bewaffneter Friedenstruppen der Vereinten Nationen vor. Dabei gehörten kanadische Truppen zu den ersten, die im Rahmen dieses Einsatzes nach Ägypten kamen (siehe auch United Nations Emergency Force). Für seine Rolle bei der Beilegung der Krise erhielt Pearson 1957 den Friedensnobelpreis.
Zudem war er von 1957 bis 1958 der zweite Präsident der Atlantic Treaty Association.
Die Liberalen verloren die Unterhauswahl im Juni 1957. Sie erzielten zwar insgesamt mehr Stimmen als die Progressiv-konservative Partei, gewannen aber weniger Sitze. Am 20. Juni 1957 trat Saint-Laurents Regierung zurück. Pearson wurde am 16. Januar 1958 am Parteitag in Ottawa im ersten Wahlgang zum neuen Vorsitzenden der Liberalen Partei gewählt.
Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Oppositionsführer beging er einen taktischen Fehler. Im Unterhaus forderte er die progressiv-konservative Minderheitsregierung von John Diefenbaker auf, die Macht ohne Wahlen an die Liberalen abzutreten, da die Wirtschaft sich in einer Rezession befände. Doch Diefenbaker rief stattdessen eine Neuwahl aus, worauf die Liberalen überhaupt nicht vorbereitet waren. Ende März 1958 verloren sie mehr als die Hälfte ihrer Mandate und Diefenbaker konnte mit der größten Mehrheit in der Geschichte des Landes weiterregieren.
Bei der Unterhauswahl im Juni 1962 gelang es den Liberalen, fast ihre gesamten Verluste wieder wettzumachen. Zwar blieben die Progressiv-Konservativen weiterhin stärkste Partei, doch verfügten sie nicht mehr über die Mehrheit der Sitze. Diefenbakers Regierung brach schließlich zusammen, als er sich entgegen dem Rat des Verteidigungsministers weigerte, amerikanische Bomarc-Atomraketen in Kanada zu stationieren. Nach einem erfolgreichen Misstrauensvotum fand Anfang April 1963 erneut eine Wahl statt. Die Liberalen wurden wieder stärkste Partei, konnten aber ebenfalls keine absolute Mehrheit erringen.
Am 22. April 1963 wurde Pearson als neuer Premierminister vereidigt. Trotz fehlender Mehrheit konnte seine Regierung einige bedeutende Gesetze verabschieden, darunter die allgemeine öffentliche Krankenversicherung (Medicare), das staatliche Pensionskassensystem (Canada Pension Plan), ein Programm für Studienkredite, die 40-Stunden-Woche und einen höheren Mindestlohn. Auch konnte Pearson nach monatelanger Debatte die Einführung einer neuen Nationalflagge durchsetzen. Das Steuersystem wurde reformiert und der Auto Pact liberalisierte die Automobilindustrie. In den meisten Fällen konnte Pearson mit der Unterstützung der Neuen Demokratischen Partei von Tommy Douglas rechnen.