Leonora Christina Ulfeldt (* 8. Juli 1621 auf Schloss Frederiksborg in Hillerød; † 16. März 1698 in Maribo auf der Insel Laaland in Dänemark) war eine dänische, vor allem in Skandinavien bekannte Autorin. Sie war eine Tochter des Königs von Dänemark und Norwegen, Christian IV., aus dessen morganatischer Ehe mit Kirsten Munk und trug den Titel einer Gräfin von Schleswig-Holstein. Wegen ihrer Mitwisserschaft bzw. ihrer angeblichen Beteiligung an landesverräterischen Intrigen ihres Ehemannes, des Reichsgrafen und Reichshofmeisters Corfitz Ulfeldt, war sie auf Veranlassung der dänischen Königin Sophie Amalie fast 22 Jahre (1663–1685) als politische Gefangene inhaftiert. Während dieser Zeit begann sie mit der Verfassung ihrer Autobiografie Jammers Minde („Erinnerung an das Elend“, „Leidensgedächtnis“), die ihre entbehrungsreiche Gefangenschaft darstellt. Hervorstechende Züge der erschütternden Gefängnismemoiren sind die realistische Beschreibung ihres Kerkerlebens und ihre Selbstdarstellung als stolze, treue und unbeugsame Frau, die nach einer Krise ihren Glauben an Gottes Gnade findet und in diesem Bewusstsein ihr langes Gefängnisleben geduldig und mit gewissem Humor erträgt. Jammers Minde gilt als das bedeutendste Prosawerk der dänischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Außerdem schrieb Leonora Christina eine zweite Autobiografie, die wegen der verwendeten französischen Sprache als Den franske selvbiografi bezeichnet wird und die ihr Leben von der Kindheit bis zur Haftzeit beschreibt. Zudem betätigte sie sich als Kunststickerin, Schnitzerin, Übersetzerin, Bildhauerin und Malerin.
Kindheit und Jugend (1621–1636)
Leonora Christina war das dritte überlebende von zwölf Kindern König Christians IV. von Dänemark und Norwegen (1577–1648) aus seiner zweiten Ehe mit Kirsten Munk (1598–1658). Diese entstammte einem dänischen Adelshaus von geringem Stand, so dass die Ehe Christians IV. mit Kirsten Munk lediglich morganatisch geschlossen werden konnte und sie nicht den Titel der Königin erhielt. Ihre Nachkommen waren von der Thronfolge ausgeschlossen. Leonora Christina wurde daher auch nicht der Titel einer Prinzessin verliehen, sondern sie erhielt den 1627 auch ihrer Mutter verliehenen Titel einer Gräfin von Schleswig-Holstein; d. h. sie stand gesellschaftlich unterhalb der Königsfamilie, aber über dem restlichen Adel. Sie war die Lieblingstochter des Königs. Wie bei der Erziehung adliger Kinder üblich wurde Leonora Christina nach ihrer Taufe in die Obhut ihrer Großmutter mütterlicherseits, Ellen Marsvin, auf die Insel Fünen, gebracht. Zusammen mit einigen ihrer Geschwister, die ebenfalls dort lebten, lernte sie ab dem vierten Lebensjahr schreiben und lesen und erhielt Musik- und Religionsunterricht.
Wegen Dänemarks Teilnahme auf protestantischer Seite am Dreißigjährigen Krieg wurde Leonora Christine 1628 mit zwei Geschwistern aus Sicherheitsgründen nach Friesland zur Nichte ihres Vaters, der mit dem Grafen Ernst Kasimir von Nassau-Dietz verheirateten Sophie Hedwig, gebracht. Ihre autobiografischen Notizen beginnen mit diesem Aufenthalt. Das erst sechs- oder siebenjährige Mädchen fasste Zuneigung zu dem elfjährigen Mauritz, dem zweitältesten Sohn des Grafen, der sie einmal zu heiraten versprach. Als Zeichen seiner Liebe erteilte er ihr normalerweise Jungen vorbehaltenen Lateinunterricht. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, bis Leonora Christina die Windpocken bekam, bettlägerig wurde und in ihrem Fieber nichts mehr von den Vorgängen in ihrer Umgebung wahrnahm. Vilhelm, der ältere Bruder von Mauritz, missbilligte diese Beziehung und führte Mauritz in Leonora Christinas Zimmer, um ihm ihren Ausschlag zu zeigen und so seine Freundschaft zu ihr zu zerstören. Mauritz steckte sich an und starb neun Tage später. Nach ihrer Genesung wurde ihr zunächst erzählt, dass ihr Freund mit seiner Mutter verreist sei, später zeigte ihr ein Lehrer Mauritz’ einbalsamierten Leichnam in einem Glassarg. Vor Schrecken fiel sie ihn Ohnmacht und konnte, da der tote Junge einen Rosmarinkranz getragen hatte, danach den Geruch von Rosmarin nicht mehr ertragen. Diesen Vorfall beschreibt Leonora Christina eindringlich in ihrer Französischen Autobiografie. Der Tod ihres Freundes, für den sie sich offenbar mitverantwortlich fühlte, stellte ein einprägsames Ereignis für ihr ganzes späteres Leben dar.
