Kurt Gerron (eigentlich Kurt Gerson) (11. Mai 1897 in Berlin – 30. Oktober 1944 im Konzentrationslager Auschwitz) war ein deutscher Schauspieler, Sänger und Regisseur. Er wurde als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt, interniert und ermordet.
Jugend und Teilnahme am Ersten Weltkrieg
Gerron war das einzige Kind des wohlhabenden jüdischen Kaufmannes Max Gerson und dessen Ehefrau Toni, geb. Riese. Geboren wurde er in der elterlichen Wohnung in der Cuxhavener Straße 4 im Berliner Hansaviertel. Nachdem er mit 17 Jahren das Abitur abgelegt hatte, wollte er Medizin studieren, musste jedoch stattdessen zunächst als Frontsoldat in den Ersten Weltkrieg ziehen. Durch eine schwere Verletzung wurde er kampfuntauglich und konnte nun sein Studium beginnen, das aber verkürzt wurde, damit man ihn wiederum in den Krieg schicken konnte, diesmal als Lazarettarzt.
Die Anfänge: Theater, Stummfilm, Kabarett
Nachdem er während seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg mehrfach verwundet worden war und später seine Arbeit als Arzt aufgegeben hatte, wandte er sich 1920 der Schauspielerei zu. Ohne einen speziellen Unterricht genossen zu haben, debütierte er in dem kleinen Kabarett, wo ihn Trude Hesterberg entdeckte. Zur Eröffnung der Wilden Bühne stand Gerron neben Bertolt Brecht, Joachim Ringelnatz und Walter Mehring auf dem Programm. Von 1920 bis 1925 war er unter anderem an den Berliner Reinhardt-Bühnen engagiert. Daneben trat er in Revuen und Kabaretts auf. Der Kritiker Pem charakterisierte den Kabarettisten 1926 wie folgt:
Seit den frühen 1920er-Jahren war Gerron auch in Nebenrollen im Stummfilm zu sehen. Durch seine Kriegsverletzung, die eine physiologische Erkrankung nach sich zog, litt er an zunehmendem Übergewicht. Seine dadurch massige und äußerlich grotesk wirkende körperliche Erscheinung trug maßgeblich dazu bei, dass er zu seinem Leidwesen nur für undurchsichtige oder fragwürdige Charaktere besetzt wurde.
1928 gründete er gemeinsam mit Siegfried Arno die Beef-Steak Filmgesellschaft, die nur zwei Filme herstellte.
Ab 1926 führte Gerron zusätzlich Regie und setzte sich ab 1931 auch im Tonfilm durch. Berühmt wurde er durch seine Darstellungen und Gesangsvorträge in der 1928 sensationell erfolgreich uraufgeführten Dreigroschenoper von Bert Brecht und Kurt Weill. Er spielte darin den Schausteller, der Die Moritat von Mackie Messer vortrug, sowie die Rolle des Londoner Polizeichefs „Tiger Brown“.
Im Jahr 1929 wurde Kurt Gerron zum Vorstandsmitglied der neu gegründeten Vereinigung Berliner Bühnenkünstler gewählt.
Gerrons heute wohl bekannteste Rolle ist die des Zauberkünstlers Kiepert in Josef von Sternbergs Der blaue Engel zusammen mit Marlene Dietrich (1930). Außerdem wirkte er neben Willy Fritsch in der Filmoperette Die Drei von der Tankstelle (1930) mit, die für den noch unbekannten Heinz Rühmann den Durchbruch im Filmgeschäft bedeutete, und übernahm anschließend die Rolle des Kommissars in dem Film Einbrecher (1930). Letzteres erneut neben Rühmann sowie Fritsch, mit dem er zwei Jahre später, wiederum als Regisseur, auch die Filmkomödie Ein toller Einfall (1932) umsetzte.
Gute Kritiken erhielt Gerron auch als Regisseur beliebter Filme wie Es wird schon wieder besser mit Heinz Rühmann oder Der weiße Dämon mit Hans Albers. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde Gerron gezwungen, seine Regiearbeit an dem UFA-Film Kind, ich freu’ mich auf Dein Kommen (1933) aufzugeben. Die Hauptdarstellerin des Films erinnerte sich noch Jahrzehnte später daran, wie Kurt Gerron während der Dreharbeiten als sogenannter Nichtarier des Studios verwiesen wurde:
Bis 1933 hatte Kurt Gerron in über 60 Filmen mitgewirkt.
Mit seiner Frau Olga, geb. Meyer, und seinen Eltern Max und Mally Gerron floh er 1933 nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ nach Paris, von da über Österreich und Italien nach Amsterdam. Nach der Besetzung der Niederlande spielte Gerron noch eine Weile an der Hollandsche Schouwburg, die nun „Joodsche Schouwburg“ hieß, bis das gesamte Ensemble in das KZ Theresienstadt deportiert wurde.
Er führte Regie für die deutsche und die niederländische Synchronfassung von Walt Disneys ersten abendfüllendem Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge. In der deutschen Fassung sprach er den Zauberspiegel sowie zwei Zwerge. Diese erste Synchronfassung wurde in Deutschland allerdings erst ab 1950 gezeigt und lagert seit Veröffentlichung der zweiten Synchronfassung von 1966 im Disney-Archiv. Wie alle Erstsynchronisationen so wurde auch diese bislang nicht wieder veröffentlicht.
1943 wurden Gerron und seine Familie in das niederländische Durchgangslager Westerbork deportiert, Ende Februar 1944 dann ebenfalls nach Theresienstadt.
Gerrons Freunde Peter Lorre und Marlene Dietrich hatten noch versucht, ihn rechtzeitig nach Hollywood zu holen. Doch Gerron lehnte ab, wohl, weil ihm die deutsche Sprache zum Arbeiten notwendiges Handwerkzeug war. Möglicherweise hoffte er auch auf einen Umschwung in Deutschland, wie viele der Juden, die nicht weiter als in die benachbarten Niederlande emigrierten.
In Theresienstadt erkannte ein SS-Mann Gerron, der in dem NS-Propagandafilm Der ewige Jude als Beispiel für einen „minderwertigen Juden“ vorgeführt worden war, und schlug den ihm arglos Entgegentretenden brutal zusammen. Später agierte Gerron auf der Bühne des von ihm gegründeten Ghetto-Kabaretts „Karussell“.
Im August 1944 wurde Gerron von der SS gezwungen, den vorgeblich dokumentarischen Film Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet unter Aufsicht des Lagerkommandanten Karl Rahm zu inszenieren. Dieser Film wurde auch unter dem Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt bekannt.