Leopold Godowsky (* 13. Februar 1870 in Žasliai, Gouvernement Wilna; † 21. November 1938 in New York City) war ein polnisch-amerikanischer Pianist und Komponist.
Godowskys wurde als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern waren Mordkhel Godowsky (1848–1872) aus Merkinė und Khana-Sheyna Godowsky (geborene Levin, 1848–1918) aus Gelvonai. Das musikalische Wunderkind zeigte sich bereits im Alter von 3 Jahren. Im Alter von 7 Jahren entstanden seine erste Kompositionen; und im Alter von 9 Jahren – in Wilna – trat Godowsky erstmals als Pianist vor Publikum auf. Sein Lehrer im Klavierspiel scheint bis dahin ein Ernst Friedrich gewesen zu sein.
Zum Wintersemester 1883/84, im Alter von knapp 14 Jahren, wurde Godowsky an der Akademischen Hochschule für Musik in Berlin als Student aufgenommen. Die Klavierabteilung wurde von Ernst Rudorff geleitet. Zur Aufnahmeprüfung bot Godowsky an, das Scherzo in b-Moll op. 31 von Chopin zu spielen. Rudorff lehnte dies als Salonmusik ab. Er wollte stattdessen inhaltsreiche Musik hören. Als Rudorff dann nach Italien reiste, wurde Godowsky dem Unterricht eines Schultze, eines Assistenten von Rudorff, zugeteilt. Im Unterricht bei Schultze spielte Godowsky Bachs Französische Suiten vor. Dabei gewann er den Eindruck, dass Schultze ihm in keiner Art mit Ratschlägen behilflich sein konnte. Schließlich kehrte Rudorff aus Italien zurück. Es gab neue Meinungsverschiedenheiten wegen Chopin, den Rudorff nicht über Cécile Chaminade stellen wollte. In Berlin unterrichtete Woldemar Bargiel Godowsky in Komposition. Nach einem Aufenthalt an der Akademischen Hochschule von ungefähr 3 Monaten brach Godowsky den Unterricht bei Rudorff ab. 1884 schloss er sich einer Konzertgesellschaft für eine Tournee in den Vereinigten Staaten von Amerika an. In den Vereinigten Staaten gab er Konzerte mit Clara Louise Kellogg und Emma Thursby. Auch trat er einige Male im Casino in New York in Orchesterkonzerten auf. Schließlich unternahm er zusammen mit dem belgischen Geiger Ovide Musin eine Tournee durch die Vereinigten Staaten und durch Kanada.
1886 kehrte Godowsky nach Europa zurück. Es war seine Absicht gewesen, in Weimar bei Franz Liszt zu studieren. Nachdem Liszt am 31. Juli 1886 gestorben war, kam Godowsky aber zu spät. Er wurde 1887 Camille Saint-Saëns vorgestellt. Saint-Saëns, der Godowsky beim Vortrag eigener Kompositionen hörte und dabei eine starke Zuneigung fasste, sagte zu, in Paris die weitere Ausbildung des jungen Virtuosen zu übernehmen.
Godowsky lebte bis zum Sommer 1890 in Paris. In Bezug auf seine Ausbildung blieb er weitgehend auf sich selbst gestellt, weil Saint-Saëns häufig auf Reisen abwesend war. Im Herbst 1890 kehrte Godowsky nach New York zurück. Dort heiratete er am 30. April 1891 Frieda Saxe. Bei dieser Gelegenheit nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Zusammen mit seiner Frau unternahm er eine Hochzeitsreise nach Europa. Danach kehrte er wieder nach Amerika zurück. Nach sehr erfolgreichen Konzerten wurde er 1894 in Philadelphia in leitender Position an der Klavierabteilung des Konservatoriums an der Broad Street angestellt, dem späteren Combs College of Music. Seit 1895 leitete er die Klavierabteilung am Conservatory College in Chicago.
Debüt in Berlin, als Professor in Wien, Tourneen
Im Jahr 1900 fasste Godowsky den Entschluss, eine europäische Karriere zu beginnen. Nach einem glänzenden Debüt am 6. Dezember 1900 in Berlin ließ er sich dort als Hauptwohnsitz nieder. Es folgten erfolgreiche Tourneen durch Deutschland, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie und Russland. In den Berliner Jahren war Heinrich Neuhaus Godowskys bedeutendster Schüler. 1909 wurde er als Nachfolger Ferruccio Busonis und Emil Sauers als Direktor der Klavierabteilung der k.k. Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien angestellt. Von November 1912 bis April 1913 und von Dezember 1913 bis März 1914 gab er wieder Konzerte in den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Phase von Godowskys Biographie fand im August 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Ende. Godowsky hielt sich im Moment in Middelkerke in der Nähe von Ostende in Belgien auf. Zusammen mit seiner Familie, d. h. seiner Frau und den beiden Töchtern Vanita und Dagmar sowie den Söhnen Leopold Junior und Gordon, floh er zuerst nach London. Von dort begab er sich in die Vereinigten Staaten, wo er bis zum Ende seines Lebens seinen festen Wohnsitz hatte. Dabei hatte er eine umfangreiche musikalische Bibliothek, eine Sammlung von autographen Bildern und zahlreiche Erinnerungsstücke in Wien zurückgelassen.
