Kurt Hesse (* 6. Dezember 1894 in Kiel; † 19. Januar 1976 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Offizier, Militärschriftsteller und Ökonom.
Hesse wurde Anfang der 1920er Jahre durch verschiedene Publikationen, insbesondere durch seine Schrift Der Feldherr Psychologos. Ein Suchen nach dem Führer der deutschen Zukunft (1922), bekannt. Darin versuchte er, Lehren aus der angeblich mangelnden Führung und unzureichenden Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges zu ziehen, um einen kommenden Krieg gewinnen zu können. Der Name, den er sich dadurch machte, ebnete ihm in der Zeit des Nationalsozialismus den Weg zu einer einflussreichen Stellung innerhalb der Wehrmachtpropaganda.
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges leitete Hesse ab Herbst 1939 die Abteilung Heerespropaganda innerhalb der Amtsgruppe für Wehrmachtpropaganda des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Zudem war er an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Dozent für Kriegsgeschichte, ab 1940 als außerplanmäßiger Professor. Seine Funktion als Leiter der Abteilung Heerespropaganda musste er im März 1941 nach einem Konflikt mit Propagandaminister Joseph Goebbels abgeben. Er wurde in sein früheres Amt als Referent der Heeresbildungsinspektion (HBI) beim Oberkommando des Heeres (OKH) zurückversetzt und erreichte im Oktober 1941 seinen höchsten Dienstgrad, den eines Obersten.
Nach dem Krieg leitete Hesse von 1949 bis 1951 ein Referat in Ludwig Erhards Wirtschaftsministerium. Danach war er Dozent für Wirtschaftswissenschaften, erst an der Akademie für Welthandel in Frankfurt, dann an der Universität Marburg, die ihn zum Honorarprofessor für ausländische Wirtschaftsfragen ernannte. Hier lehrte und publizierte er insbesondere zur wirtschaftlichen Situation der Entwicklungsländer und zur Entwicklungshilfe. Hesse hatte von den 1920er bis in die 1960er Jahre Einfluss auf die geistige Orientierung des Offiziersnachwuchses in Reichswehr, Wehrmacht und der Bundeswehr, in der er sich aber nicht gegen Generäle wie Wolf von Baudissin durchsetzen konnte, die eine demokratische Orientierung nach dem Prinzip der Inneren Führung vertraten.
Ausbildung, Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, publizistisches Wirken
Kurt Hesse war der Sohn des Architekten Walter Hesse und dessen Ehefrau Emma, geborene Mooshake. Er besuchte humanistische Gymnasien in Magdeburg, Berlin und Potsdam. Nach dem Ablegen der Abiturprüfung 1913 trat er in die Preußische Armee ein und nahm ab August 1914 als Leutnant im Grenadier-Regiment „König Friedrich I.“ (4. Ostpreußisches) Nr. 5 in Ostpreußen am Ersten Weltkrieg teil. Die in der Schlacht bei Gumbinnen erlebte Panik von Einheiten des XVII. Armee-Korps soll die Motivation für seine spätere Tätigkeit als Militärschriftsteller geschaffen haben. Ab Herbst 1915 nahm er an den Kämpfen in Frankreich an der Somme, der Vimy-Höhe, der Siegfriedlinie, bei St. Quentin und an der Arrasfront sowie in Flandern teil. Später war er Kompanieführer sowie Regimentsadjutant unter dem Kommandeur Oberstleutnant Erwin von Witzleben. Bis Kriegsende wurde Hesse mehrfach verwundet und erwarb hohe militärische Auszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, den Hohenzollerschen Hausorden mit Schwertern und aufgrund seiner fünf im Krieg erlittenen Verwundungen das Goldene Verwundetenabzeichen. Im September 1917 wurde er zum Oberleutnant befördert.
Nach dem Krieg blieb Hesse im Militärdienst und studierte von 1921 bis 1924 als Angehöriger der Reichswehr Volkswirtschaft, Geschichte und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er 1924 mit einer Studie zu den militärischen Rüstungen der europäischen Mächte promoviert wurde. Schon ab Kriegsende und später parallel zu seinem Studium publizierte er militärpolitische Schriften in hoher Auflage. Darin beschwor er Klaus Naumann zufolge das Leitbild des „politischen Soldaten“. Erreicht werde sollte ein Selbstverständnis vom „Soldatenberuf“, das über die unpolitischen Kompetenzen des Planers und Gefechtskundigen in Uniform hinausging, ein „neuer Soldat“, der im Zentrum der Schnittstelle von deutschem Staat, Reich und Nation steht. Hesse gehörte zu den Begründern und langjährigen Mitarbeitern der von 1920 bis 1944 bestehenden Militärfachzeitschrift Wissen und Wehr. Dort schrieb er zu Themen wie Technik und Waffenwirkung, Kriegswirtschaft und wehrpsychologischen Fragen. Er war Mitglied der diese Zeitschrift herausgebenden Deutschen Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaften, in deren Rahmen er sich mit Untersuchungen moralischer und ökonomischer Probleme moderner Kriegführung profilierte.
