Kurt Ivo Theodor Huber (* 24. Oktober 1893 in Chur; † 13. Juli 1943 in München) war ein deutscher Musikwissenschaftler, insbesondere Volksmusikforscher, Philosoph, Psychologe und intellektueller Widerstandskämpfer der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen das nationalsozialistische Regime.
Kurt Huber wurde 1893 im schweizerischen Chur geboren. Seine ältere Schwester Paula (1888–1968) wurde Fürsorgerin. 1896 zog die Familie nach Stuttgart, wo Kurt Huber seine Schulzeit verbrachte. Sein Abitur legte er am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium ab.
Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1911 ließ sich die Mutter mit ihren Kindern in München nieder. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität studierte er Musikwissenschaft mit Philosophie als Nebenfach. 1917 wurde er promoviert. Für seine Dissertation über den Renaissance-Musiker Ivo de Vento erhielt er die Auszeichnung „summa cum laude“. Nach der Promotion studierte er auch Psychologie.
1920 wurde Huber in Psychologie habilitiert. 1926 wurde er außerordentlicher Professor an der Münchner Universität. Lehraufträge für Psychologie und Methodenlehre boten ihm eine bescheidene existenzielle Sicherung. 1929 heiratete er die 15 Jahre jüngere Clara Schlickenrieder. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, die Tochter Birgit (1930–2012) und der Sohn Wolfgang (* 1939), der Germanist wurde.
Sein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt war die Musikwissenschaft. Sein besonderes Interesse galt dabei der Volksliedforschung, die ihn mit Carl Orff und dem Kiem Pauli, einem bekannten Volkssänger und Musikanten in Bayern, zusammenführte. Auf Veranlassung von Huber und dem Kiem Pauli wurde zum Beispiel 1930 das erste oberbayerische Preissingen im Gasthaus Überfahrt in Egern durchgeführt, bei dem Volksmusikgruppen aus ganz Bayern und Tirol auftraten. Kiem Pauli und Huber haben weithin in Vergessenheit geratenes Liedgut in Bayern wiederentdeckt und für das wiedererstehende Volksliedsingen erschlossen.
Huber war Mitherausgeber des ab 1931 geplanten Niederbairischen Liederbuches.
Durch seine Veröffentlichungen über Musikpsychologie, Musikästhetik und vokaltheoretische Forschungen gewann Huber zunehmend Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt. So erhielt er im Jahr 1937 einen Ruf durch das Preußische Kulturministerium nach Berlin. Dort baute er das Volksmusikarchiv auf. Ihm wurde auch versprochen, er dürfe an der Hochschule musikwissenschaftliche Vorlesungen halten. Das Versprechen wurde aber nicht eingelöst, da er sich weigerte, für den NS-Studentenbund (und für die Hitlerjugend) Kampflieder zu komponieren. Daraufhin kehrte er mit seiner Familie nach München zurück, wo er 1938 eine Professur an der Universität übernahm.
Im Dezember 1942 suchten die oppositionellen Studenten Hans Scholl und Alexander Schmorell den persönlichen Kontakt zu Kurt Huber, den sie als Dozenten bereits aus dessen Philosophie-Vorlesung sowie von privaten Zusammenkünften von Münchner Regimegegnern kannten. Gemeinsam schrieben sie nach vielen Gesprächen im Januar 1943 das fünfte Flugblatt „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ Mit dieser offenen Selbstbeschreibung als Widerstandskämpfer wich der Text von dem eher unpolitischen Signum „Die weiße Rose“ ab, unter dem der kleine Kreis junger Studenten seit Mitte 1942 zum Widerstand gegen das NS-Regime aufgerufen hatte.
Am 13. Januar 1943 kam es bei der Gedenkfeier zum 470. Jahrestag der Universitätsgründung zu massiven Protesten von Studenten, darunter befanden sich viele kriegsverletzte Soldaten, gegen beleidigende und obszöne Auslassungen des als Festredner erschienenen Münchner Gauleiters Paul Giesler. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse sowie angesichts des Untergangs der 6. Armee in Stalingrad und der sich damit abzeichnenden militärischen Katastrophe glaubte die Gruppe an die Chance und die Notwendigkeit, den Widerstand gegen die Herrschaft Adolf Hitlers und der NSDAP mit aufrüttelnden Worten voranzutreiben.
