Leo Strauss (* 20. September 1899 in Kirchhain, Preußen, Deutsches Reich; † 18. Oktober 1973 in Annapolis, Maryland, Vereinigte Staaten) war ein deutschamerikanischer Philosoph. Als Professor für Politische Philosophie lehrte er von 1949 bis 1969 an der University of Chicago. Strauss gilt als Begründer einer einflussreichen Denkschule – der Straussianer – und als Kritiker der modernen Philosophie sowie des modernen liberalen Denkens überhaupt.
Leo Strauss wurde am 20. September 1899 in der Kleinstadt Kirchhain in Hessen-Nassau, einer Provinz des Königreichs Preußen (Teil des Deutschen Reiches), als Sohn von Jennie Strauss (geb. David) und Hugo Strauss geboren.
Leo Strauss – Sohn des Kaufmanns Hugo Strauß und dessen Ehefrau Josephine David – wuchs in einem konservativ-jüdischen Elternhaus auf. Der Vater handelte mit Landmaschinen. Strauss schrieb 1931 an den Marburger Philosophiedozenten Gerhard Krüger, die Tatsache sei nicht gleichgültig, „dass ich, vor die Frage gestellt, welcher Nation ich sei, antworten würde: Jude und nicht Deutscher.“
Strauss besuchte das humanistische Gymnasium Philippinum in Marburg bis 1. März 1917. Dort entdeckt er die klassische europäische Literatur, insbesondere das Werk von Friedrich Nietzsche, von dem er zugibt, dass er damals „buchstäblich alles glaubte, was [er] von Nietzsche las“. Er wohnte beim Marburger Kantor Strauss (keine Verwandtschaft), dessen Wohnung als Treffpunkt für die Anhänger des neukantianischen Philosophen Hermann Cohen diente. Strauss diente vom 5. Juli 1917 bis Dezember 1918 im Ersten Weltkrieg im Deutschen Heer unter anderem als Übersetzer im besetzten Belgien.
Schon zu Ostern 1917 begann er in Marburg ein Studium der Philosophie, später an der Universität Hamburg; er widmete sich auch der Mathematik und den Naturwissenschaften. 1921 wurde Leo Strauss bei Ernst Cassirer über Friedrich Heinrich Jacobi promoviert. Anschließend setzte er bis 1925 seine Studien an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und erneut an der Philipps-Universität Marburg fort, u. a. bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. In Marburg konnte er Freundschaften mit Hans-Georg Gadamer, Hans Jonas, Jacob Klein und Karl Löwith schließen.
Bereits 1916 war Strauss dem „Jüdischen Wanderbund Blau-Weiß“ beigetreten, einer Vereinigung jüdischer Oberschüler und Studenten. Der Wanderbund war der Jugendbewegung Wandervogel nachgebildet. Noch während seiner Studienzeit in Marburg und darüber hinaus beteiligte sich Strauss an den Debatten im Umkreis jüdischer und zionistisch orientierter Zusammenschlüsse.
Von 1925 bis 1932 war er Mitarbeiter an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo er unter der Leitung von Julius Guttmann vor allem über Spinoza arbeitete und Mitherausgeber der Moses-Mendelssohn-Jubiläumsausgabe war. In dieser Zeit lernte er Hannah Arendt, Walter Benjamin und Gershom Scholem kennen. Eine Anfrage bei dem Theologen und religiösen Sozialisten Paul Tillich bezüglich einer Habilitation lehnte dieser 1931 ab. Auch mit Karl Löwith korrespondierte er über die angemessene Reaktion auf den Faschismus und hielt im Brief vom 19. Mai 1933 an den „rechten Prinzipien“ fest, wogegen dieser einsprach, wenn es um die Freiheit der Wissenschaft gehe.
Noch vor Beginn der Nazi-Diktatur ging er mit einem Rockefeller-Stipendium (Gutachter: Carl Schmitt) nach Paris. Dort lernte er Alexandre Kojève und Alexandre Koyré kennen. 1933 heiratete er dort Mirjam Petry (geb. Bernson). Von 1934 bis 1938 bekam er erneut ein Rockefeller-Stipendium, diesmal für Cambridge in England, um dort über Thomas Hobbes zu forschen. 1938 ging Strauss in die Vereinigten Staaten und lehrte an der New School for Social Research in New York City. 1944 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. Im selben Jahr adoptierte er seine verwaiste Nichte Jenny: Ihre Mutter Bettina, Strauss’ Schwester – sie war von dem Philosophen Nicolai Hartmann promoviert worden – starb bei der Geburt. Jennys Vater, der Arabist und Wissenschaftshistoriker Paul Kraus, hatte Suizid begangen.
