Léa (Laja) Feldblum (לאה פלדבלום, geboren am 1. Juli 1918 in Warschau, gestorben 1989 in Tel Aviv) war eine aus Polen stammende jüdische Erzieherin, die die Kinder von Izieu in Frankreich betreute und begleitete, die im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Feldblum überlebte die Shoah und sagte 1987 vor Gericht gegen den NS-Verbrecher und Gestapo-Chef von Lyon und SS-Obersturmbannführer Klaus Barbie aus, der die Deportation der Kinder und Betreuer des Kinderheims organisiert hatte.
Léa (eigentlich Laja) Feldblum war die jüngste von sechs Geschwistern, darunter Rywka Feldblum (geboren 1904) und Moses Feldblum (geboren 1913). Die Familie lebte in Warschau und zog 1930 nach Antwerpen in Belgien. In Belgien war Feldblum Mitglied von Hashomer Hatzair, einer sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation. Nach der Besetzung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg floh die Familie nach Frankreich und ließ sich in Bousquet-d’Orb in der Nähe von Montpellier nieder. Beide Eltern starben im Abstand von acht Monaten in Montpellier. Ihr Bruder und ihre Schwester wurden nach dem Einmarsch der Deutschen nach Frankreich am 12. September 1942 mit dem 31. Transport in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Sie überlebten die Shoa nicht.
Léa Feldblum fand Arbeit als Lehrerin und Erzieherin in einem Kinderheim des internationalen jüdischen Kinderhilfswerks Œuvre de secours aux enfants (OSE) in Palavas-les-Flots und dann in Campestre à Lodève. Für einige Zeit wurde sie in die neue Zentrale der OSE in Chambéry in der italienisch besetzten Zone versetzt. Dann begann sie unter dem nicht jüdisch klingenden Decknamen Marie-Louise Decoste im Kinderheim von Izieu, 80 Kilometer von Lyon entfernt, zu arbeiten.
Izieu, ein kleines Bauerndorf mit rund 200 Einwohnern im Rhonetal, war zunächst italienisch besetzt, nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 von den Deutschen. Die aus Polen stammende jüdische Krankenschwester und Sozialarbeiterin Sabine Zlatin (1907–1996) und ihr Mann Miron Zlatin (1904–1944) hatten dort 1943 einen schon lange leer stehenden Hof und dessen Nebengebäude und Grundstück gemietet, um ein Kinderheim zu gründen, das Haus wurde inoffiziell La Maison d‘Izieu genannt. Das Heim war keine Institution des OSE-Kinderhilfswerks, aber die Organisation förderte jedes der dort lebenden Kinder mit einem Stipendium. Die Mitarbeiter der Unterpräfektur Belley wussten von dem Heim und waren den Menschen dort wohlgesonnen. Von Mai 1943 bis April 1944 wurden in dem Heim insgesamt rund 100 jüdische Kinder aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich, Rumänien und Algerien untergebracht und betreut, deren Eltern von den Nationalsozialisten interniert oder deportiert worden waren.
Dass in dem Haus jüdische Waisen und Halbwaisen lebten, war im Dorf bekannt. Einige ältere Jugendliche besuchten in Belley die Schule. In Briefen des achtjährigen Wiener Jungen Georgy Halpern an seine Eltern, die die Shoah überlebten, ist dokumentiert, dass es den Kindern im Heim gut ging, er berichtete von Spielen und Schlittenfahrten, dem Schulalltag und dem Hund des Heims, Tommy. Dem Vater schrieb er: „Ich wünsche dir ein gutes, glückliches neues Jahr, dass der Krieg bald zu Ende ist und wir alle wieder zusammen sind.“ Die zehnjährige Alice-Jacqueline Luzgart schrieb in einem Brief an ihre Schwester zuversichtlich von ihren Berufs- und Lebensplänen. Der zwölfjährige Jacques Benguigui, einer der drei in Izieu untergebrachten Söhne der späteren Zeugin der Anklage Fortunée Benguigui, schickte seiner Mutter liebevolle Grüße zum Muttertag und teilte ihr mit, er teile den Inhalt ihrer Päckchen, die er per Post erhielt, mit den anderen Kindern. Stanley Meisler von der Los Angeles Times schrieb, der Ton der Briefe erinnere oft an Briefe aus einem Sommerferienlager, aber es wurden auch Briefe gefunden, in denen die Angst der Kinder um ihre Eltern deutlich wurde. Liliane, ein Mädchen, dessen Eltern nach Auschwitz deportiert worden waren, schrieb einen Brief an Gott und bat ihn um Schutz für ihre Eltern.
Paulette Pallarés, eine junge Frau, die im Sommer 1943 in dem Heim als Betreuerin arbeitete, machte viele Fotos vom Leben in Izieu, sie zeigen fröhliche Kindergruppen, meistens in der Natur, auch Léa Feldblum ist auf den erhalten gebliebenen Bildern oft zu sehen.
