An diesem Tag

Krieg um Bergkarabach 2020

Bewaffneter Konflikt im Kaukasus

Anúncio

Der Krieg um Bergkarabach 2020, teils auch 44-Tage-Krieg genannt, war eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Streitkräften Armeniens und denen der Republik Arzach auf der einen Seite und den Streitkräften Aserbaidschans auf der anderen Seite, die im Juli 2020 begann und vier Monate später mit einem Sieg Aserbaidschans endete. Sie ist Teil des Konflikts um die Region Bergkarabach, wo sich 1991 die Republik Arzach für unabhängig erklärte und einen Krieg gegen Aserbaidschan 1994 mit armenischer Unterstützung gewann, international jedoch nicht anerkannt wurde.

Die Kämpfe begannen im Juli 2020 an der gemeinsamen armenisch-aserbaidschanischen Staatsgrenze nordwestlich von Bergkarabach, wobei sich beide Seiten gegenseitig der Eskalation beschuldigten. Im Anschluss kam es zu weiteren Kämpfen und Zwischenfällen an der gemeinsamen Grenze sowie an der Waffenstillstandslinie zwischen Aserbaidschan und der Republik Arzach. An der Waffenstillstandslinie eskalierten die Kämpfe am 27. September 2020 zu einer großräumigen bewaffneten Auseinandersetzung und einer aserbaidschanischen Offensive, die weit in das Gebiet von Arzach vorstieß. Dabei wurden auch Städte nahe der Front sowie ferner liegende Orte bombardiert und beschossen. Am 10. November 2020 wurden die direkten Kampfhandlungen in einer von Russland vermittelten Waffenstillstandsvereinbarung zwischen den Konfliktparteien beendet. 2021 ging der Konflikt in den armenisch-aserbaidschanischen Grenzkonflikt über, in dem es seither regelmäßig zu gewaltsamen Zwischenfällen entlang der gemeinsamen Staatsgrenze sowie in Bergkarabach kam. Nach erneuten Kampfhandlungen im September 2023 sah sich die Führung von Arzach zur Kapitulation gezwungen und erklärte, die Republik zum 1. Januar 2024 aufzulösen.

Den Hauptstreitpunkt zwischen Armenien und Aserbaidschan bildet die Region Bergkarabach, die im Zuge des militärisch ausgetragenen Konflikts zwischen 1992 und 1994 gemeinsam mit umliegenden Gebieten von armenischen Streitkräften besetzt wurde. Bis dahin waren Schätzungen zufolge seit 1988 zwischen 20.000 und 40.000 Menschen in dem Konflikt getötet worden. Etwa 750.000 Aserbaidschaner aus Bergkarabach und den benachbarten von Armenien eroberten aserbaidschanischen Regionen wurden zu Flüchtlingen beziehungsweise Binnenvertriebenen. Ungefähr 200.000 Aserbaidschaner flohen aus Armenien, 300.000 Armenier aus dem unbesetzten Rest Aserbaidschans. Völkerrechtlich gehört das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Bergkarabach, das seit der Zeit der Sowjetunion eine Autonome Oblast im Verband der Aserbaidschanischen SSR gebildet hatte, zu Aserbaidschan. Seit dem Krieg stehen sich beide Staaten und zu weiten Teilen auch die Angehörigen beider Völker feindselig gegenüber und lehnen ein Zusammenleben miteinander ab.

Seit der Waffenruhe 1994 fanden wiederholt Kämpfe statt. Zuletzt konnte Aserbaidschan 2016 einige Quadratkilometer Land an der Waffenstillstandslinie erobern und 2018 einige Stellungen in Nachitschewan an der Grenze zu Armenien einnehmen. Während sich die Türkei im Konflikt stets an die Seite Aserbaidschans stellt, in der engen Beziehung beider Staaten werden die kulturellen Gemeinsamkeiten beider Turkstaaten betont, unterhält der nördliche Nachbar Russland gute Beziehungen zu beiden Staaten. Während die Türkei mit Aserbaidschan auch militärisch zusammenarbeitet, liefert Russland an beide Länder Waffen in großer Zahl – an Armenien allerdings zum Vorzugspreis, wo auch eine russische Militärbasis unterhalten wird. Analyst Stefan Meister zufolge versuche Russland beide Staaten in Abhängigkeit zu halten, ohne wirklich Schutzmacht Armeniens zu sein. So war Russland seit den 1990ern mehrfach, jedoch erfolglos, als Vermittler im Bergkarabachkonflikt aktiv. Der westliche Nachbar Georgien nimmt ähnlich wie Russland eine ambivalente Rolle im Konflikt ein, hat aber wenig Einfluss. Der Iran, der direkt an die Republik Arzach grenzt, steht eher Armenien nahe, da er den wachsenden Einfluss der Türkei in der Region fürchtet, ebenso wie die möglicherweise Separatismus fördernde Wirkung eines erfolgreichen Aserbaidschans auf die aserbaidschanische Minderheit im Nordwesten Irans. Auf der Gegenseite bezieht Aserbaidschan inzwischen viele seiner Waffen aus Israel: 2015 bis 2019 kamen 60 % der aserbaidschanischen Waffenimporte von dort, darunter hochmoderne Waffen wie Drohnen sowie Luft- und Raketenabwehrtechnik. Die Europäische Union hat wenig direkten Einfluss in der Region, ist aber an einer Beruhigung des Konflikts interessiert.

