Lady Macbeth von Mzensk ist eine Oper in 4 Akten (9 Bildern) von Dmitri Schostakowitsch und Alexander Preis nach Nikolai Leskows gleichnamiger Erzählung. Die von Schostakowitsch überarbeitete zweite Fassung der Oper trägt den Titel Katerina Ismailowa (russisch Катерина Измайлова).
Die junge und schöne Katerina ist mit dem einfältigen Kaufmann Sinowi Ismailow verheiratet. Sie ist durch die Ereignislosigkeit ihres Lebens gelangweilt und leidet unter der Liebesunfähigkeit ihres Ehemanns und dem tyrannischen Verhalten ihres Schwiegervaters Boris. Während einer Dienstreise ihres Gatten schreitet Katerina im Hof des Kaufmannshauses ein, als der Verwalter und einige Arbeiter, darunter der Schürzenjäger Sergei, die Köchin Aksinja vergewaltigen. Sergei fordert Katerina zum Kräftemessen auf, die sich darauf einlässt, da sie den draufgängerischen Arbeiter attraktiv findet. Ihr Schwiegervater unterbricht mit lautem Schimpfen den Ringkampf und verweist Katerina ins Haus. Sergei kommt unter dem Vorwand, sich ein Buch leihen zu wollen, in Katerinas Zimmer und verführt sie.
Einige Tage später: Als Sergei Katerinas Zimmer durch das Fenster verlässt, erwischt ihn ihr Schwiegervater. Boris prügelt Sergei fast zu Tode. Katerina muss ihrem Schwiegervater etwas zu essen bringen, was sie nutzt, um unter das Essen Rattengift zu mischen. Er stirbt. Nun verbringt Katerina regelmäßig ihre Nächte mit Sergei, doch das Gewissen plagt sie. Als ihr Mann unerwartet mitten in der Nacht zurückkehrt, kann sich Sergei gerade noch verstecken, doch Sinowi ist misstrauisch und entdeckt einen fremden Gürtel, mit dem er auf Katerina einschlägt. Sergei kommt aus dem Versteck und bringt Sinowi mit Katerinas Hilfe ums Leben. Sie verscharren den Leichnam im Keller.
Katerina kann nun Sergei heiraten, doch während das Aufgebot bestellt ist, entdeckt ein Betrunkener die Leiche Sinowis und informiert die Polizei. Noch auf der Hochzeitsfeier werden Sergei und Katerina festgenommen.
Katerina und Sergei sind zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden. Bei dem Transport ins Lager will Katerina zu Sergei gelangen und besticht einen Wärter. Doch Sergei ist nun an der jungen Sonjetka interessiert, die aber nur mit ihm schlafen will, wenn er ihr warme Socken besorgen könne. Sergei umgarnt Katerina und bekommt von ihr die Socken. Als sie Sergeis Vorhaben durchschaut, springt Katerina in den reißenden Fluss und reißt Sonjetka mit sich. Die Zwangsarbeiter ziehen weiter.
Der Librettist Alexander Preis legte der Oper die Novelle Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk von Nikolai Leskow zugrunde, die 1865 erschien. Der russische Schriftsteller galt der sowjetischen Kulturbürokratie als lästiger bürgerlicher Autor. Lediglich diese Erzählung durfte erscheinen. 1930 gelangte sie – wenngleich mit Eingriffen der Zensurbehörde – als „derb-erotisches und kriminalistisches Schauerstück“ in sowjetische Theater. Die Titelfigur sollte ein abschreckendes Beispiel weiblicher Sinnlichkeit darstellen.
Bereits im Zusammenhang mit der Uraufführung musste Schostakowitsch deshalb die Wahl seines Stoffes legitimieren. Er verfasste einen Aufsatz zur Uraufführung, in dem er behauptete, „unter Beibehaltung der ganzen Kraft der Leskowschen Erzählung“ den Stoff dennoch kritisch und vom zeitgenössischen Standpunkt aus interpretiert zu haben. Dies bedeutete vor allem eine Veränderung der „Lady“: „Von Jekaterina Lwowna sollte der Eindruck einer positiven Persönlichkeit zurückbleiben.“ Auf diese Weise versuchte er, die starke Erotik, die sie in seiner Oper ausstrahlt, zu entschuldigen.
Doch auch andere Veränderungen haben Librettist und Komponist vorgenommen, um eine schärfere soziale Aussage zu erzielen: So haben sie im vierten Akt der Innensicht der Gefangenen mehr Raum gegeben und ihr Leiden deutlicher dargestellt. Außerdem fügten sie eine kritische Eingangsszene auf der Polizeistation hinzu (7. Bild) und nahmen einen dritten Mord (an Katerina Ismailowas Neffen) heraus.
In der Forschung wird Schostakowitschs neu erwachtes Interesse, Erotik zu einem Thema seiner Musik zu machen, mit seinen persönlichen Erfahrungen erklärt. So hatte er gerade beim Tennisspiel seine große Liebe und zukünftige Frau Nina Warsar (Tochter der Astronomin Sofja Warsar) kennengelernt. Sie verkörperte den neuen Typus der „selbstbewussten Frau“.
Sein Interesse für den Umgang der Geschlechter miteinander war geweckt. Er begann, die erotischen Verhaltensweisen seiner Zeit zu beobachten und historisch einzuordnen. Im russischen Kaiserreich hatte der Domostroi gegolten, ein Kodex, der das häusliche, soziale, politische und religiöse Leben der Oberschicht regelte. Demzufolge war die Frau der Macht des Hausherrn unterworfen und weibliche Sexualität auf Fortpflanzung reduziert. Die Revolution von 1917 hatte die Idee der sexuellen Freiheit aufkeimen lassen, die noch Ende der 1920er Jahre in Kunst und Literatur diskutiert wurde. Doch bereits kurze Zeit später unterlagen Liebe und Sexualität wieder dem staatlichen Machtsystem.
