Die vieraktige Komödie Le Barbier de Séville ou La précaution inutile (deutsch Der Barbier von Sevilla oder Die unnütze Vorsicht) ist der erste Teil der Figaro-Trilogie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799). Sie wurde 1775 von den Comédiens-Français uraufgeführt.
Anders als mit seinen beiden ersten Stücken Eugénie und Les deux amis (Die beiden Freunde) wollte Beaumarchais das Publikum mit Le barbier de Séville nicht rühren, sondern amüsieren – aber mit dem gleichen Ziel, die Ungerechtigkeit von Ständeordnung und Patriarchat erfahrbar zu machen. Das Werk war ein internationaler Erfolg und diente als Vorlage zu Il barbiere di Siviglia von Rossini sowie anderen Opern.
In einem Brief an den Minister des königlichen Hauses Breteuil schrieb Beaumarchais 1784, nach seinen sentimentalen Erstlingswerken habe er, „meinem wahren Charakter entsprechend“, im Barbier de Séville versucht, „die alte, freie Heiterkeit auf die Bühne zurückzubringen und diese mit dem leichten, feinen und sensiblen Ton unseres heutigen Scherzes zu verbinden.“
Die Komödie ist eine Reminiszenz an die Spanienreise des Autors in den Jahren 1764/65. Ein bruchstückhafter Entwurf trägt den Titel Le sacristain, Intermède imité de l’espagnol (Der Küster, Zwischenspiel nach spanischer Art). Darin heißt Rosine noch Pauline. Sie ist seit sieben Monaten mit Bartholo verheiratet, aber immer noch Jungfrau. Ihr Liebhaber Lindor vertritt, als Küster verkleidet, ihren bestechlichen Harfenlehrer Bazile.
Beaumarchais, der in seiner Jugend Musiklehrer der Töchter Ludwigs XV. gewesen war, arbeitete den Stoff dann zu einer (verlorenen) Opéra-comique um, die aber 1772 von den Comédiens-Italiens abgelehnt wurde.
Noch im erwähnten Jahr entstand die definitive Fassung für die Sprechbühne. Sie wurde von der Comédie-Française angenommen und von der Zensur freigegeben, doch konnten für 1773 und 1774 geplante Aufführungen nicht stattfinden, weil Beaumarchais in aufsehenerregende Affären verwickelt war.
Die Hauptrollen übernahmen Jean-Claude Col(e)son genannt Bellecour (Almaviva), Denis Déchanet genannt Des Essarts (Bartholo), Louise-Adélaïde Berton de Maisonneuve genannt Doligny (Rosine), Pierre-Louis Dubus genannt Préville (Figaro) und François Augé (Bazile). Für die Uraufführung erhöhte Beaumarchais die Zahl der Aufzüge auf fünf. Nachdem das Stück durchgefallen war, kehrte man zur vieraktigen Version zurück, worauf die nächste Vorstellung drei Tage später zum Triumph wurde. Die Comédiens-Français spielten das Werk auch bei Hof. Von den beiden Buchausgaben aus dem Jahr 1775 gilt die zweite als maßgeblich. Sie enthält ein Vorwort und eine in der Comédie-Française nicht übliche Ariette, die Mademoiselle Doligny nach Radau des Publikums an der Premiere nicht mehr vorzutragen gewagt hatte.
Die Musiknummern dürften aus der Opéra-comique-Fassung übernommen worden sein. Über die Romanze Je suis Lindor schrieb Mozart 1778 in Paris die zwölf Variationen in Es-Dur KV 354/299a. Die Gewittermusik zwischen den beiden letzten Akten komponierte der erste Violinist der Comédie-Française, Antoine-Laurent Baudron.
Zu einer erfolgreichen Oper wurde das Stück nicht erst durch Rossini: In Paisiellos Barbiere di Siviglia, der 1782 in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde, sang drei Jahre später (vor Beaumarchais als Ehrengast) Königin Marie-Antoinette die Rosina, der künftige König Karl X. den Figaro.