1949 folgte Strauss einem Ruf als Professor für Politische Philosophie an die University of Chicago, wo er bis zu seiner Emeritierung 1968 lehrte. Die ihm 1950 angebotene Lehrstuhlnachfolge für Martin Buber an der Hebräischen Universität Jerusalem nahm er nicht an, lehrte aber dort 1954/55 als Gastprofessor. In die Bundesrepublik Deutschland reiste Strauss nur ein einziges Mal: 1954 besuchte er in Heidelberg Löwith und Gadamer und hielt dort einen Vortrag über Sokrates.
Im Jahr 1953 prägte Strauss den Begriff „reductio ad Hitlerum“ – eine Anspielung auf „reductio ad absurdum“ –, womit er andeutete, dass der Vergleich eines Arguments mit einem von Hitlers Argumenten oder das „Ausspielen der Nazi-Karte“ oft ein Irrtum der Irrelevanz ist.
1965 wurde er für eine Gastprofessur nach Hamburg berufen, konnte sie aber aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten. Im selben Jahr wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg sowie das Große Bundesverdienstkreuz durch den deutschen Generalkonsul in Chicago verliehen. 1968 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences ernannt.
Auf Einladung seines Freundes Jacob Klein war er von 1969 bis zu seinem Tod 1973 Scott Buchanan Distinguished Scholar-in-Residence am St. John’s College in Annapolis, Maryland.
Seine Nichte und Adoptivtochter Jenny Strauss Clay ist eine mittlerweile emeritierte Professorin für Classics an der University of Virginia und international anerkannte Expertin für archaische griechische Dichtung.
Kritik an der Moderne: Strauss macht die Aufklärung und den Liberalismus für den Niedergang der Philosophie verantwortlich und fordert eine Rückbesinnung zu deren platonisch-sokratischen Wurzeln in der Antike. Seine Leitmetapher lautet: Die Aufklärung hat nicht „mehr Licht“ gebracht, sondern das Denken in eine „zweite Höhle“, einen Keller unterhalb der platonischen Höhle geführt, aus dem es sich erst wieder in die „erste Höhle“ hinaufarbeiten müsse.
Er behandelt fundamental-philosophische Fragen im Rahmen „großer Alternativen“: Antike oder Moderne, Philosophie oder Theologie, „Athen“ oder „Jerusalem“, wobei der „Offenbarungsglaube“ beziehungsweise die Bibel die existenzielle Herausforderung für die Philosophie darstelle, weil dieser wie die politische Gesetzgebung auf dem Gebot des Gehorsams beruhe und zudem Heil oder Verdammnis verspreche. Nach Strauss vermag die Vernunft allein das theologisch-politische Problem nicht zu lösen; jeder Versuch verfängt sich im Relativismus, den er scharf zurückwies.
Damit folgt eine Ablehnung von Historismus, Positivismus und Relativismus als Hauptströmungen „nivellierten“ modernen Denkens und als Verursacher einer Krise, weil sie vermeintlich die Möglichkeit von Philosophie bestreiten und die klassische philosophische Überzeugung, dass das Ziel politischen Lebens die Tugend sei, zurückweisen.
Strauss spricht sich gegen Max Weber aus, vor allem gegen dessen Forderung einer werturteilsfreien Wissenschaft und seinen „edlen Nihilismus“; stattdessen vertritt Strauss die vor allem durch Radikalisierung von Carl Schmitts Begriff des Politischen gewonnene Überzeugung, die Moderne sei überwindbar.
Strauss’ Anthropologie ist elitistisch. Er betont unter Berufung auf das Naturrecht (damit abweichend vom üblichen Verständnis eines quasi-naturgesetzlichen Begriffs) die naturgegebene Ungleichheit der Menschen – „hierarchische Ordnung der natürlichen Verfassung des Menschen“ gemäß Platon.