Leo Santifaller (* 24. Juli 1890 in Kastelruth, Tirol; † 5. September 1974 in Wien) war ein österreichischer Historiker Südtiroler Herkunft.
Im Lauf seiner akademischen Karriere war Santifaller Leiter des Staatsarchivs Bozen (1921–1927), Professor an der Universität Breslau (1929–1942/43) und an der Universität Wien (1942/43–1962), Vorstand des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (1945–1962), Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs (1945–1955), Direktor des Österreichischen Kulturinstituts in Rom (1956–1964), Begründer von Fachzeitschriften, Ehrendoktor an vier Universitäten und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Organisationen, wie etwa der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Die Santifaller sind laut Santifaller selbst ein altes ladinisches Geschlecht, das bereits vor den Römern und Germanen seinen bäuerlichen Wohnsitz in den Bergen Südtirols gehabt haben soll; belegt ist es seit dem 15. Jahrhundert in den Brixner Lehnbüchern. Im 17. Jahrhundert übersiedelte ein Zweig der Familie nach Kastelruth, wo die Santifaller seit 1813 auch einen alten Edelsitz, den Lafayhof, bewohnten. Sowohl Santifallers Großvater Georg (1814–1896) wie auch der Vater Michael (1845–1923) waren später Besitzer dieses Hofs.
Vater Michael, der in Innsbruck Rechtswissenschaften studiert hatte, war neben seiner Funktion als Gutsbesitzer hauptberuflicher Notar in Kastelruth. 1887 heiratete er die Kastelruther Bauerntochter Christina Fulterer (1856–1936), nach dem ältesten, Leo, hatte das Paar vier weitere Kinder: die Kunsthistorikerin, Lyrikerin, Übersetzerin, Kulturorganisatorin und Unternehmerin Maria Christina, verehelichte Hemsoth, zuletzt Sellschopp (1904–1978), den Schriftsteller Pius (1893–1995), Karl (1899–1914) und Sabine, verehelichte Salzinger (1897–1991).
Santifaller wuchs im mittelgebirgigen Bauerndorf Kastelruth auf, er selbst spricht von einer schönen und glücklichen Kindheit, von der er nach dem Wunsch der Eltern die meiste Zeit wohlbehütet am eigenen Hof und der umgebenden Natur verbrachte. Das Milieu war das bürgerlich-katholische einer wohlhabenden Notarsfamilie. Die sechsjährige Kastelruther Volksschule wurde im Winter besucht, im Sommer erhielt Santifaller bereits ab dem ersten Schuljahr Privatunterricht. Schon zu dieser Zeit las er religiöse, historische, kunstgeschichtliche, geographische und dichterische Werke aus der später geerbten Privatbibliothek seines Vaters. Am von der Mutter geführten Hof lernte er mit den Knechten, Mägden und Taglöhnern der Familie die landwirtschaftliche Arbeit kennen.
Als Jugendlicher kam Santifaller ans humanistische Gymnasium der Franziskaner nach Bozen, wo er bei der gebildeten Marie Schmid wohnte. Hier interessierte er sich bald für den anspruchsvollen Geschichtsunterricht des Paters Calasanz Rief, wobei er bereits früh Werke bedeutender Historiker las. Neben der Schullektüre betrieb er nach eigenen Angaben eine ausgedehnte Privatlektüre, vor allem auch in den naturwissenschaftlichen Fächern Astronomie und Physik. Für die letzten drei Gymnasialjahre wechselte Santifaller ans deutsche Staatsgymnasium in Trient, wo er weiterhin geschichts- und naturwissenschaftliche Bücher und Zeitschriften las und die Privatsternwarte eines Bekannten benutzen durfte.
Bereits vor der Matura war Santifaller fest entschlossen, Wissenschaftler zu werden, entweder Historiker oder Astronom. Er knüpfte Kontakte nach Göttingen, dessen mathematische Fakultät Weltruf genoss; das Studium in Norddeutschland kam aufgrund des Widerstands des Vaters jedoch nicht zustande und so ging Santifaller an die Universität Wien. Hier studierte er Mathematik und Physik, bis er – vom Studienbetrieb und den abweisenden Professoren entmutigt – 1911 einer „wundervollen und herzerhebenden“ Rede des Historikers Oswald Redlich beiwohnte und daraufhin beschloss, selbst auch Historiker zu werden.