Anlässlich der Vorfälle im Juli ging die aserbaidschanische Seite davon aus, dass Armenien mit den Vorstößen das Ziel verfolgte, die Ölpipeline Baku–Tiflis–Ceyhan und die Gaspipeline Baku–Tiflis–Erzurum in Tovuz zu treffen, die von internationaler Bedeutung sind und Energieressourcen des Kaspischen Beckens über Georgien und Türkei nach Europa transportieren. Auch die Bahnstrecke Kars–Achalkalaki–Tiflis–Baku als Teil des Transportkorridors Europa-Kaukasus-Asien durchquert die Gegend. Jerewan habe es auf die Beeinträchtigung der genannten Leitungen durch Einnahme der strategischen Positionen abgesehen. Aserbaidschanische Offizielle warfen der armenischen Führung vor, mit ihrem Vorgehen die Öffentlichkeit vom Lösungsprozess des Bergkarabachkonfliktes abzuwenden und eine zweite Frontlinie eröffnen zu wollen. Zudem vermutet man hinter der armenischen „Provokation“ die Absicht Russland und die von ihm geführte Organisation des Vertrages über Kollektive Sicherheit (OVKS), der auch Armenien angehört, in den Konflikt hineinzuziehen. Ferner habe Armenien darauf abgezielt, die schwierige soziale und wirtschaftliche Situation vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie herunterzuspielen. Nach Auffassung des armenischen Premierministers Nikol Paschinjan wollte die aserbaidschanische Regierung mit massiven Militärschlägen Stärke demonstrieren und die Aufmerksamkeit von innenpolitischen Problemen ablenken. Die aserbaidschanischen Attacken hätten sich auf eine Region konzentriert, in welcher solche für Armenien am wenigsten zu erwarten wären. Einen ähnlichen Standpunkt vertrat auch Außenminister Sohrab Mnazakanjan in einem Interview mit Sky News Arabia. Er beschuldigte außerdem die Türkei, die Lage in der Region destabilisieren zu wollen.

Laut einer Analyse des Regionalexperten Thomas de Waal lag allein bei Aserbaidschan ein Interesse zur Eskalation, da die armenische Seite im Krieg Anfang der 1990er ihre Ziele bereits erreicht hatte und diese nun nur verteidigen wolle. Aserbaidschan dagegen hat sich zum Ziel gesetzt, das Territorium wieder unter eigene Kontrolle zu bringen. Seit dem letzten Krieg haben beide Seiten aufgerüstet und seit Aufflammen des Konflikts im Juli auch die gegenseitige Rhetorik verschärft. Der kürzliche Regierungswechsel in der Republik Arzach und deren veränderte Politik, wie der angekündigte Umzug des Parlaments in die traditionell aserbaidschanische Stadt Şuşa, könnten von der Regierung in Baku zudem als Provokation aufgefasst worden sein. Der aserbaidschanische Verbündete Türkei ist mittlerweile, anders als früher, bereit sich international militärisch zu engagieren, während die Politik der Vereinigten Staaten mit dem Präsidentschaftswahlkampf beschäftigt ist und Russland bereits mit anderen Konflikten beschäftigt sei. Aserbaidschan wolle daher womöglich die internationale Lage ausnutzen und in der Zeit bis zum Winter die eigene Position im Konflikt verbessern. Laut de Waal sind auch die Belastung der westlichen Länder mit der Coronapandemie, die Uneinigkeit in der Europäischen Union hinsichtlich ihrer Politik gegenüber der Türkei, wie sie sich etwa beim Gasstreit im Mittelmeer zeigte, und die daraus folgende eingeschränkte diplomatische Handlungsfähigkeit der Europäischen Union begünstigende Voraussetzungen für Aserbaidschan, mit türkischer Unterstützung gerade jetzt den Krieg zu beginnen. Analyst James Palmer ergänzt, dass sich die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien bereits 2019 verschlechtert hätten und in diesem Jahr durch die Coronapandemie und deren wirtschaftliche Auswirkungen innenpolitisch unter Druck stehen. Als Grund für das aserbaidschanische Vorgehen ergänzt Stefan Meister, dass die armenische Seite durch Bauvorhaben und Ansiedlung von Armeniern in Arzach Fakten schaffe, die aus aserbaidschanischer Sicht international ignoriert werden, aber nicht länger hingenommen werden wollten. Bereits in den Wochen vor den ersten Kampfhandlungen kritisierte Ilham Alijew, dass die Minsk-Gruppe der OSZE in dieser Sache untätig sei. Christian Esch teilt die Ansicht, dass nur Aserbaidschan und nicht Armenien ein Interesse am erneuten Krieg hatte. In Baku sei man auf einen Krieg gut vorbereitet und habe nach all den Jahren die Hoffnung verloren, dass Armenien zu Zugeständnissen bereit ist, insbesondere nachdem auch der neue Premierminister Paschinjan betonte, dass „Arzach Armenien ist“. Außerdem müsse der autoritär herrschende Alijew auf die Stimmung im Land achten, die schon nach den Kämpfen im Juli auf einen Krieg gegen Armenien gerichtet war und seiner Regierung vorwarf, zu nachgiebig zu sein.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken
Krieg um Bergkarabach 2020 | World in Stories