Leopold I., genannt Der Alte Dessauer (* 3. Juli 1676 in Dessau; † 9. April 1747 ebenda), aus dem Haus Askanien war von 1693 bis zu seinem Tod Fürst von Anhalt-Dessau. Daneben diente er als preußischer Heeresreformer unter Friedrich Wilhelm I. und als Generalfeldmarschall unter Friedrich II. Er kämpfte in den Schlesischen Kriegen und siegte in der Schlacht bei Kesselsdorf. Leopold I. gehört zu den bedeutendsten Feldherren seiner Zeit.
Leopold war das neunte Kind des Fürsten Johann Georg II. von Anhalt-Dessau und dessen niederländischer Gemahlin Henriette Catharina von Nassau-Oranien. Sein Vater stand als Generalfeldmarschall in brandenburgischen Diensten und war Statthalter der Mark. Durch seine Mutter war er verwandt mit den Fürstenhäusern in den Niederlanden und England. Drei Tage nach seiner Geburt wurde der lange erwartete anhalt-dessauische Erbprinz in der St.-Marien-Kirche zu Dessau auf den Namen seines kaiserlichen Paten Leopold getauft. An dieses Ereignis erinnert eine Medaille mit einem Orangenbaum, dem Symbol der Oranier, und der lateinischen Inschrift TANDEM (lat. endlich).
Seine Erziehung diente der Vorbereitung auf die Militärlaufbahn; Waffenübungen, Sport und Jagd standen im Vordergrund, dabei blieben sein „schriftlicher Ausdruck…ungelenk, seine Handschrift …völlig unorthographisch“. Schon Mitte der achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts begegnete er der Tochter des Dessauer Hofapothekers Föhse, Anna Luise, die seine Jugendliebe und spätere Gemahlin wurde. Das erste militärische Kommando wurde dem noch kindlichen Leopold 1688 vom Kaiser übertragen; als Oberst übernahm er das Infanterieregiment Diepenthal.
1693 starb sein Vater; die Vormundschaft für den noch minderjährigen Erbprinzen übernahmen Fürstin Henriette Catharina als Regentin des Fürstentums Anhalt-Dessau und ein adliger Vormundschaftsrat. Sofort veranlasste seine Mutter die für viele junge Adlige seiner Zeit übliche Kavalierstour, wohl nicht nur um Leopolds Ausbildung zu vervollkommnen, sondern auch um Abstand zu seiner bürgerlichen Geliebten Anna Luise zu schaffen. Die Reise organisierte und finanzierte der Hofbankier Moses Benjamin Wulff, ein Nachfahre des Moses Isserles. Im Inkognito als Graf von Waldersee reiste Leopold über ein Jahr durch Italien, besuchte Verona, Venedig, Ferrara, Rom (wo er August dem Starken begegnete), Neapel, bestieg den Vesuv, der ihn „mehr interessierte als der Papst“. In Livorno empfing ihn ein Salut englischer und holländischer Schiffe, die ihn als Verwandten ihrer Herrscherhäuser grüßten. Den Sommer 1694 verbrachte er als Gast des toskanischen Großherzogs Cosimo in Florenz. In Turin schließlich lernte er Prinz Eugen von Savoyen kennen, bevor er zu Beginn 1695 über Wien nach Dessau zurückkehrte. Auf Betreiben der Fürstin Henriette Catharina erklärte Kaiser Leopold I. ihn 1695 für mündig und regierungsfähig.
Wirken als Fürst von Anhalt-Dessau
Das Fürstentum am Ende des 17. Jahrhunderts
1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges litt das kleine Fürstentum Anhalt-Dessau – seine Fläche wird auf etwa 630 km² geschätzt – schwer unter den Folgen: Schlachten, Truppendurchzüge, Einquartierungen, Kontributionen, Seuchen und Missernten hatten Wirtschaft und Infrastruktur an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Erst mehrere Jahrzehnte später hatten sich Land und Bevölkerung dank der Bemühungen Johann Georgs II. erholt. Die 25.000 bis 30.000 Untertanen lebten zumeist im ländlichen Raum, als Städte galten nur Dessau mit seinen etwa 3.000 Einwohnern, Jeßnitz, Raguhn und das von Leopolds Mutter planmäßig gestaltete Oranienbaum. Die hoch verschuldeten Stände und die Magistrate der Städte waren ohne politischen Einfluss; der Landtag wurde letztmals 1698 einberufen. Dessen Recht der Steuerbewilligung – bis dahin gesamtanhaltische Angelegenheit der Landstände – unterliefen die Fürsten und führten ab 1700 die Akzise in den vier anhaltischen Teilstaaten ein.
In dieser Lage übernahm Leopold 1698 die selbständige Regierung seines Fürstentums. Drei Monate später heiratete er gegen den Widerstand seiner Mutter die Bürgerliche Anna Luise Föhse, die drei Jahre später (1701) vom Kaiser zur Reichsgräfin erhoben und für ihre Kinder mit Sukzessionsrechten belehnt wurde. Sie fungierte als Regentin, wenn ihr Mann auf Feldzügen war; in den folgenden Jahren hielt er sich nur zeitweise in Dessau auf.