1630 kehrte Leonora Christina nach Dänemark zurück. Ihr Vater musste inzwischen als Verlierer den Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges verlassen. Im selben Jahr verbannte er Leonoras Mutter Kirsten Munk wegen Treulosigkeit vom Hof, nachdem sie ihn nicht nur betrogen hatte, sondern angeblich auch versucht hatte, ihm durch einen Hamburger Alchemisten und vermeintlichen Zauberer zu schaden. Christian IV. nahm sich als neue Geliebte Wiebke Kruse, eine Dienerin seiner verbannten Gattin, die ihm weitere Kinder gebar. Der verbitterte König verbot Kirsten Munk, ihre Kinder zu sehen. Seiner Lieblingstochter ließ Christian IV. eine besondere Erziehung angedeihen. Ihre herausgehobene Position rief die Eifersucht ihrer Geschwister hervor.
Mit neun Jahren wurde Leonora Christina auf Wunsch ihres Vaters mit dem 15 Jahre älteren Adligen Corfitz Ulfeldt verlobt. Corfitz war der Sohn des Kanzlers Jacob Ulfeldt, hatte im Ausland studiert und galt als sehr gebildet und weltgewandt. Er wurde zum Günstling des Königs und schließlich zum mächtigsten Mann Dänemarks nach Christian IV. selbst. Zwar ging die Verlobung auf ihren Vater zurück, aber auch Leonora Christina selbst entschied sich schon als Kind für ihn und lehnte andere Bewerber ab.
Beaufsichtigt von hochgestellten Erzieherinnen erlernte Leonora Christina Deutsch und Französisch, erhielt Tanz-, Religions- und Musikunterricht und erlangte eine besondere Fertigkeit in der Stickereikunst. Außerdem hatte die Königstochter laut ihrer eigenen Aussage in ihrer Autobiografie ein ausgezeichnetes Gedächtnis.
Heirat und erste Ehejahre (1636–1648)
Da ein neuer König, obwohl Dänemark de facto eine Erbmonarchie war, de jure nur nach seiner Wahl durch den Rigsråd, in dem einflussreiche Adlige saßen, den Thron besteigen konnte, war es der Hocharistokratie möglich, für ihre Zustimmung mehr Mitspracherechte und Privilegien zu fordern. Dies lief auf eine Beschränkung der königlichen Autorität hinaus. Außerdem durften Mitglieder der Königsfamilie keine Untertanen heiraten, um die Unparteilichkeit des Königs zu erhalten. Christian IV. nutzte deshalb seine Töchter mit Kirsten Munk, für die dieses Heiratsverbot wegen ihres morganatischen Status nicht galt. Er verheiratete sie mit vielversprechenden Höflingen aus einflussreichen Familien, um diese an sich zu binden und so seine Macht zu stärken. Leonora Christina heiratete am 9. Oktober 1636 im Alter von 15 Jahren in einer prächtigen Zeremonie ihren Verlobten, den vom König stark geförderten Corfitz Ulfeldt, und führte in den nächsten Jahren ein privilegiertes Leben in einem üppig eingerichteten Haus im Zentrum Kopenhagens. Sie schreibt in ihren Memoiren, dass sie ihren Gemahl von Anfang an und ihr ganzes Leben lang sehr geliebt habe und charakterisiert auch die Liebe ihres Gatten als überschwänglich: Er habe sie wie ein feuriger Liebhaber und nicht wie ein Ehemann verehrt und geliebt. Demnach war ihre Ehe überaus glücklich, und sie konnte ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter zufriedenstellend erfüllen.
Leonora Christina nahm Mal-, Violin- und Gitarrenunterricht und ließ sich von Corfitz in Niederländisch und Italienisch unterweisen. Außerdem erwarb sie Lateinkenntnisse. Sie war mit dem Fortschritt ihrer Ausbildung unzufrieden, da sie auf Grund ihrer zahlreichen Geburten und Reisen nur wenig Zeit hatte. Sie bekam zehn Kinder, von denen drei sehr jung starben; außerdem erlitt sie drei bis fünf Fehlgeburten. Das Gebären so vieler Kinder empfand sie eher als eine „Behinderung“, war aber aufgrund ihrer Erziehung von dessen Notwendigkeit überzeugt. Ohne sich darüber je zu beklagen, wollte sie dennoch nicht nur eine „Gebärmaschine“, sondern eine gleichberechtigte Partnerin ihres Gatten sein. Daher trachtete sie danach, ihre Talente trotz ihrer vielen Schwangerschaften ständig weiterzuentwickeln.