Leopold Szondi [ˈlɛopold ˈsondi] ungarisch Lipót Szondi, eigentlich Leopold Sonnenschein (* 11. März 1893 in Nyitra, Österreich-Ungarn; † 24. Januar 1986 in Küsnacht, Schweiz) war ein ungarisch-schweizerischer Arzt, Endokrinologe, Psychiater, Heilpädagoge und Tiefenpsychologe. Szondi ist der Begründer der Schicksalsanalyse, Erforscher des Genotropismus und des familiär Unbewussten.
Leopold Szondi wurde als Leopold Sonnenschein am 11. März 1893 in der damals ungarischen Stadt Nyitra (heute Nitra in der Slowakei) geboren. Er war der Zweitjüngste von neun Kindern aus der zweiten Ehe des Vaters Abraham Sonnenschein mit Rézi Kohn. Durch Existenznot gezwungen zog Familie Sonnenschein 1898 von Nyitra nach Budapest, weil dort Söhne und Töchter Arbeit gefunden hatten und die Familie ernähren konnten. Vater Abraham Sonnenschein war Schuhhandwerker. Als jüdischer Gelehrter widmete er sich ganz dem Studium der Thora, talmudischer und chassidischer Schriften. Szondi drückte die Überzeugung aus, dass er durch seinen Vater zu einem religiösen Menschen geprägt worden sei. Von der Mutter, Rézi Kohn, ist nichts überliefert, abgesehen von der Tatsache, dass sie aus der Nähe von Nyitra stammte. 1911 machte der 18-jährige Lipót Sonnenschein die Matura. Im gleichen Jahr verstarb sein Vater.
Der Achtzehnjährige ließ seinen bisherigen Familiennamen Sonnenschein in „Szondi“ magyarisieren. Lipót Szondi begann in Budapest das Studium der Medizin. Während des Ersten Weltkrieges wurde sein Studium zwischen 1914 und 1918 immer wieder durch den Sanitätsdienst an vorderster Kriegsfront unterbrochen.
Nach Abschluss des Medizinstudiums war Szondi 1919–1926 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Pál Ranschburg, Experimentalpsychologe, Arzt und Heilpädagoge. 1927–1941 wirkte Szondi als Professor und Leiter des für ihn geschaffenen Königlich-Ungarischen Staatlichen Heilpädagogischen Forschungs-Laboratoriums für Psychopathologie und Psychotherapie an der Hochschule für Heilpädagogik in Budapest. Aufgrund ausgedehnter Familienforschungen und erbstatistischer Untersuchungen erarbeitete er eine neue Theorie der Krankheits- und Partnerwahl und eine eigene Triebpsychologie.
1926 erfolgte die Heirat mit Lili (Ilona) Radványi (1902–1986). 1928 wurde die Tochter Vera geboren, 1929 der Sohn Peter.
1941 verlor Szondi aufgrund antijüdischer Berufsverbote seine staatlichen Stellen und alle Titel in Lehre und Forschung. Trotz des zunehmenden gegen Juden gerichteten Terrors arbeitete Szondi in Budapest unbeirrt an der Entwicklung seiner Triebpsychologie weiter. Im Geheimen hektographierten Schüler und nichtjüdische Mitarbeiter seine triebdiagnostischen Arbeiten, die er als Jude nicht mehr in öffentlichen Vorlesungen vortragen durfte. Der Naziterror griff immer einschneidender in den Alltag der Familie Szondi ein. Die Familie musste den Judenstern tragen und in ein sog. „Judenhaus“ umziehen. In dieser Zeit setzte sich Szondi wissenschaftlich mit der Beziehung zwischen dem Ich und den Trieben auseinander. Ebenso interessierten ihn die Beziehung zwischen Ich und Geist, zwischen Trieben und Humanismus. Schließlich beschäftigte sich Szondi mit der Erziehung der Triebe. Das Manuskript seines Grundlagenwerkes „Schicksalsanalyse“ vermochte er noch vor seiner Deportation in die Schweiz zu retten.
Im Juni 1944 wurde Szondi angeboten, an einer „freiwilligen Deportation“ nach Israel teilzunehmen. Diese Offerte beruhte auf einem Geldhandel zwischen Repräsentanten der jüdischen Hilfsorganisation Waadah (besonders Rudolf Kasztner, Joel Brand und Andreas Biss) und Vertretern von Heinrich Himmler. Am 29. Juni 1944 wurde die Familie Szondi mit 1683 weiteren „Austauschjuden“ von Budapest über Wien nach Bergen-Belsen in das am 8. Juni 1944 eröffnete „Ungarnlager“ verschleppt. Zehn Verwandte von Leopold Szondi, die in Ungarn zurückbleiben mussten, wurden in den folgenden Monaten Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie und Verfolgung. Im Lager Bergen gründete Szondi einen „Humanisten-Kreis“. In der verdunkelten Lagerbaracke legte er sein triebpsychologisches Verständnis für das Humane und Inhumane im Menschen dar.