Bis zum Ende der 1920er Jahre befasste Godowsky sich vor allem mit seinen Kompositionen und mit Konzertauftritten als Pianist. In den Vereinigten Staaten gab er 1922 ein letztes Konzert. Er unternahm aber auch weiterhin Tourneen, die ihn nach Zentral- und Südamerika, in Europa bis nach Konstantinopel und in den fernen Osten bis nach Java führten.
Seit den 1920er Jahren hatte Godowsky mit privaten Problemen zu kämpfen. Hierzu gehörte seit 1924 eine schwere Krankheit seiner Frau Frieda. Seit 1928 kamen starke Spannungen mit dem Sohn Gordon hinzu. Dazu kamen noch finanzielle Probleme, die sich durch den Schwarzen Donnerstag am 24. Oktober 1929 ergaben. Um sich in dieser Hinsicht zu sanieren, wollte Godowsky neue Konzertreisen unternehmen. Schon bald kam es aber zu einer neuen Katastrophe: Im Frühjahr 1930 reisten Godowsky und seine Frau nach Dresden, um dort ihren 39. Hochzeitstag zu verbringen. Dort erhielt er telegraphisch ein Angebot, in einem Tonstudio in London Chopins Etüden und Scherzi aufzunehmen. Er nahm das Angebot auch an, brach aber am 17. Juni 1930 – wenige Stunden nach der Aufnahme von Chopins E-Dur-Scherzo – bei einem Schlaganfall zusammen. Godowsky erholte sich zwar von dem Schlaganfall; im Dezember 1932 folgten aber der Suizid seines Sohnes Gordon und 1933 der Tod seiner Frau. Danach wohnte Godowsky zusammen mit seiner Tochter Dagmar in einer Wohnung in New York. Er hatte seit seinem Zusammenbruch das öffentliche Spielen aufgegeben, ließ sich aber gelegentlich bei Besuchen von Freunden mit seinem Klavierspiel hören. In welchem Umfang er noch komponierte, lässt sich nicht in Einzelheiten erkennen. Ein Beleg dafür, dass er überhaupt noch Noten schrieb, ist ein Heft mit leichten Bearbeitungen von Melodien Bizets aus der Oper Carmen. In dem von Godowsky verfassten Vorwort ist der März 1936 als Datum angegeben. Am 21. November 1938 starb Godowsky in New York an den Folgen eines schweren Magenleidens.
Wie Chopin hat Godowsky fast ausschließlich Klaviermusik komponiert. Seine Karriere als Komponist begann 1899. Aufgeteilt auf die beiden amerikanischen Verlage Schirmer und Schmidt erschienen in diesem Jahr Klavierstücke mit Opus-Zahlen 11–16. Bei Schmidt erschienen daneben noch ein Arrangement von Chopins Rondo op. 16, ein Arrangement von Chopins Walzer op. 18, in dem der originale Walzer um ergänzende Stimmen und andere Zutaten erweitert ist, und in ähnlicher Art ein Arrangement der Etüde Si oiseau j'etais op. 2.6 von Adolf Henselt. Bei Schirmer erschienen noch 10 Studien über Etüden von Chopin.
Die Opus-Zahlen 1–10 sind unbesetzt geblieben; und weitere Werke Godowskys mit Opus-Zahlen gibt es nicht. Dem Verfahren mag insoweit der Gedanke zugrunde gelegen haben, dass Godowsky bei einem Alter von knapp 30 Jahren dem Publikum nicht als Anfänger entgegentreten wollte, sondern als fertiger Komponist, der bereits eine ansehnliche Reihe veröffentlichter Werke vorzuweisen hatte. Dabei lagen einige der unter den Opus-Zahlen 11–16 zusammengefassten Stücke bereits 1889 als Twilight Thoughts in einem Privatdruck in Paris vor. Den bei Schirmer erschienenen 10 Studien über die Etüden von Chopin war in einem anderen amerikanischen Verlag, dem Verlag Kleber in Pittsburgh, im Dezember 1894 mit Widmung an Saint-Saëns eine Ausgabe der Studie über die Etüde op. 25,6 vorausgegangen.
Mit den Stücken Sarabande, Menuet und Courante seines op. 12 hat Godowsky auch an historische Muster angeknüpft.