An diesem Tag

Krimkrieg

Militärisch ausgetragener Konflikt um die Halbinsel Krim

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Der Krimkrieg (auch Orientkrieg; russisch Восточная война, Крымская война Wostotschnaja woina, Krymskaja woina) war ein von 1853 bis 1856 dauernder militärischer Konflikt zwischen dem Russischen Reich einerseits und dem Osmanischen Reich sowie dessen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und seit 1855 auch Sardinien-Piemont andererseits. Er begann als zehnter Russisch-Türkischer Krieg, in den die westeuropäischen Mächte eingriffen, um eine Gebietserweiterung Russlands auf Kosten des geschwächten Osmanischen Reichs zu verhindern. An Verlusten werden auf Seiten der Alliierten rund 220.000, auf russischer Seite 450.000 angegeben.

Der Krimkrieg wird als der erste „moderne“ und der erste „industrielle“ Krieg angesehen. Bei der Belagerung Sewastopols kam es zum ersten Stellungskrieg der Moderne und zum ersten Grabenkrieg in großem Stil. Es war mehr ein Krieg der Maschinen, Logistik und Industriepotentiale und weniger der Feldherrnkunst. Vor Sewastopol lieferten sich die Beteiligten die erste Materialschlacht der Geschichte. Mitbedingt durch neue technische Entwicklungen war dieser militärisch ausgetragene Konflikt besonders verlustreich, wobei die meisten Opfer einerseits und vor allem an Hunger, Durst, Seuchen, Krankheiten und infolge unsachgemäßer Wundbehandlung starben, andererseits durch Technisierung und modernisierte Waffensysteme. Der Krimkrieg ist, bedingt durch die damals offensichtlich schlechte Versorgung, eng verknüpft mit der einsetzenden Reform des britischen Lazarettwesens und in diesem Zusammenhang mit der weltberühmt gewordenen Krankenschwester Florence Nightingale. Da die Telegrafie es erstmals ermöglichte, Nachrichten innerhalb weniger Stunden von entlegenen Kriegsschauplätzen in die Hauptstädte Westeuropas zu übermitteln, und weil schon durch die neuen Bildmedien wie die neu aufgekommene Drucktechnik (Lithographie) und Presseillustration vom Kriegsgeschehen zeitnah bebildert berichtet werden konnte, gilt der Krimkrieg als Geburtsstunde der modernen Kriegsberichterstattung. Die noch in den Kinderschuhen befindliche Fotografie war für das Militär und das obere Bürgertum der damaligen Zeit erstmals eine nutzbare Informationsquelle.

Der Krieg wurde nicht mit Riesenheeren und Beteiligung von Massen geführt, wie es in den Kriegen nach der Französischen Revolution üblich geworden war, sondern eher im Stil des Ancien Régime mit begrenzten Militär-Expeditionen in überschaubaren Größenordnungen, vergleichbar mit einem Kabinettskrieg des 18. Jahrhunderts. Allerdings fiel das für Kabinettskriege typische Merkmal der Nichtbeteiligung der Öffentlichkeit weg, da der Krimkrieg der erste europäische „Medienkrieg“ war und auch Elemente eines Nationalkriegs mit nationaler Begeisterung vorhanden waren. Schlachten wurden weiterhin von Feldherrenhügeln überblickt und gelenkt. Der Krieg hatte den für die Schlachtenmalerei bedeutenden Charakter des Schauspiels mit herausgehobenen Akteuren noch nicht verloren. Die Bildungsschichten des Zarenreiches empfanden die Niederlage als „nationale Schmach“, und bei den Bevölkerungen der Alliierten wurde eine durch die Medienberichterstattung befeuerte, starke Identifikation der Heimat mit den kämpfenden Truppen empfunden. Mit der Eroberung Sewastopols im September 1855 war der Krieg faktisch schon entschieden. Alle beteiligten Mächte, das Königreich Sardinien ausgenommen, hatten nur geringe Teile ihrer Militärmacht direkt eingesetzt.

Der Krieg war in Europa zwischen den Napoleonischen Kriegen (bis 1815) und dem Ersten Weltkrieg (ab 1914) von herausragender Bedeutung und störte das europäische Gleichgewicht der Pentarchie erheblich, obwohl er oberflächlich den Status quo bestätigte. Russland war weitgehend isoliert, während Frankreich sich wieder eindeutig als gleichrangige Großmacht neben den anderen sehen konnte. Die auf Existenzsicherung bedachte Haltung und undurchsichtige Diplomatie der Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn führte zu deren politischer Isolation und schädigte ihre zuvor guten Beziehungen zu Russland nachhaltig.