Die kürzeste Zusammenfassung des Stücks stammt von Beaumarchais selbst:
Graf Almaviva sah vor sechs Monaten im Prado in Madrid eine schöne Person. Ohne je mit ihr gesprochen zu haben, reiste er ihr nach Sevilla nach. Dort erfuhr er, dass es sich um eine adlige Waise namens Rosine handle, die mit dem alten Arzt Bartholo verheiratet sei. In Wirklichkeit aber ist sie dessen Mündel und widersetzt sich der Heirat. Bartholo ist brutal, geizig und äußerst eifersüchtig. Er hält Rosine wie eine Sklavin gefangen, selbst die Jalousie ihres Fensters schließt er mit dem Schlüssel ab.
Figaro war Diener des Grafen, der ihn dann für eine Staatsstelle empfahl. So wurde er Apothekergehilfe im königlichen Gestüt in Andalusien. Wegen Verabreichens von Pferdemedizin an Menschen bzw. unerwünschter Schriftstellerei entlassen, versuchte er sich in Madrid als Theaterautor und zog zuletzt als Barbier durch Spanien. Das Haus, wo er zur Ader lässt, befindet sich bei jenem Bartholos, der es ihm vermietet und dessen Barbier, Chirurg und Apotheker er ist. Von den höheren Ständen hält er nicht viel. So sagt er zum Grafen: „Was die Tugenden betrifft, die man von Bediensteten verlangt: Kennt Eure Exzellenz viele Herrschaften, die würdig wären, Diener zu sein?“
(Schauplatz ist eine Straße in Sevilla. Alle Fenster sind vergittert.)
Szenen 1 f.: Einem Abbé gleich in einen braunen Mantel gehüllt und mit niedergeschlagener Hutkrempe, wartet der Graf auf den Augenblick, wo Rosine am Morgen hinter der Jalousie ihres Fensters erscheint. Er begegnet Figaro, der mit umgehängter Gitarre Verse schmiedet, in denen er den Wein und die Trägheit besingt. Almaviva wünscht inkognito zu bleiben und Lindor genannt zu werden.
Szenen 3 f.: Bartholo öffnet die Jalousie des Fensters im ersten Stock. Er schimpft über das Jahrhundert der Aufklärung. Rosine lässt Couplets aus der (fiktiven) Komödie La précaution inutile (= Die nutzlose Vorsicht) vom Balkon fallen. Während Bartholo das Papier holen geht, bedeutet sie ihrem Verehrer, es aufzuheben. Darin steckt ein Zettel, der ihn auffordert, sich ihr singend vorzustellen. Auf Figaros Rat hin will der Graf sich von dem ihm bekannten Obersten eines Kavallerieregiments bei Bartholo einquartieren lassen.
Szenen 5 f.: Bartholo verlässt das Haus und befiehlt, niemanden einzulassen. Er geht Rosines Gesangslehrer Bazile suchen, der die für den folgenden Tag geplante Heirat organisieren soll. Figaro leiht dem Grafen seine Gitarre, worauf dieser sich seiner Angebeteten als Student bürgerlicher Herkunft vorstellt. Rosine kann ihn nur kurz ihrer Gegenliebe versichern. Dann tritt jemand ins Zimmer, und sie schlägt das Fenster zu. Almaviva sagt Figaro, er werde Rosine heiraten.
(Spielt wie auch die letzten beiden Akte in Rosines Appartement. Das Fenster im Hintergrund ist mit einer vergitterten Jalousie verschlossen.)
Szenen 1–7: Rosine schreibt ihrem Verehrer. Den Brief befördert Figaro, der Zutritt zum Haus hat. Als Bartholo kommt, versteckt er sich im Cembalozimmer. Es folgt ein komischer Auftritt der Bedienten des Arztes, von denen der junge dauernd gähnt, der alte dauernd niest.