Nach einigen Semestern in Wien ging Santifaller ab dem Sommersemester 1914 durch ein Staatsstipendium gefördert nach Freiburg im Breisgau, wo ihn Heinrich Finke ermunterte, im Bereich der spanischen Urkundenlehre und Paläographie zu arbeiten. Santifallers Absichten in diesem Bereich wurden – wie auch der Besuch der Universität Bonn – allerdings vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs zunichtegemacht. Im Wintersemester 1914/15 begann Santifaller, an der Universität Innsbruck zu studieren, im Jänner 1915 musste er zur schweren Artillerie einrücken. Er wurde zunächst in der Artillerieschule in Trient ausgebildet und übersiedelte dann in die Festung Komorn. Im August 1915 kam er als Offizier nach Südtirol, wo er bis 1918 am Gebirgskrieg gegen Italien teilnahm. In diesen vier Jahren im Hochgebirge studierte Santifaller aber auch zahlreiche historische Werke und arbeitete an seiner Dissertation. Nach dem Krieg kehrte er heim und im Mai 1919 erhielt er die Erlaubnis, für zwei Wochen nach Wien zu fahren, wo er mit einer richtungweisenden prosopographischen Arbeit über das Brixener Domkapitel zum Doktor promoviert wurde.
Ab 1919 war er ordentliches Mitglied des Instituts für österreichische Geschichtsforschung und absolvierte dort als mittlerweile 29-Jähriger eine weitere Ausbildung, nämlich die für historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft. In den beiden Jahre des Institutsstudiums in Wien wohnte er bei Fritz Beil.
Leitung des Staatsarchivs Bozen
Gleich nach dem Ende des Weltkriegs wurde ab 1918 damit begonnen, in Innsbruck und Wien aufbewahrte Archivbestände, die in Südtirol entstanden waren, gemäß dem Provenienzprinzip an Italien auszuliefern. Auf Anfrage aus Italien wurde Santifaller von Oswald Redlich als Leiter des neu zu errichtenden Staatsarchivs Bozen vorgeschlagen. Nach „gründlicher Überlegung und eingehender Beratung mit seinen Lehrern“ trat Santifaller im August 1921 den Dienst an und behielt die Leitungsfunktion bis Anfang 1927. In Bozen heiratete er Bertha Richter, die er bereits 1913 in Südtirol kennengelernt hatte. Bertha Santifaller war Tochter des Geographen und Historikers Eduard Richter, sie arbeitete als Malerin und Ortsnamensforscherin. Die Ehe blieb kinderlos.
Beim Dienstantritt wurde ihm das leerstehende Schloss Maretsch als Archivgebäude, 150 Eisenbahnwaggons mit Archivalien (mit den Archiven Südtiroler Behörden und des Hochstifts Brixen) und ein ehemaliger österreichischer Gendarmeriewachtmeister als Hilfskraft übergeben. Binnen eines Jahres war das Archiv eingerichtet und der Öffentlichkeit zugänglich. Santifaller schaffte zusätzlich eine Handbibliothek zur wissenschaftlichen Arbeit an und begann Bücher herauszubringen: vor allem sein Buch zum Brixner Domkapitel und Quelleneditionen wie etwa das Kalendarium Wintheri. Gewohnt hat er mit seiner Frau in einem einzigen Mietszimmer.
Mitarbeit bei den Monumenta Germaniae Historica und Habilitation in Berlin
Während Santifaller seine Habilitation in München plante, griff Paul Kehr entscheidend in sein Leben ein, indem er ihm die erste Assistentenstelle bei den Monumenta Germaniae Historica (MGH) in Berlin anbot. Santifaller erbat sich zuvor noch einige Monate in Rom, wo er von einem Forschungsstipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft unterstützt an seinen Untersuchungen zur Papstdiplomatik weitarbeitete. Er forschte dazu im Archiv und der Bibliothek des Vatikans und bekam mit seiner Frau eine viertelstündige Spezialaudienz bei Pius XI.
Im April 1927 trat Santifaller seinen Dienst bei den MGH an. Er verkehrte in Berlin mit zahlreichen bedeutenden Wissenschaftlern und berichtet später von einem außergewöhnlich guten Klima unter den „Monumentisten“. Santifaller selbst erledigte die gesamte Verwaltung und Korrespondenz der MGH und arbeitete an den Urkunden Heinrichs III.
Im Dezember 1928 habilitierte sich Santifaller bei Albert Brackmann an der Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin für mittelalterliche und neuere Geschichte, im Sommersemester 1929 erhielt er seinen ersten Lehrauftrag für Historische Hilfswissenschaften.
Im November 1929 wurde Santifaller als Nachfolger Franz Kampers zum ordentlichen Professor für Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit an die Universität Breslau berufen. In den ersten Jahren hielt er zahlreiche Lehrveranstaltungen, neben Proseminaren und Seminaren etwa die regelmäßigen Kollegs über Geschichte des Mittelalters und Verfassungsgeschichte sowie Lehrveranstaltungen über die historischen Hilfswissenschaften. Dieses Programm wurde von fünfzig Dissertationen und Habilitationen sowie außeruniversitären Vorträgen und einigen Publikationen begleitet. Er war z. B. Referent bei der 1937 vom späteren Staatsarchivrat Hanshugo Nehmiz eingereichten Dissertation Untersuchungen über die Besiegelung der schlesischen Herzogsurkunden im 13. Jahrhundert.