Der Kuss oder das Küssen ist ein meist mit dem Mund, selten auch der Nase, ausgeführter ritueller Körperkontakt mit einem Lebewesen oder einem Objekt. Seine Bedeutung ist kulturell und kontextuell sehr unterschiedlich und kann als Ausdruck von Liebe, Freundschaft, Ehrerbietung oder Unterwerfung verstanden werden.
Die wissenschaftliche Erforschung des Kusses nennt man Philematologie (von griechisch φίλημα phílēma „Kuss“).
Küssen beschränkt sich nicht nur auf Primaten. Forscher dokumentierten entsprechendes Verhalten bspw. auch bei Wölfen, Präriehunden, Eisbären und Galapagosalbatrossen. Küssen tritt häufiger bei Arten auf, die mehrere Partnerschaften führen.
Bei Menschen ist Küssen eine Kulturpraxis, die nicht überall verbreitet ist. Eine weltweit durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass von 168 menschlichen Kulturen nur bei 46 % das Küssen verbreitet ist und bei einigen sogar als „eklig“ empfunden wird.
Laut einer Ende 2025 publizierten Studie der Universität Oxford ist Küssen als Teil der soziokulturellen Evolution des Menschen vor 21,5 bis 16,9 Millionen Jahren bei den gemeinsamen Vorfahren der Großaffen (Hominidae) entstanden.
Die älteste künstlerische Darstellung eines Kusses ist rund 11.000 Jahre alt und stammt aus der Levante. Es handelt sich um eine Kalzit-Skulptur, auf der ein menschliches Paar mit sich berührenden Lippen beim Geschlechtsverkehr dargestellt wurde. Verwahrort ist das British Museum in London.
Viele Tiere nehmen Kontakt im Kopfbereich auf, um durch die im Bereich des Mundes vorhandenen Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinne möglicherweise Informationen aufzunehmen, die für Partnerwahl oder andere soziale Interaktion wesentlich sein könnten. Bei vielen Tieren, aber auch einigen noch ursprünglich lebenden Völkern wird von Müttern zudem vorgekaute Nahrung von Mund zu Mund an ihre Kinder weitergegeben. Manche Forscher sehen dies als den biologischen Ursprung des Küssens an.
Gegen die Annahme, der romantisch-sexuelle Kuss sei eine angeborene, universelle menschliche Eigenheit, wurde jedoch eingewandt, dass keineswegs in allen Kulturen und von allen Ethnien geküsst wird.
Einige Forscher gehen davon aus, dass sich das Küssen zuerst in einigen höheren Gesellschaftsschichten etablierte und sich von dort als Statusverhalten nach unten verbreitet hat.
Der griechische Begriff φίλημα ist abgeleitet vom Verb phileīn (altgriechisch φιλεῖν ‚lieben‘). Es hat im Griechischen also ursprünglich kein eigenes Wort für den Kuss gegeben.
In der Literatur der Antike ist bei Homer der Kuss als Zeichen starker Empfindung beim Abschied, bei der Begrüßung und der Bitte belegt, aber noch nicht auf den Mund. Der Liebeskuss ist erst später bezeugt, beispielsweise bei Aristophanes.
Die alte christliche Kirche kannte den Friedenskuss als Zeichen einer vollständigen Versöhnung. Ivan Illich beschreibt die frühchristliche Praxis: „Diese Menschen kamen zu einer Feier zusammen, die zwei Höhepunkte hatte: einer war die conspiratio (…) mit der Bedeutung von spiritus, Geist, der höchsten Form der Innerlichkeit. Diese conspiratio kam im Mund-zu-Mund-Kuss, dem osculum zum Ausdruck. (…) Das osculum benutzte man [im Römischen Reich] nur als Rechtsmittel. (…) Die Christen übernahmen die Symbolik als Zeichen, dass jeder der Anwesenden um den Esstisch von seinem eigenen Geist, vom Heiligen Geist, der allen gemeinsam war, einen Beitrag dazu leistete, eine spirituelle Gemeinschaft zu schaffen, eine Gemeinschaft aus einem Geist. Dann setzten sie sich hin und teilten miteinander das Mahl. Dieser einfache Esstisch war die zentrale liturgische Zeremonie, bei der die ecclesia, das Zusammenrufen – das bedeutet das Wort – Leib und Seele bekam. (…) Im 4. Jahrhundert (…) war eine körperliche Berührung dieser seltsamen Art bereits suspekt, und man änderte ihren Namen in osculum pacis und schließlich in pax allein.“
In den orthodoxen Ostkirchen ist noch heute der Osterkuss üblich.
Nach Mt 26,48ff verriet der von Jesus von Nazaret berufene Apostel Judas Iskariot diesen an die von den Hohenpriestern ausgesandte Truppe mit einem Kuss, der als Erkennungszeichen vorher verabredet worden war. Daher bezeichnet man heute einen geheuchelten Kuss oder eine andere derartige Geste, hinter der sich statt Freundschaft Feindschaft und böse Absicht verbergen, als „Judaskuss“ oder „Todeskuss“.
Dies spiegelt sich wider in Kriminalfilmen und Erzählungen mit Mafia-Hintergrund, in denen ein Kuss als Todesdrohung verwendet wird, siehe Der Todeskuß, Kiss of Death und Der Pate.
Im Mittelalter hatte der Kuss große Bedeutung: Er besiegelte die Abhängigkeit zwischen Lehnsherren und Untergebenem. Auch der Verlobungskuss hatte damals rechtlich bindende Wirkung.
Auch der Zungenkuss war im Mittelalter bekannt, allerdings handelte es sich „im Mittelalter nur [um] eine seltene Form des Liebesspiels“. Der Zungenkuss war zudem „für die meisten Christen negativ konnotiert, einerseits durch die kirchliche Einstellung zur sexuellen Lust an sich tabuisiert, andererseits mit dem Verhalten von Ehebrecherinnen und Dirnen assoziiert und schließlich sogar als ketzerisch gebrandmarkt“.
Als Küsschen oder Busserl (Bussi) bezeichnet man einen Kuss mit fast geschlossenen Lippen auf die Wangen oder auch Lippen des Gegenübers. Wird er auf die Wange oder auch nur mit dem seitlichen Mundrand an die Wange gegeben, kann er auch Wangenkuss, Wangenküsschen oder – besonders wenn er nur angedeutet ist – Akkolade heißen. Bei Küsschen auf den Mund werden die Lippen etwas nach außen gewölbt, um eine größere Lippenfläche für den Kusspartner bereitzustellen. Oft werden solche Küsse auch unter engen Freunden und Verwandten praktiziert, auch als „Gutenachtkuss“.