Lee Harvey Oswald (* 18. Oktober 1939 in New Orleans, Louisiana; † 24. November 1963 in Dallas, Texas) war der mutmaßliche Mörder des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Zwei Tage nach dem Attentat wurde Oswald in Polizeigewahrsam vom Nachtclub-Besitzer Jack Ruby erschossen.
Oswald wurde 1939 in New Orleans als zweiter Sohn von Robert Edward Lee Oswald und dessen Frau Marguerite Frances Claverie geboren. Sein Vater, ein Beitragskassierer und Prämieneinnehmer bei einer Versicherungsgesellschaft, war zwei Monate vor der Geburt Lees an einem Herzinfarkt gestorben. Oswald hatte den Halbbruder John Edward Pic aus der früheren Ehe seiner Mutter. Im Jahr 1942 brachte die Mutter wegen erheblicher finanzieller Schwierigkeiten die drei Jungen in einem Waisenhaus unter; Lee als letzten am 26. Dezember. Zuvor hatte sich Marguerites Schwester Lillian Murret häufig um Lee gekümmert, wenn seine Mutter auf Arbeit war. Lillian und ihr Gatte Charles „Dutz“ Murret blieben auch später wichtige Bezugspersonen in Oswalds Leben. Charles Murret war neben seiner Hauptbeschäftigung als Hafenarbeiter auch als Buchmacher tätig; seine Verbindung zum Marcello-Clan innerhalb der Cosa Nostra von New Orleans wurde in späteren Verschwörungstheorien rund um das Attentat auf John F. Kennedy oft aufgegriffen.
Im folgenden Jahr lernte Marguerite den Elektroingenieur Edwin Ekdahl kennen. Im Januar 1944 beschlossen sie zu heiraten, woraufhin Marguerite das Haus in New Orleans verkaufte, nach Dallas zog, wo Ekdahl beruflich tätig war, und ihre Söhne aus dem Waisenhaus wieder zu sich holte. Die 1945 geschlossene Ehe zerbrach schnell und bereits 1946 kehrte Marguerite mit ihren Söhnen nach Louisiana zurück und lebte in Covington. Nachdem seine erste Einschulung in Texas gescheitert war, besuchte Oswald hier die örtliche Elementary School. Nachdem sich Ekdahl und Marguerite wieder ausgesöhnnt hatten, zog Lee mit seiner Mutter 1947 nach Fort Worth. Nichtsdestoweniger kam es im folgenden Jahr zur Scheidung und Marguerite benutzte danach wieder den Familiennamen Oswald.
Danach blieb Oswald mit seiner Mutter in Texas, bis sie im August 1952 nach New York City umzogen, wo Lees Halbbruder lebte. Dort fiel Oswald an der Schule negativ durch Absentismus auf und geriet deswegen in rechtliche Schwierigkeiten. Durch ein Flugblatt über die bevorstehende Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg wegen Spionage für die Sowjetunion entwickelte er ein Interesse am Kommunismus.
Insbesondere das Verhältnis zu seiner Mutter, einer sowohl dominierenden als auch emotional instabilen Frau, wird als problematisch beschrieben. Der Unterbringung in einer Einrichtung für emotional gestörte Jugendliche in New York entzog ihn die Mutter Anfang 1954 durch einen weiteren Umzug nach New Orleans. Um diese Zeit trat in einen regen Briefwechsel mit der Socialist Workers Party, wurde dort aber kein Mitglied.
In New Orleans besuchte er die achte und neunte Klasse der Junior High School und nahm an Veranstaltungen der Civil Air Patrol („Zivile Luftpatrouille“) teil, auf denen Nachwuchs für die United States Air Force gewonnen werden sollte. Hier traf Oswald vermutlich erstmals auf David Ferrie, der in den späteren Ermittlungen von Jim Garrison zum Attentat auf John F. Kennedy eine Schlüsselrolle spielte. Oswald besuchte 1955 die zehnte Klasse auf der Warren Easton High School für einen Monat, bevor er sie kurz vor seinem 16. Geburtstag verließ. In den folgenden zwölf Monaten arbeitete er als Fahrradkurier und führte Lagertätigkeiten aus, bis er alt genug war, um im United States Marine Corps dienen zu können.
Am 24. Oktober 1956 trat Oswald den Marines bei. Dort erwies er sich im Vergleich zu anderen Marines als leicht unterdurchschnittlicher Schütze: Bei einer Überprüfung mit dem Gewehr M1 erreichte er im dreistufigen amerikanischen System für qualifizierte Schützen knapp die erforderliche Schießleistung, die einer mittleren Einstufung (Sharpshooter) entsprach.
Im August 1957 wurde er nach Abschluss seiner Ausbildung auf dem geheimen Luftwaffenstützpunkt Atsugi in Japan als Radar-Operator stationiert, von wo aus die Lockheed U-2 – damals eines der geheimsten Projekte der United States Air Force – zu Spionageflügen in Richtung Sowjetunion und Volksrepublik China startete. Dort kam Oswald das erste Mal mit streng geheimen Informationen in Berührung.