Gut zwanzig Jahre später blickte er in einem Brief an die köthensche Fürstinwitwe Gisela Agnes zurück: „1701 … in welchen Jahr ich angefangen selbsten alles genauer zu überlegen und eine besser wirthschaft einzuführen, solchergestalt daß ich, mittelst … meiner eigenen industrie .. über zweymahl hundert tausend rthl. revenus habe.“ Eine Ursache dieser Überlegung waren sicher die von Johann Georg II. ererbten 300.000 Reichstaler Schulden, denen nur 24.000 Reichstaler Einkünfte aus dem Land sowie sein brandenburgisches Offizierssalär gegenüberstanden.
Leopold I. veranlasste in seiner fast fünfzigjährigen Regierungszeit viele Reformen in den Bereichen Landwirtschaft, Steuern, Infrastruktur und Ansiedlung von Manufakturen.
1706, mit dem Ankauf des von Dennstedtschen Gutes in Freckleben, begann Leopold mit dem Erwerb fast aller anhaltischen Güter, die bis dahin im Besitz des Landadels waren. Der Chronist Franz Kindscher schreibt dazu: „… der Fürst meinte, es sei für das kleine Anhalt Dessau am besten, wenn er Alleinbesitzer aller in seinem Fürstenthum gelegenen Rittergüter und andern einträglichen Grundstücke sei…“. Als Nebeneffekt ging das Recht zur Steuerbewilligung für diese Güter auf Leopold als Landesherrn über. Dabei übte der Fürst auch mehr oder weniger starken Druck auf die Eigentümer aus. Er nutzte seine Macht als Landes- und Lehnsherr ebenso wie juristische Möglichkeiten, schreckte auch nicht vor dem Einsatz polizeilicher oder militärischer Gewalt zurück. Nicht immer nahmen die Landadligen und Bauern diese Willkür widerspruchslos hin. So klagten die Gröbziger nach dem Erwerb der Herrschaft Gröbzig und des Gutes Werdershausen in Zusammenhang mit der morganatischen Heirat des hoch verschuldeten Bernburger Fürsten Karl Friedrich vor dem Reichskammergericht in Wien; zu einer Verhandlung kam es nie. Die Kläger gaben, zermürbt von landesherrlicher Verzögerungstaktik, auf und verkauften an Leopold.
Als Ergebnis dieser Politik existierte am Ende seiner Regierungszeit das historische Kuriosum eines Fürstentums ohne Adel, so sein Biograph Karl August Varnhagen von Ense. Den Ankauf der Adelsgüter vollendete sein Sohn, Leopold II. Maximilian, 1752 mit dem Erwerb der von Rindtorfschen Güter in Großalsleben.
Die Neuordnung des Abgabensystems
Zur Erhöhung und Absicherung seiner Einnahmen beschloss Leopold eine umfassende Neuordnung des Abgabensystems. Dazu gehörten im Wesentlichen das Landvermessungswerk, die Umwandlung der Frondienste in Dienstgeld, der Ersatz aller bäuerlicher Einzelabgaben durch die Gabe und die Einführung der Akzise.
Ab 1702 begann Leopold mit der Generalvermessung aller fürstlichen, adligen sowie bäuerlichen Äcker und Wiesen seines Fürstentums. Dieses Landvermessungswerk fand 1718 mit dem Amt Gröbzig seinen Abschluss. Ziele waren die Inventur allen Landbesitzes als Basis für den Ausbau der fürstlichen Vorwerke, die Vereinheitlichung der Bauerngüter durch gleiche Größen und damit gleiche Abgabenlast (einem Vollspänner standen demnach zwei Hufen, einem Halbspänner eine Hufe zu), die Feststellung des Überackers als Differenz zwischen dem (nachweisbaren) Eigentum und dem verfügbaren Besitz der Bauern, sowie die Aufteilung der Allmende in Verbindung mit der Zusammenlegung größerer Flächen durch Separation.
Fürstliche Beamte vermaßen die gesamte Dorfflur einschließlich der Allmende. Teilweise wurde die Größe der Hufe je nach Gemarkung von Fall zu Fall geändert. Die Besitzer machten ihre Ansprüche durch Vorlage der Erbzinsbriefe oder Kaufverträge geltend. Häufig nutzten sie mehr Land als verbrieft, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Diese Differenz, den Überacker, mussten die Bauern zu höherem Zins zurückpachten, was wegen der ohnehin schlechten finanziellen Situation nur selten geschah. Meist wurde der Überacker eingezogen, zu größeren Breiten im Zentrum der Dorfflur zusammengelegt und den fürstlichen Vorwerken zugeordnet. Abschließend wurden die restlichen Grundstücke den Besitzern durch Los zugeeignet.