Alle für diesen Krieg gefundenen Benennungen erscheinen bei genauerer Betrachtung zu kurz gegriffen: Die westliche Bezeichnung „Krimkrieg“ – mit der Verortung nach seinem Haupt-Kriegsschauplatz der Halbinsel Krim – wird seiner weltumspannenden Ausmaße und seiner großen Bedeutung für Europa, Russland und Orient nicht gerecht. Der in Russland verwendete Name „Orientalischer Krieg“ verknüpft ihn zumindest mit der Orientalischen Frage, welche sich auf die Bereiche Balkan bis Jerusalem und Konstantinopel bis Kaukasus lokalisieren lässt. Der Zerfall des Osmanen-Reiches schuf internationale Probleme. Die Betitelung als ein weiterer „Türkisch-Russischer Krieg“, wie sie sich in vielen türkischen Quellen findet, berücksichtigt die massive Beteiligung des Westens nicht. Der Krimkrieg kann als Vorform des Ersten Weltkrieges angesehen werden. Ein dazu vergleichbarer Flächenbrand als Folge einer aktiveren Beteiligung von Preußen und Österreich war im Bereich des Möglichen. Die dazu benötigten, vergleichbaren Voraussetzungen in Waffentechnik, Industrialisierung und Motivationen existierten bereits. Globale Dimensionen der Kämpfe waren ebenfalls vorhanden. Diese begannen auf dem Balkan, verlagerten sich in den Kaukasus und von dort auf die anderen Schwarzmeergebiete. Als Russland ein feindliches Bündnis von Österreich mit Großbritannien und Frankreich drohte, verlagerten sich die Kampfhandlungen auf die Krim. Dazu kommen aber von Beginn an noch Krieg in der Ostsee, bis hin zu Planungen der Royal Navy, die Hauptstadt Sankt Petersburg zu bombardieren, das Weiße Meer als Kriegsgebiet, an dessen Küste das Solowezki-Kloster beschossen wurde, und die Pazifikküste Sibiriens als weiterer Schauplatz. Mehr oder weniger indirekt beteiligt am Krieg waren, im Gegensatz zu den fünf Hauptparteien, die Länder Österreich und Preußen, dazu neutral gebliebene Staaten wie Schweden, Griechenland, Spanien, Portugal und der Deutsche Bund.

Die Art der Kriegsführung nahm bereits eine teilweise industrialisierte Form an und beutete erstmals alle gesellschaftlichen Ressourcen umfassend aus. Sprenggranaten, Dampfschiffe, Unterwasserminen mit Fernzündung, Gewehre mit gezogenem Lauf kamen zum Einsatz. Die Briten bauten eine Eisenbahn für rein militärische Zwecke. Die Kämpfe im Kaukasus, auf dem Balkan und der Krim wurden außerdem von organisierten ethnischen Verfolgungen und Massakern an der Zivilbevölkerung begleitet. Vor diesem Hintergrund wird von einem ersten „Totalen Krieg“ gesprochen. Dieser Krieg war bei allem Massensterben nicht blutiger als andere davor, aber er hat in seinem Verlauf erstmals alle Zweige menschlichen und staatlichen Seins an sich gerissen, durch immer planvolleren und totalen Einsatz aller geistigen, wirtschaftlichen und technischen Machtmittel.

Zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Ausbruch des Krimkriegs 1853 gab es eine längere Periode, in der die Großmächte Russland, Großbritannien, Frankreich, Österreich und Preußen es vermieden, gegeneinander Krieg zu führen. Sie bildeten vielmehr einen als „Europäisches Mächtekonzert“ beschriebenen Verbund.

Der Krimkrieg entstand, so der Historiker Jürgen Osterhammel, weniger zielstrebig als später der Sardinische Krieg oder die deutschen Einigungskriege nach einer Kette von diplomatischen Fehlern, Missverständnissen und Feindvorstellungen. In den unterschiedlichsten Systemen, sowohl im autokratischen Russland wie im liberaleren Großbritannien, seien Kriegsförderer am Werk gewesen, in Russland zum Beispiel ein „schlecht informierter“ Zar und in Frankreich „ein politischer Hasardeur“. Allerdings gab es auch „eine Logik geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen“. Im Kern war es ein Konflikt der beiden Mächte Großbritannien und Russland, die in Asien Interessen hatten, und er offenbarte die militärische Schwäche beider. „Erstmals seit 1815 wurde Krieg soweit in Kauf genommen, dass er tatsächlich geschah.“

Mehrere Unabhängigkeitsbewegungen, darunter in Ägypten unter Muhammad Ali Pascha, schwächten in den 1830er Jahren das Osmanische Reich. Im Jahre 1833 hatten ägyptische Truppen unter Ali Pascha Syrien erobert und bedrohten Konstantinopel. Daraufhin bildete der russische Zar eine Allianz mit dem türkischen Sultan und entsandte Truppen, was Großbritannien alarmierte, da dies aus ihrer Sicht einen Versuch der Landmacht Russland darstellte, militärstrategischen Zugang zum Mittelmeer zu erlangen.

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