An diesem Tag

Leo Jogiches

Sozialistischer Politiker

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Leo Jogiches, auch Tyszka, (* 17. Juli 1867 in Wilna; † 10. März 1919 in Berlin) war ein sozialistischer Politiker aus dem damaligen Russischen Kaiserreich, der ab 1899 die schweizerische Staatsangehörigkeit hatte. An der Seite Rosa Luxemburgs war er Mitbegründer der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens und später der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Nach dem gescheiterten Spartakusaufstand im Januar 1919 wurde er verhaftet und von einem Polizeibeamten ermordet.

Leo Jogiches entstammte einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie aus Wilna, der Hauptstadt des Gouvernements Wilna im Russischen Kaiserreich. Schon in jungen Jahren engagierte er sich in Wilna für die sozialrevolutionären Volkstümler im Kampf gegen die Zarenherrschaft, wofür er 1889 zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten verurteilt wurde. Nach seiner Haftentlassung sollte er als russischer Untertan Militärdienst in Turkestan leisten und floh deshalb Anfang 1890 in die Schweiz, wo er an der Universität Zürich studierte. Er beantragte die Schweizer Staatsbürgerschaft, die ihm 1899 nach längerem Einbürgerungsprozess verliehen wurde. Jogiches suchte Kontakt zu dem ebenfalls im Exil lebenden Marxisten Georgi Plechanow. Zwei Jahre später überwarf er sich jedoch mit ihm, was zu einem Parteigerichtsverfahren führte. Die Anhänger Plechanows griffen Jogiches scharf an, auch Friedrich Engels äußerte sich in einem Brief negativ über ihn.

In Zürich lernte er im Jahre 1890 die damals neunzehnjährige Studentin Rosa Luxemburg aus Russisch-Polen kennen. Er war von 1891 bis 1906 Lebensgefährte Rosa Luxemburgs und Mitglied der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL). Er war von bedingungsloser Aufopferungsfähigkeit und ohne äußeren Ehrgeiz, aber von starkem Selbst- und Machtbewusstsein, wirkte anonym und diktatorisch hinter den Kulissen, vorerst in der Schweiz, dann mit Luxemburg in Berlin, Warschau und zum Schluss wieder in Berlin. Nach dem Wiederaufleben der sozialdemokratischen Bewegung in Russisch-Polen (1902) redigierte er von Berlin aus für die Partei den Czerwony Sztandar (Rote Fahne) und den Przeglad Socjaldemokratyczny (Sozialdemokratische Rundschau), die 1902 bis 1905 erschien und erhebliche Wirkung ausübte. Nach dem Ausbruch der ersten russischen Revolution von 1905 reisten er und Luxemburg nach Warschau, wo sie politische Zeitungen leiteten. Im März 1906 wurde er zusammen mit Luxemburg verhaftet. Jogiches erhielt eine Zuchthausstrafe von acht Jahren. Im April 1907 gelang ihm jedoch die Flucht nach Deutschland, wo er anschließend wieder in Berlin lebte.

Während des Ersten Weltkriegs lebte Jogiches in Berlin im Untergrund. Auch nach dem Ende seiner Paarbeziehung mit Luxemburg arbeitete er politisch eng mit ihr zusammen. Er organisierte ab 1916 die Herausgabe der Spartakusbriefe und wurde der Leiter der Spartakusgruppe. Eine Spaltung der Arbeiterbewegung lehnte er zunächst ab und trat deshalb dafür ein, dass die Spartakusgruppe in der SPD bzw. ab 1917 in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) blieb. In der Novemberrevolution von 1918 war er neben Franz Mehring, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und anderen Mitbegründer des Spartakusbundes und der aus diesem zusammen mit anderen kommunistischen Gruppierungen am 1. Januar 1919 hervorgegangenen KPD.

Nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 durch rechtsextreme Freikorpsleute übertrug man Jogiches den Parteivorsitz der KPD. Jogiches ermittelte die Namen der Mörder und deckte die Einzelheiten der Ermordung auf. Anfang März 1919 wurde er in seiner Wohnung in Berlin-Neukölln verhaftet und am 10. März 1919 im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit von dem Kriminalwachtmeister Ernst Tamschick durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet. Käthe Kollwitz fertigte am 16. März im Leichenschauhaus eine Zeichnung von Jogiches.

Leo Jogiches hatte sich wie die führende Theoretikerin der KPD, Rosa Luxemburg, gegen eine Führungsrolle der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) innerhalb der Komintern gewandt. Auch Jogiches’ Nachfolger im KPD-Parteivorsitz, Paul Levi, sah sich im Februar 1921 wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der Komintern-Leitung zum Rücktritt gezwungen. Wenige Jahre später geriet die KPD in immer stärkere Abhängigkeit von Moskau.

Karl Retzlaw, der ihn gut kannte, schrieb in seiner Biografie: „Jogiches war eine Persönlichkeit, die auf alle, die ihn kannten, einen unauslöschlichen Eindruck machte. Er war ein Typ, wie ihn die deutsche Arbeiterbewegung niemals hervorgebracht hat. Er war 52 Jahre alt, wohlhabend, und sein Leben wäre auch als Privatgelehrter ausgefüllt gewesen. Sein Temperament liess ihn gegen soziales Unrecht, Militarismus und Krieg kämpfen. Jogiches war kein gebürtiger Deutscher.“

In der Filmbiografie Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1986 wird Jogiches vom polnischen Schauspieler Daniel Olbrychski dargestellt.

Das NVA-Panzerregiment 16 in Großenhain, Truppenteil der 7. Panzerdivision wurde nach Leo Jogiches benannt.

Die Betriebsberufsschule (BBS) des VEB Datenverarbeitungszentrum in Berlin, Berufsbildungseinrichtung wurde nach Leo Jogiches benannt.

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

Clara Zetkin: Revolutionäre Kämpfe und revolutionäre Kämpfer 1919. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches, Eugen Leviné, Franz Mehring und all den treuen, kühnen revolutionären Kämpfern und Kämpferinnen des Jahres 1919 zum Gedächtnis. Verlag der Kommunistischen Internationale, Petrograd 1920

Karl Radek: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches. Verlag der Kommunistischen Internationale u. a., Hamburg u. a. 1921; marxists.org

Karl Kautsky: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches. Ihre Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie. Eine Skizze. Freiheit, Berlin 1921

W. Oehme, G. Engel: Jogiches, Leo (Pseudonyme: Tyszka, Grosowski, A. Krumbügel, W. Kraft). In: Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte. Von den Anfängen bis 1917. Hrsg. von Karl Obermann u. a.: Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967, S. 231–232.

Rosa Luxemburg: Listy do Leona Jogichesa-Tyszki. Listy zebrał słowem wstępnym i przypisami (Briefe an Leon Jogiches-Tyszka. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Feliks Tych). Książka i Wiedza, Warszawa 1968–1971:

Horst Schumacher: Jogiches, Leo. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 231–233.

Rosa Luxemburg: Briefe an Leo Jogiches. Mit einer Einleitung von Feliks Tych. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1971, ISBN 3-7632-1497-6

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