Schriften Feldherr Psychologos und Von der nahen Ära der „Jungen Armee“
Sein 1922 erschienener Band Der Feldherr Psychologos. Ein Suchen nach dem Führer der deutschen Zukunft gilt als prototypischer Versuch, aus der angeblich mangelnden Führung und unzureichenden Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges Lehren zu ziehen, um einen kommenden Krieg zu gewinnen. Dieses Werk sicherte ihm später eine einflussreiche Stellung innerhalb der Wehrmachtpropaganda. Darin beschwor Hesse die Notwendigkeit eines „Führers“, um die psychischen Ressourcen der Soldaten zu bündeln. In Anlehnung an Gustave Le Bons Hauptwerk Psychologie der Massen sowie Carl von Clausewitz’ Lehren und eigenen wehrpsychologischen Überlegungen versuchte er, die Bedeutung psychologischer Faktoren für den idealen militärischen Führer und dessen Verbindung zur „Masse“ zu bestimmen. Hesse schrieb: Wilhelm Deist, langjähriger leitender Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, betont, neben der „visionären […] zutreffenden Charakterisierung der künftigen Entwicklung“ sei „bemerkenswert, wie bei Hesse das zunächst ganz auf den Soldaten, die Armee bezogene Problem der Motivation und Disziplin eine die Nation umfassende Lösung erfährt“. Hesse erachte in dieser Schrift „eine[n] charismatischen Führer des Volkes“ als entscheidende Größe für die aus seiner Sicht notwendige Militarisierung von Nation und Gesellschaft, die für eine Erfolg versprechende Kriegführung erforderlich sei. Letztlich habe im Nationalsozialismus dann der „‚Führer‘ die Funktion des Feldherrn Psychologos [übernommen], wie Hesse sie charakterisiert hatte“.
Im Juli 1924 schied Hesse für ein Jahr aus dem Militär aus, um zunächst zusammen mit dem späteren Widerstandskämpfer Henning von Tresckow eine Weltreise zu machen. Zudem wollte er sich mehr auf die Publikation seiner Militärschriften konzentrieren. In seinen Memoiren Der Geist von Potsdam schreibt Hesse, über diese unvergessliche gemeinsame Weltreise hinaus sei er mit von Tresckow freundschaftlich, mit großer gegenseitiger Hochachtung verbunden gewesen.
In seiner Schrift Von der nahen Ära der „Jungen Armee“ (1925) proklamierte Hesse eine Reform der Armee auf dem Gebiet der Erziehung, Bildung und Ausbildung. Diese solle sich zum einen stärker vom Pazifismus absetzen, der als „zersetzend“ entschieden zu bekämpfen sei. Zum anderen solle eine Erneuerung der Wehrpädagogik durch Fokussierung auf die herausragende Bedeutung des militärischen Kampfes angestrebt werden. Hesse entfaltete hier das Bild eines den „Wehrgedanken“ als „politische Weltanschauung“ vertretenden „Berufssoldatentums“, das begreifen müsse, dass Kriege „heute nicht mehr alleine eine Sache des operativ-technischen Denkens“ seien, sondern mit an der „Heimatfront“, der Verbindung von Soldaten und Volk, entschieden würden. Nach dem Historiker Wolfram Pyta hingegen steht nicht „kritikloser Glaube an das vermeintliche Genie militärischer Führer […] im Mittelpunkt der Analyse“, sondern die Förderung der „Persönlichkeitsbildung“ des Soldaten und dessen kognitiver Schulung im Zentrum dieser Schrift. Pyta bezieht sich dabei auf die darin enthaltene Forderung Hesses, es gehe darum „nicht nur kämpfen mit technischen Mitteln, auch darin denken“. Hesses Schriften wurden nicht nur viel gelesen und diskutiert, sondern auch in den einschlägigen Militärzeitschriften hoch gelobt und für das Standardwerk des Reichsarchivs über den Ersten Weltkrieg ausgewertet.