Leopold Figl (* 2. Oktober 1902 in Rust im Tullnerfeld, Niederösterreich; † 9. Mai 1965 in Wien) war ein österreichischer Staatsmann und Politiker der Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Von 1945 bis 1953 war er der erste Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg und, nach der Provisorischen Staatsregierung unter Karl Renner, gleichzeitig der erste Bundeskanzler der Zweiten Republik. Als Außenminister war er danach an den Verhandlungen zum Österreichischen Staatsvertrag beteiligt, den er 1955 für Österreich unterzeichnete.
Leopold Figl wurde am 2. Oktober 1902 als Sohn des Bauern und Wirtschaftsbesitzers Josef Figl (* 3. November 1870 in Rust) und dessen Ehefrau Josefa (geborene Edhofer; * 31. Jänner 1874 in Michelndorf; † 7. Mai 1955) in Rust im Tullnerfeld geboren und am 5. Oktober 1902 auf den Namen Leopold getauft. Seine Eltern hatten am 6. Juni 1899 geheiratet. Er wuchs mit vier Schwestern und vier Brüdern auf. Der Vater verstarb, als Leopold zwölf Jahre alt war. Dennoch konnte ihn seine Mutter aufs Gymnasium in St. Pölten schicken. Die Mutter starb, acht Tage vor der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages, am 7. Mai 1955 im Alter von 81 Jahren. Leopold Figl gründete als Gymnasiast gemeinsam mit seinem späteren Nachfolger als Bundeskanzler, Julius Raab, die Verbindung K.Ö.M.V Nibelungia St. Pölten im MKV.
1923 begann Figl sein Studium an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. Im selben Jahr wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindung KaV Norica Wien im CV (heute ÖCV). Später verliehen ihm zahlreiche andere katholische Studentenverbindungen aus MKV und ÖCV ehrenhalber die Mitgliedschaft, unter anderem die KÖStV Badenia Baden, KÖStV Babenberg Klagenfurt, KÖHV Franco-Bavaria Wien, KÖStV Rudolfina Wien, AV Austria Innsbruck und KÖStV Austria Wien.
Noch vor Abschluss seines Studiums war Figl dem Ruf des Bauernbunddirektors Hofrat Sturm ins Sekretariat des Bauernbundes gefolgt. Bevor er endgültig in den Bauernbund eintrat, hatte er noch das Studium abgeschlossen. Als Agraringenieur wurde er 1931 zum stellvertretenden Direktor des niederösterreichischen Bauernbunds bestellt, 1933 zu dessen Direktor.
Nach dem austrofaschistischen Staatsstreich von Engelbert Dollfuß 1933/34 wurde Figl im „Ständestaat“ Mitglied des Bundeswirtschaftsrats und niederösterreichischer Führer der Ostmärkischen Sturmscharen, einer paramilitärischen Organisation. Ab 1937 war er auch Obmann des österreichischen Reichsbauernbunds.
Beim „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurde Figl als prominenter Funktionär des Ständestaates am 12. März 1938 verhaftet und mit dem sogenannten Prominententransport vom 1. April 1938 in das KZ Dachau gebracht. Dort war Figl der erste Österreicher, der zur Prügelstrafe verurteilt wurde, weil er verbotenerweise in einem Gespräch das Wort Österreich verwendet hatte. Er wurde vor den versammelten Häftlingen und Wachmannschaften von zwei SS-Männern über einen Bock gelegt und mit einem wassergetränkten Ochsenziemer 25 Mal auf den Rücken geschlagen, und dies in langsamem Tempo, um die grausame Prozedur zu verlängern. Er musste, solange er konnte, mitzählen. Als er wieder losgebunden wurde, lag er mit blutverschmiertem zerschlagenem Rücken bewusstlos auf dem Bock.
Danach erhielt er sechs Monate Dunkelhaft: In einer fensterlosen Zelle mit einer Pritsche bekam er zweimal wöchentlich Wasser und Brot. Im September 1939 erfolgte die Überstellung ins KZ Flossenbürg. Im April 1940 wurde er nach Dachau zurückverlegt. Dort erkrankte Figl an Typhus. Nach über fünf Jahren KZ-Aufenthalts wurde er am 8. Mai 1943 vorläufig entlassen.
Julius Raab vermittelte ihm eine Beschäftigung in seiner Baufirma. Trotz der erlittenen Verfolgung und der Qualen in den KZs betätigte sich Figl im Untergrund und versuchte in Niederösterreich den Bauernbund im Geheimen zu reaktivieren. Er wurde am 8. Oktober 1944 neuerlich verhaftet und ins KZ Mauthausen verbracht. Am 21. Jänner 1945 wurde er gemeinsam mit Lois Weinberger, Heinrich Maier und Felix Hurdes von Mauthausen nach Wien ins Landesgericht für Strafsachen Wien überstellt. Auf Figls Akt stand das Kürzel „VG“, was eine Anklage wegen Hochverrats vor dem Volksgerichtshof bedeutete. Dort saß er monatelang in der Todeszelle des Volksgerichtshofs, wurde drei Mal, jedes Mal den Tod vor Augen, dem Richter vorgeführt.