Verhandlungen und Interventionen aus dem Ausland führten dazu, dass am 6. Dezember 1944 die Familie Szondi zusammen mit 1365 Personen in die Schweiz ausreisen durfte. Am 7. Dezember 1944 betraten sie Schweizer Boden. Im Flüchtlingslager in Caux beschrieb Lili Szondi den Tagesablauf im Lager Bergen-Belsen. Leopold Szondi stellte sich als Flüchtling in Caux die Frage, wie man den Humanismus als Korrektiv des Inhumanen in die Gesellschaft einbauen könnte. Unter dem Titel Erziehung und Behandlung der Triebe (1946) schwebte ihm ein pädagogischer und therapeutischer Weg vor Augen, den er als „Weg der Menschwerdung“ bezeichnete. Auf dem Weg zum höchsten Trieb-Schicksal, genannt „Humanität“, durchschreiten Menschen – gepaart mit Rückschritten – verschiedene Stationen der Menschwerdung.
1946 bis 1984 war Zürich der Wohnsitz Szondis. 1959 erhielt er das Schweizer Bürgerrecht. Dank eines großzügigen Legates konnte 1970 in Zürich, unweit der Wohnung der Familie Szondi, das Lehr- und Forschungsinstitut für Allgemeine Tiefenpsychologie und speziell für Schicksalspsychologie eröffnet werden. Das Legat wurde in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt. Für seine wissenschaftlichen Verdienste empfing Szondi die Würde von Ehrendoktoraten, 1970 von der Universität Löwen in Belgien, 1979 von der Universität Paris VII.
Am 9. November 1971 schied in Berlin der Sohn Peter Szondi aus dem Leben. Seit 1965 war er Ordinarius für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin (später in Peter-Szondi-Institut umbenannt) und stand kurz vor der Übernahme des Lehrstuhls für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Peter Szondi hatte den Freitod im Berliner Halensee gewählt, wie ein Jahr zuvor sein Freund, der Schriftsteller und Lyriker Paul Celan im Wasser der Seine.
1978 verstarb in Zürich die Tochter und Ärztin Vera Szondi an einer endokrinen Störung.
Szondi arbeitete an seinem Lehr- und Forschungsinstitut von 1971 bis 1983. Am 24. Januar 1986 verschied Leopold Szondi in seinem 93. Lebensjahr. Kurz danach starb am 18. August des gleichen Jahres seine Frau, Lili Szondi-Radványi, 84-jährig. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Zürcher Friedhof Fluntern.
Am 6. April 2005 beschloss der Stadtrat von Zürich, den Fußweg von der Zürichbergstrasse bis zur Orellistrasse, als „Szondiweg“ zu benennen. Die Aufschrift der Wegtafel gedenkt „Leopold Szondi (1893–1986) Psychiater, Begründer der Schicksalsanalyse und des Instituts für Schicksalspsychologie“, sowie „Peter Szondi (1929–1971) Literaturwissenschafter“.
Durch die Veröffentlichung der Analysis of Marriages – An attempt at a theory of choice in love führte Leopold Szondi 1937 eine neue Theorie der menschlichen Wahlhandlungen ein: die Wahl von Partnern, Freunden, des Berufes, der Krankheit und der Todesart.
In seinen weiteren Bearbeitungen der Wahltheorie rückte Szondi den Begriff „Genotropismus“ ins Zentrum. Unter Genotropismus versteht er eine von Genen ausgehende Kraft, die Menschen mit gleichen oder verwandten Erbanlagen zueinander zieht und ihre wechselseitige Bindung in Liebe und Freundschaft aufrechterhält. Menschen, in deren Genbeständen identische oder verwandte Gene enthalten sind und die sich deshalb zueinander hingezogen fühlen, heissen „Genverwandte“.
Mit der Veröffentlichung seiner Wahltheorie stellte Szondi ein neues wissenschaftliches Paradigma vor, das die Bildung einer eigenen Disziplin innerhalb der Tiefenpsychologie, nämlich die Schicksalsanalyse („fate analysis“) einläuten sollte. Szondi sandte 1937 seine Analysis of Marriages an Sigmund Freud nach Wien, dem aufmerksamen Hüter der psychoanalytischen Theorie menschlicher Liebeswahlen. Szondi betrachtete die psychoanalytischen Einsichten in die Dynamik menschlicher Liebeswahlen grundsätzlich als zutreffend, jedoch als Epiphänomene des von ihm postulierten Genotropismus. In seiner schriftlichen Antwort gestand Sigmund Freud, wenn auch mit einiger Skepsis und Distanzierung zum Thema, den von Szondi ins Feld geführten Argumenten einen möglichen, wenn auch marginalen Einfluss zu.