Die musikalische Gestaltung der Katerina
Seine Titelfigur hat Schostakowitsch mit drei großen musikalischen Momenten ausgestattet. So ist Lady Macbeth von Mzensk eine Oper, die entgegen den Konventionen nicht mit einer Ouvertüre eröffnet wird. Stattdessen beginnt sie mit einem Arioso der Katerina, das ihre Gefühle und ihre Situation als Kaufmannsfrau des 18. Jahrhunderts schildert. (Vorbild für diesen Monolog ist Modest Mussorgskis Liedzyklus Ohne Sonne von 1874.) Ein wichtiger Begriff des Monologs ist „skuka“, Langeweile, was im Verlauf des Gesangsstückes zunehmend für Trauer, Schwermut und Melancholie steht. Katerina ist der Lebenssinn abhandengekommen, sie lebt ohne Liebe, ohne Freude. Dies ist ein Topos der russischen Kunst (wie z. B. in Anton Tschechows Drei Schwestern). Diese Klage wird zum Grund für ihr weiteres Handeln und somit zu ihrem Schicksal.
Der zweite Monolog („Alles paart sich“) steht für die Befriedigung dieses Schmerzes ihres Lebens, die sie in der Sexualität sucht. In der ersten Fassung des Textes vergleicht sie sich mit einer „brünstigen Stute“. Für die zweite Fassung änderte Schostakowitsch dies zu einer „turtelnden Taube“, variierte jedoch nicht die Musik, die eine starke Erotik ausstrahlt. Mit dazu beigetragen hatten die Gemälde des Malers Boris Kustodijew, der gerne üppige, verlockende Frauen darstellte. Mit ihnen hatte Schostakowitsch sich zur Zeit der Entstehung der Arie beschäftigt und sich inspirieren lassen.
Im letzten Akt, dem 9. Bild, blickt Katerina in einem letzten großen Monolog nach innen und resümiert ihr Leben. Hier schließt sich der Kreis: Die befriedigte Sexualität brachte nur kurzfristige Freude und keine innere Stabilität, nur eine quälende neue Abhängigkeit von ihrem Objekt der Begierde. Das Reimwort zu „skuka“, Langeweile, bildet hier nun „muka“, die Qual.
Lady Macbeth von Mzensk war die zweite (und zugleich letzte vollendete) Oper von Dmitri Schostakowitsch, mit der er für viel Aufruhr sorgte. Er stellte sie im Dezember 1932 fertig und widmete sie seiner Braut Nina Warsar. Da gleich zwei Opernhäuser Interesse an dem Werk hatten, kam es kurz hintereinander zu zwei Uraufführungen. Die erste am 22. Januar 1934 im Maly-Theater in Leningrad unter Regie von Nikolay Smolich und der musikalischen Leitung von Samuil Samossud war ein gewaltiger Erfolg. Zwei Tage später fand die zweite am Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater in Moskau statt. Diese Produktion unter der Regie von Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko verwendete eine leicht gekürzte und veränderte Fassung. Zwei Jahre lang feierte das Werk einen Erfolg nach dem anderen. Bereits im Januar 1935 wurde es in Cleveland aufgeführt. Es folgten Aufführungen in New York, Philadelphia, Stockholm, Prag und Zürich.
Dann kam der Abend des 26. Januar 1936. Stalin und die Politbüromitglieder Molotow, Mikojan und Schdanow beehrten im Bolschoi-Theater die Aufführung der Oper in ihrer Regierungsloge, rechts über dem Orchestergraben, unmittelbar über den Blechbläsern und dem Schlagzeug. Die Loge war mit Stahlplatten gesichert, um mögliche Attentate zu verhindern, was die Akustik zusätzlich „verschärfte“. Stalin war mit einem Vorhang vor den Blicken des Publikums geschützt. Nach der Vorstellung verschwand Stalin, ohne den Komponisten in seiner Loge empfangen zu haben, soll sich aber mit seinen Begleitern insbesondere über die drastisch inszenierte Beischlafszene amüsiert haben. Beim Verlassen des Hauses fragte der anwesende Korrespondent der Regierungszeitung Iswestija Stalin, ob ihm die Aufführung gefallen habe. Dieser soll nach der Erinnerung des Augenzeugen Sergei Radamsky gesagt haben: „Das ist Wirrwarr und keine Musik!“ Am 28. Januar brachte die Prawda einen nicht signierten (d. h. einen von der Partei abgesegneten) Artikel „Chaos statt Musik“ über Lady Macbeth. Der Verriss war von katastrophaler Wirkung. Der Intendant Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko, der die Oper in seinem Theater trotz des Prawda-Kommentars zunächst weiterspielen ließ, wurde kurz daraufhin in einem Iswestija-Beitrag gefragt: „Glaubt Nemirowitsch-Dantschenko allen Ernstes, sein Theater liege außerhalb der Sowjetunion?“ Obwohl er die Behörden darauf verwies, dass sämtliche Aufführungen auf Monate hinaus ausverkauft seien, musste er das Stück absetzen. Ein Kritiker nach dem anderen tat Abbitte und stolperte über seine vorherigen Meinungen. Eine Rolle dabei spielte die stark dogmatisierte sowjetische Kulturpolitik, wie sie von Schdanow propagiert wurde. In der Öffentlichkeit herrschte zudem die Ansicht, dass eine Oper dem „Prinzip der Wohlanständigkeit“ folgen und „erhabene Gegenstände erhaben gestalten“ müsse. Dies kollidierte mit Schostakowitschs Oper, in der eine Mörderin als Heldin dargestellt wird.