Georg Leo von Caprivi de Caprara de Montecuccoli, ab 1891 Graf von Caprivi de Caprara de Montecuccoli (* 24. Februar 1831 in Charlottenburg; † 6. Februar 1899 auf Gut Skyren bei Messow, Landkreis Crossen/Oder, Provinz Brandenburg), war ein preußischer Offizier und von 1890 bis 1894 Nachfolger Otto von Bismarcks als deutscher Reichskanzler. Seine Amtszeit war außenpolitisch von einer Annäherung an Großbritannien und einer offensiven Handelspolitik geprägt. Damit ging das Ende der bisherigen Schutzzollpolitik einher. Innenpolitisch war Caprivi der wichtigste Vertreter des „neuen Kurses“ mit dem Ziel, die unter Bismarck angefachten gesellschaftlichen Konflikte zu befrieden. Seine Außen- und seine Innenpolitik stießen bei Nationalisten und konservativen Agrariern auf heftige Ablehnung.
Die namensgebenden Vorfahren Caprivis kamen aus der Krain. Erster nachweisbarer Ahnherr war ein Andreas Kopriva († um 1570). Im 17. Jahrhundert siedelte sich die Familie in Schlesien an und wurde wegen ihrer Verdienste in den Türkenkriegen 1653 in den Ritterstand des Heiligen Römischen Reiches sowie der österreichischen Erblande erhoben. Seit dem späten 17. Jahrhundert nannten sie sich von Caprivi. Zu den Vorfahren zählte der Historiker und Dichter Julius Leopold von Caprivi (1695–1768).
Caprivi war der älteste Sohn des preußischen Obertribunalrats und Kronsyndikus Leopold von Caprivi (1797–1865), Mitglied des Preußischen Herrenhauses, und der Emilie Köpke (1803–1871). Diese stammte aus einem bildungsbürgerlichen Haus. Ihr Vater war der Theologieprofessor und Leiter des Gymnasiums zum Grauen Kloster, Gustav Köpke.
Der Bruder Caprivis war der Generalleutnant Raimund von Caprivi. Sein Neffe Leo von Caprivi war Flügeladjutant Kaiser Wilhelm II. Er selbst blieb unverheiratet. Seine Herkunft unterschied sich von der übrigen preußischen Oberschicht dadurch, dass sie ihren Schwerpunkt nicht im Großgrundbesitz hatte. Caprivi selbst beschrieb sich später daher als „ohne Ar und Halm.“ Er war protestantischer Konfession.
Caprivi besuchte das Friedrichwerdersche Gymnasium in Berlin. Nach dem Abitur trat er 1849 in das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 der preußischen Armee ein. Im Range eines Secondeleutnants besuchte er die Kriegsakademie. Als Hauptmann diente Caprivi seit 1860 in der Topographischen Abteilung des Großen Generalstabes. Als Mitglied des Stabes der 5. Division diente er während des Deutsch-Dänischen Krieges 1864, im Jahr 1865 wurde er Kompaniechef in einem Infanterieregiment. Während des Deutschen Krieges von 1866 wurde Caprivi als Major wieder Mitglied des Großen Generalstabes. Den Krieg machte er im Stab der 1. Armee unter Friedrich Karl Nikolaus von Preußen mit. Danach war er im Generalstab des Gardekorps, ehe er im Frühjahr 1870 zunächst übergangsweise zum Chef des Generalstabes des X. Armee-Korps ernannt wurde.
Caprivi, der inzwischen als einer der begabtesten Schüler Moltkes galt, wurde während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 als Generalstabschef des X. Armee-Korps im Range eines Oberstleutnants bestätigt.
Diese Personalentscheidung zugunsten des vergleichsweise jungen Caprivi erregte öffentliches Aufsehen. Während des Krieges erfüllte er die Erwartungen seiner Vorgesetzten und trug entscheidend zu Siegen bei, zum Beispiel in der Schlacht von Mars-la-Tour, bei der Belagerung von Metz und besonders in der Schlacht bei Beaune-la-Rolande. Für seine Verdienste erhielt er den Orden Pour le Mérite.
Nach dem Krieg ging Caprivi zunächst als Abteilungsleiter ins preußische Kriegsministerium. Dort war er unter anderem mit einem Entwurf eines Kasernierungsgesetzes und mit der Einführung des Mausergewehres beschäftigt. Seit 1878 befehligte er im raschen Wechsel unterschiedliche Divisionen als Kommandeur.
Nach dem Rücktritt des Chefs der Kaiserlichen Admiralität Albrecht von Stosch wurde Caprivi 1883 im Range eines Vizeadmirals auf diesen Posten berufen. Laut einigen Autoren geschah dies gegen den ausdrücklichen Wunsch Otto von Bismarcks, der dem Heer einen seiner besten Offiziere nicht nehmen wollte. Thomas Nipperdey spricht dagegen von einer Abschiebung Caprivis zur Marine. 1884 wurde er in den Preußischen Staatsrat berufen.