Huber entwarf das sechste, zuletzt verbreitete Flugblatt „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“. Darin rief er mit patriotischer Emphase zur „Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser deutsches Volk je erduldet hat“, auf. Aus dem Textentwurf strichen Hans Scholl und Alexander Schmorell folgenden Passus:
Dieses Flugblatt wurde der Gruppe zum Verhängnis. Nachdem nicht alle Exemplare verschickt werden konnten, wurde beschlossen, die übrig gebliebenen Flugblätter an der Münchner Universität zu verteilen. Am 18. Februar 1943 legten die Geschwister Scholl die Blätter an der Universität aus und warfen den Rest von der Empore in den Lichthof. Dabei wurden sie vom Hausmeister Jakob Schmid entdeckt, festgehalten und an die Gestapo ausgeliefert. Am 22. Februar wurden die Geschwister Scholl und Christoph Probst hingerichtet.
Am 27. Februar wurde Huber verhaftet. Im März entzog ihm der Rektor der Universität Walther Wüst die Doktorwürde. Er habe sich, so seine Begründung, als unwürdig erwiesen, eine akademische Würde zu tragen.
Am 19. April 1943 fand in München der zweite Prozess gegen Mitglieder der Weißen Rose vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler statt. Angeklagt waren Kurt Huber, Wilhelm Graf, Alexander Schmorell und weitere elf Personen. Huber bekannte sich in seiner Verteidigungsrede zu seinen Überzeugungen. Er sagte: „Als deutscher Staatsbürger, als deutscher Hochschullehrer und als politischer Mensch erachte ich es als Recht nicht nur, sondern als sittliche Pflicht, an der politischen Gestaltung der deutschen Geschicke mitzuarbeiten, offenkundige Schäden aufzudecken und zu bekämpfen.“ Er forderte „die Freiheit für unser deutsches Volk zurück“, er forderte eine Rückkehr zu „klaren sittlichen Grundsätzen“ und zum Rechtsstaat. Huber, Graf und Schmorell wurden zum Tode verurteilt. Zehn Angeklagte erhielten Haftstrafen, ein Angeklagter wurde freigesprochen.
Am 13. Juli 1943 wurden Huber und Schmorell im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet. Am Tag der Hinrichtung hatte Huber einen Abschiedsbrief an seine Familie geschrieben, in dem es unter anderem hieß: „Freut Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland sterben, für ein gerechtes und schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird.“ Er sterbe im „Kampf um ein neues Deutschland“. Graf wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet, ebenfalls durch das Fallbeil.
Die sterblichen Überreste Kurt Hubers wurden in einem Familiengrab auf dem „Waldfriedhof Alter Teil“ in München-Hadern beigesetzt (Grabnummer 21-W-22, ).
Verhältnis zum Nationalsozialismus
Hubers Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl wurde seit 1933 durch die nationalsozialistische Hochschulpolitik verhindert. Begründet wurde dies mit dem Argument, dass Kurt Huber eine körperliche Behinderung durch eine Nervenerkrankung mit Lähmungsfolgen in der Kindheit hatte. Der eigentliche Grund waren politische Denunziationen, unter anderem durch Herbert Gerigk, der in einem Schreiben an den Reichsstudentenführer vom 19. November 1936 schrieb: „Hubers Bindungen zum Katholizismus und sogar eine ausgesprochen parteifeindliche Haltung sind eindeutig erwiesen.“ Nach einer Beurteilung vom 18. Januar 1940 durch das NSDAP-Gauamt München galt Huber zwar weiterhin als „bedenklich“, aber nicht ablehnenswert. Daraufhin stellte Huber am 15. Februar 1940 einen Antrag auf die Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde am 1. April 1940 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.282.981). Nach seiner Verhaftung Ende Februar 1943 wurde er am 3. April 1943 aus der Partei ausgestoßen.
Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Emmerich nennt Hubers Position gegenüber dem Nationalsozialismus unpolitisch, hilflos und unangemessen. Laut Emmerich war Huber ein Beispiel dafür, dass sich mutiger Widerstand gegen das NS-Regime und ein Bekenntnis zur völkischen Ideologie keineswegs ausschließen. So zeige die Vorrede in Hubers postum veröffentlichter Sammlung Volkslied und Volkstanz eine unverkennbare Nähe zum Nationalsozialismus, und noch in seinem Schlusswort vor dem Volksgerichtshof habe er sich auf das „gesunde Volksempfinden“ berufen.