Um einer Versetzung auf die Philippinen zu entgehen, wo er seine Ausbildung fortsetzen sollte, schoss sich Oswald im Oktober 1957 absichtlich mit seiner Pistole in den Arm. Ein Militärgericht verurteilte ihn wegen illegalen Waffenbesitzes zu zwanzig Tagen harter Arbeit, anschließend wurde er versetzt. Eine zweite Militärstrafe von 28 Tagen Strafarrest folgte im Juni 1958, nachdem er einem Sergeant ein Getränk über den Kopf gegossen hatte. Danach zeigte sich Oswald verbittert und bekannte sich offen zum Marxismus. Er lernte Russisch und schmiedete im Geheimen Pläne, sich in die Sowjetunion abzusetzen. Im August 1959 bat er um Entlassung aus dem Militärdienst und gab als Begründung den schlechten Gesundheitszustandes seiner Mutter an. Seinem Antrag wurde stattgegeben und Oswald am 11. September 1959 aus dem Dienst entlassen.
Ursprünglich hatte Oswald vorgehabt, sich nach Kuba abzusetzen, wo Fidel Castros Bewegung des 26. Juli gerade die Macht übernommen hatte. Stattdessen schiffte er sich am 20. September 1959 in New Orleans auf dem Frachter Marion Lykes Richtung Frankreich ein; von Frankreich aus reiste er über Helsinki in die Sowjetunion ein. Am 16. Oktober 1959 erreichte er Moskau.
Am nächsten Tag teilte er dem zuständigen Mitarbeiter bei der staatlichen Reiseagentur Intourist mit, dass er aus den Vereinigten Staaten in die Sowjetunion migrieren wolle, weil er den American Way of Life ablehne. Der KGB zeigte sich von Oswalds Angaben wenig beeindruckt und sorgte dafür, dass sein Ersuchen abgelehnt wurde. Nach einem gescheiterten Suizid wurde Oswald bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in Moskau vorstellig, wo er seine Absicht erklärte, seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben und mit den Sowjets alle Kenntnisse zu teilen, die er als Radar-Operator bei den Marines erworben hatte. Das Pentagon wurde über das Gespräch informiert und sorgte dafür, dass die Radar-Codes der United State Marines geändert wurden. Außerdem setzte das United States Marine Corps ein Verfahren auf unehrenhafte Entlassung gegen Oswald in Gang.
Schließlich erhielt Oswald die Aufenthaltsgenehmigung und wurde nach Minsk geschickt, wo er eine Wohnung und Arbeitsstelle zugeteilt bekam und unter ständiger Überwachung des KGB stand. Am 8. Januar 1960 traf Oswald in Minsk ein. Am 13. Januar trat er dort in einer Fabrik, die unter anderem Radio- und Fernsehgeräte herstellte, die ihm von den sowjetischen Behörden zugeteilte Stelle als Metallarbeiter an. In Minsk lernte er die Pharmakologiestudentin Marina Nikolajewna Prussakowa kennen, die Nichte eines Obersten des sowjetischen Geheimdienstes, die ihn auf Grund seines Akzents zunächst für einen Balten hielt. Sie heirateten am 30. April 1961. Ihr erstes Kind, June Lee Oswald, wurde im Februar 1962 geboren.
Rückkehr in die Vereinigten Staaten
Schon bald war Oswald in der Sowjetunion unzufrieden: Die Sowjets hätten die Lehre von Karl Marx „pervertiert“, so sein Eindruck. Am 13. Februar 1961 bat er die amerikanische Botschaft um Hilfe bei der Rückkehr, seine Frau beantragte ein Visum für die Vereinigten Staaten. Über ein Jahr später, am 10. Mai 1962, teilte man ihm mit, dass seine Rückreise in die Vereinigten Staaten arrangiert sei. Auch die sowjetischen Behörden legten ihnen keine Steine in den Weg. Am 13. Juni 1962 kehrte Oswald mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurück. Das Außenministerium schoss ihm die Reisekosten vor und stellte ihm einen Pass aus.
Unmittelbar nach der Ankunft der Oswalds in New York City zog die Familie nach Fort Worth in Texas. Dort suchte Oswald Kontakte zu Exilrussen, denn seine Frau konnte kein Englisch und litt unter Heimweh. Auf diesem Weg lernte er George de Mohrenschildt kennen, einen wohlhabenden russischen Adligen mit Geheimdienstkontakten. Mohrenschildt stellte ihm auch Michael und Ruth Paine vor, die in Irving (Texas) lebten, einem Vorort von Dallas. Das getrennt lebende Ehepaar war politisch links orientiert und wollte Russisch lernen. Insbesondere Ruth Paine begann, sich um die Oswalds zu kümmern, deren Ehe kriselte. Im Oktober 1962 zogen die Oswalds nach Dallas und er bekam eine Arbeitsstelle in einem Fotolabor.