Caprivi war anfangs von der Aufgabe nicht begeistert. Dennoch zeigte er Verwaltungstalent, reformierte die Marine und baute sie aus. Unter seiner Ägide wurde vor allem das Torpedobootwesen vorangetrieben. Gegenüber dem Reichstag vertrat er in zwei großen Denkschriften die Interessen der Flotte. Nach der Thronbesteigung Wilhelms II., der die Flottenpolitik zu seinem persönlichen Anliegen machte, kam es 1888 rasch zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Kaiser. Wilhelm wollte Marineverwaltung und militärisches Kommando trennen, beides war bislang in der Admiralität vereint gewesen. Wichtiger noch war der grundsätzliche Kurswechsel. Caprivi vertrat eine traditionelle, kontinental ausgerichtete Militärdoktrin; die Flotte besaß für ihn eine rein defensive Aufgabe. Dagegen träumte Wilhelm von einer mit England konkurrierenden offensiven Hochseeflotte. Caprivi, der diese und andere Maßnahmen nicht mittragen wollte, trat von seinem Posten zurück, ohne letztlich den Weg zur Aufrüstung der Flotte aufhalten zu können.
Nach seinem Rücktritt als Marinechef wurde Caprivi 1888 Kommandierender General des X. Armee-Korps.
Reichskanzlerschaft und Politik des „Neuen Kurses“
Vor diesem Hintergrund kam nach der Entlassung Bismarcks im März 1890 die Berufung zum Reichskanzler (bis 1894) und preußischen Ministerpräsidenten (bis 1892) für Caprivi überraschend. Der Grund für die Ernennung war, dass Wilhelm II. in Caprivi zunächst einen Mann sah, der in seinen Streitpunkten mit Bismarck (Sozialistengesetz, Kulturkampf, Minderheitenfragen) seinen zunächst auf Versöhnung bedachten Kurs vertrat, dazu ein bewährter General war, der bei einer Zuspitzung der innenpolitischen Lage energisch durchgreifen würde. Nach seinem Amtsantritt hatte Caprivi dem Berliner Tageblatt geschrieben, Hauptaufgabe der Nachfolger Bismarcks sei, „die Nation nach der vorangegangenen Epoche großer Männer und Taten in ein Alltagsdasein zurückzuführen.“ Caprivi schlug auch einen in zahlreichen Initiativen eigenständigen politischen Weg ein. Diese Politik wurde bekannt unter dem von Wilhelm II. 1890 geprägten Begriff „Neuer Kurs“. Caprivis Anfangserfolge schienen die Einschätzung seitens des jungen Kaisers zu bestätigen.
Der US-amerikanische Historiker Robert K. Massie beschreibt ihn zum Zeitpunkt des Regierungsantritts:
Caprivi versprach zu Beginn seiner Regierung, „das Gute zu nehmen, von wo und durch wen es auch kommt, wenn es mit dem Staatswohl vereinbar ist.“ Wesentliche wirtschaftliche Züge seines Regierungsprogramms stammten allerdings dabei vom Führer der Nationalliberalen, Johannes von Miquel. Darin wurden in verschiedenen Bereichen, etwa in der Sozialpolitik, Reformen angekündigt. In den einzelnen Politikbereichen des preußischen Staatsministeriums waren Handelsminister Hans Hermann von Berlepsch, Innenminister Ernst Ludwig Herrfurth und Kriegsminister Hans von Kaltenborn-Stachau wichtige Mitgestalter. Auf Reichsebene kamen die Staatssekretäre Karl Heinrich von Boetticher und Adolf Marschall von Bieberstein hinzu (vgl. auch Kabinett Caprivi). Allerdings hatte die Politik des Ausgleichs klare Grenzen; die monarchische und staatliche Autorität sollte nicht eingeschränkt werden. Staatliche Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten etwa im Rahmen des Vereinsrechts wurden nicht beseitigt, das Disziplinarrecht gegenüber Beamten wurde teilweise verschärft und mit Blick auf politische Prozesse bewusst konservative Richter ernannt. Nipperdey charakterisierte diese Politik als „aufgeklärten Beamten-Konservatismus“.
Um seine politische Agenda durchsetzen zu können, war Caprivi, wie schon Bismarck zuvor, auf die Zustimmung des Reichstags angewiesen. Neu war jedoch, dass der Kaiser direkten politischen Einfluss ausüben wollte. Dessen wechselnde Positionen und seine absolutistisch anmutenden Ansprüche wurden seit der Amtszeit Caprivis zu einem bestimmenden politischen Faktor. Nicht zu unterschätzen war auch die Opposition des enttäuschten Bismarck. Ein weiteres Problem Caprivis war das Verhältnis zwischen dem Reich und Preußen. Der Führungsstil Caprivis war im Gegensatz zu jenem Bismarcks innerhalb des preußischen Staatsministeriums kollegial geprägt. Bereits in seiner Antrittsrede im preußischen Abgeordnetenhaus kündigte er diese Veränderung an. Anders als sein Vorgänger verlangte er nie bei einem Immediatsbericht eines Ministers beim Kaiser anwesend zu sein. Dies führte aber dazu, dass sich politische Richtlinienansprüche nur schwer umsetzen ließen. In Preußen konnte so Finanzminister Miquel über sein Ressort hinausgreifend an Einfluss gewinnen.