Henry Alexander, im Sommer 1943 vorübergehend im Kinderheim von Izieu untergekommen, sagte später: „Ich erinnere mich an Léa Feldblum. Ich erinnere mich sehr gut an ihr damaliges Gesicht und daran, dass sie für alle ein bisschen die Mutter war und sich rührend um die Kleinen kümmerte.“Gabrielle Perrier, ehemalige Lehrerin in Izieu, beschrieb ebenfalls Feldblums Kinderfreundlichkeit:„Alle Kinder waren ihre kleinen Freunde, sie liebte sie von Herzen, und die Kinder fühlten genau so für sie. Die Kleinen waren ständig um sie herum, kletterten ihr auf den Schoß. Wenn sie mir neue Kinder vorstellte, streichelte sie ihnen zärtlich über den Kopf.“
Am Morgen des 6. April 1944 (Gründonnerstag) fand eine Razzia durch die Gestapo und eine Abordnung der Deutschen Wehrmacht in dem Heim statt, die Klaus Barbie (1913–1991), SS-Obersturmbannführer und für seine Gewaltexzesse berüchtigter Gestapo-Chef von Lyon, in Auftrag gegeben hatte. Sabine Zlatin hielt sich seit dem 2. April 1944 in Montpellier auf, wo sie Versteckmöglichkeiten für jüdische Kinder zu finden versuchte, da die Gefahr der Deportation deutlich größer war als unter der italienischen Besatzung. Die Abreise der Kinder in Kleingruppen sollte am 11. April 1944 beginnen. Sie selbst wollte am 6. April nach Izieu zurückkehren, wurde aber durch ein Telegramm Marie-Antoinette Cojeans, der Sekretärin der Unterpräfektur Belley, über die Razzia informiert: „Kranke Familie – ansteckende Krankheit.“ Da die Existenz des Heims kein Geheimnis war, ist eher unwahrscheinlich, dass eine Denunziation die Razzia auslöste. Der aus Lothringen stammende in Izieu untergekommene Bauer Lucien Bourdon wurde zwar deshalb verdächtigt und 1947 vor Gericht gestellt, aber es fehlten Beweise.
Am Morgen des ersten Tages der Osterferien fuhren zur Frühstückszeit zwei Lastwagen und ein Auto der Gestapo vor dem Kinderheim vor, um alle Personen festzunehmen, die sich im Haus befanden. Nur der Medizinstudent León Reifman, Bruder von Sarah Lavan-Reifman, der Kinderärztin des Heims, konnte durch einen Sprung durch ein Fenster entkommen und sich bei einer Bauernfamilie verstecken.
Julien Favets, Landarbeiter bei der Bauernfamilie schilderte die Razzia im Barbie-Prozess: „Und als ich in die Lastwagen schaute, fiel mir etwas auf […] Die Älteren, die 10, 12 Jahre alt waren, versuchten, von der Ladefläche des Lastwagens zu springen, und sofort wurden sie von zwei Deutschen wieder hinauf geworfen wie Kartoffelsäcke, wie gewöhnliche Säcke […] Und sobald sie wieder oben waren, trat sie ein anderer mit den Füßen […] Ich sah Herrn Zlatin, den Leiter des Kinderheims, wie er von der Lastwagenbank aufstand und meinem Chef, der an der Tür stand, zurief: „Monsieur Perticoz, kommen Sie nicht heraus, bleiben Sie im Haus! „Dann rammte ihm ein deutscher Soldat sein Maschinengewehr in den Bauch und trat ihm brutal gegen die Schienbeine. Der Maschinengewehrstoß ließ ihn zusammenbrechen und er musste sich in den Lastwagen hinlegen und ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.“ Julien Favets und León Reifman gaben an, bei der Razzia wahrscheinlich Klaus Barbie persönlich gesehen zu haben. Favets sagte, er habe ihn später auf einem Foto erkannt, als gesichert gilt es aber nicht, dass Barbie anwesend war. Es wurde berichtet, Kinder und Betreuer hätten bei ihrem Abtransport in den Lastwagen laut das patriotisch-revanchistische Lied „Vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine“ (deutsch: „Ihr werdet Elsass und Lothringen nicht kriegen“) gesungen.
44 Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 17 Jahren und sieben erwachsene Angestellte des Heims wurden vom 6. bis 7. April 1944 im Gefängnis Montluc in Lyon eingesperrt, ein nichtjüdisches Kind war bereits in Izieu wieder frei gelassen worden. Das Durchschnittsalter der Kinder lag bei 9 Jahren. Im Barbie-Prozess sagte Feldblum aus: „Die Kinder mussten sich auf den Boden kauern und wir Erwachsenen wurden mit den Händen oben an die Wand gefesselt.“ Sie beschrieb, dass die Erwachsenen und älteren Kinder befragt wurden, nicht aber die Jüngeren. Am 7. April wurden die Gefangenen mit der Straßenbahn zum Bahnhof Lyon-Perrache und von dort mit einem zivilen Zug ins Sammellager Drancy gebracht. Léa Feldblum saß in einem Abteil mit den jüngsten Kindern. Sie beobachtete, wie die Jugendlichen Théo Reis und Arnold Hirsch in Handschellen über den Bahnsteig geführt wurden.