Der Zusammenbruch der NS-Herrschaft rettete Figl vor der Exekution. Beim Vorrücken der Roten Armee wurden er und andere Todeskandidaten am 6. April 1945 vom Landesgericht entlassen. Zuvor ging er noch von Zelle zu Zelle, um die aufgebrachten Häftlinge zu beruhigen und von Übergriffen auf ihre ehemaligen Bewacher abzuhalten.
Nach der Befreiung Wiens durch sowjetische Truppen im April 1945 erhielt Figl von der Militärkommandantur den Auftrag, die Wiener Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Durch die Erfahrungen des Ständestaats und des Nationalsozialismus war Figl zum Befürworter einer Zusammenarbeit aller politischen Lager geworden. Figl gründete am 14. April den Bauernbund neu und wurde dessen Direktor. Bei der Gründung der ÖVP drei Tage später im Wiener Schottenstift (wo eine Gedenktafel heute noch daran erinnert) wurde er zu deren stellvertretendem Obmann gewählt.
Am 27. April 1945, dem Tag der Wiedererrichtung der Republik Österreich durch die Österreichische Unabhängigkeitserklärung, wurde Figl provisorischer Landeshauptmann von Niederösterreich und Staatssekretär (= Minister) ohne Portefeuille in der provisorischen Staatsregierung Renner. In dieser bildete er mit Renner und je einem SPÖ- und KPÖ-Staatssekretär den Politischen Kabinettsrat, der alle wichtigen Entscheidungen traf bzw. vorbereitete.
Erster Bundeskanzler der Zweiten Republik
Nach den ersten Nationalratswahlen wurde Figl am 20. Dezember 1945 von Karl Renner, der am gleichen Tag zum Bundespräsidenten gewählt worden war, zum ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik ernannt (Dreiparteienkabinett Figl I).
Am 21. Dezember 1945 gab Figl eine umfangreiche Regierungserklärung im Parlament ab. Sie enthielt u. a. folgende Sätze:
Dass er am 24. Dezember eine Rundfunkrede mit dem Appell Glaubt an diese Österreich! hielt, ist ein inzwischen widerlegter Mythos. Die entscheidende Information, wie dieser allseits bekannte Text zustande kam, lieferte Horst Friedrich Mayer im Zuge der Recherchen zu dem "Lexikon der populären Irrtümer Österreichs".
Als 1965 die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV) vor dem Stephansdom eine Großveranstaltung 20 Jahre Zweite Republik und 10 Jahre Staatsvertrag plante, dachte AKV-Generalsekretär Hans Magenschab zunächst daran, Figl um eine kurze Ansprache zu ersuchen, doch dessen schlechter Gesundheitszustand ließ dies nicht zu. Deshalb hatte Figls Großneffe, der spätere ORF-Landesintendant Ernst Wolfram Marboe, eine andere Idee. Er legte dem Schwerkranken bei der Aufzeichnung der turnusmäßigen Rede des Landeshauptmanns im Funkhaus in der Argentinierstraße den Text einer Jahre zuvor publizierten Weihnachtsbotschaft Leopold Figls vor und bat ihn, diese auf Band zu sprechen. Die Aufzeichnung wurde bei der Veranstaltung am Stephansplatz in Anwesenheit Figls abgespielt.
Figls Biografin Susanne Seltenreich hatte den Politiker im Zuge einer Publikation zu dessen 60. Geburtstag gefragt, was seine Botschaft an die österreichische Bevölkerung zu Weihnachten 1945 gewesen sei. Daraufhin diktierte er ihr jene aus wenigen Sätzen bestehende Weihnachtsbotschaft, die später für eine Rundfunkrede aus dem Jahr 1945 gehalten wurde. Sie wurde im ORF oft gespielt und mit einer Aufnahme von Stille Nacht, heilige Nacht unterlegt.
Hans Magenschab behauptete, dass er auf Basis von Zeitungsausschnitten eine Rundfunkrede Figls aus dem Jahr 1945 rekonstruiert habe. Dies kann nicht stimmen: Es gibt keine Zeitungsberichte über eine Rundfunkrede Figls zu Weihnachten 1945. Dagegen spricht auch der Zeitablauf: Figl sprach den Text 1965 auf Band, dieser war jedoch bereits wortwörtlich und erstmals in dem 1962 erschienenen Buch Leopold Figl. Ein Österreicher von Susanne Seltenreich enthalten.