An diesem Tag

Konstantin von Tischendorf

Deutscher evangelischer Theologe, Neutestamentler, Hebraist und Schriftsteller

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Lobegott Friedrich Constantin von Tischendorf (* 18. Januar 1815 in Lengenfeld; † 7. Dezember 1874 in Leipzig) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Neutestamentler und Handschriftenforscher. Er trug maßgeblich zu einem wissenschaftlich gesicherten Bibeltext bei. Die Entzifferung des Codex Ephraemi Rescriptus machte ihn bekannt. Sein größter Erfolg war die Publikation des Codex Sinaiticus aus dem Katharinenkloster, eine der bedeutendsten spätantiken Bibelhandschriften. Damit trug Tischendorf auch zur Septuaginta-Forschung bei.

Die Tischendorfs waren über mehrere Generationen eine Papiermacherfamilie im thüringischen Greiz. Im Jahr 1808 wurde die Papiermühle verkauft. Der Lengenfelder Gerichtsarzt Johann Christlieb Tischendorf († 1835) und seine Frau Christine Eleonore, geb. Thomas († 1836), hatten elf Kinder; der am 18. Januar 1815 geborene Sohn Konstantin war ihr neuntes Kind. Sechs seiner älteren Geschwister waren bereits verstorben, als er zur Welt kam. Konstantin hatte ein enges Verhältnis zu seinem älteren Bruder Julius Valentin. Er besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die Bürgerschule von Lengenfeld und ab 1829 das Gymnasium in Plauen.

Im Jahr 1834 immatrikulierte sich Tischendorf an der Universität Leipzig für das Studium der Theologie und Philologie. Nachdem beide Eltern kurz nacheinander gestorben waren, war Tischendorf von seinem älteren Bruder finanziell abhängig, der bereits als Mediziner die Nachfolge des Vaters angetreten hatte. Tischendorfs erste Veröffentlichungen zeigen, dass er dichterische Ambitionen hatte. Der Gedichtband Maiknospen (1838) wurde unter anderem von Friedrich Rückert wohlwollend aufgenommen. Felix Mendelssohn Bartholdy vertonte 1840 oder 1841 Tischendorfs Gedicht Lieben und Schweigen. Beide waren direkte Nachbarn und persönlich befreundet.

Der Leipziger Neutestamentler Georg Benedikt Winer erkannte Tischendorfs philologische Begabung und überzeugte ihn davon, die poetischen Versuche aufzugeben und sich ganz der Wissenschaft zuzuwenden. Winer hatte mit seiner Grammatik des neutestamentlichen Sprachidioms (1822) den Unterricht im Koine-Griechischen modernisiert. Zwei preisgekrönte Arbeiten Tischendorfs (Doctrina Pauli, 1837 und Disputatio de Christo, 1839) deuteten sein Potential an. Das Studium schloss er 1838 mit einer Promotion zum Dr. phil. ab. Von 1838 bis 1839 war er Hauslehrer bei Pfarrer Ferdinand Leberecht Zehme in Großstädteln bei Leipzig und verlobte sich heimlich mit dessen Tochter Angelika.

Auf der Suche nach neutestamentlichen Manuskripten reiste Tischendorf 1839 und 1840 nach Süddeutschland, in die Schweiz und nach Straßburg. Der Ertrag dieser Recherchen war Tischendorfs kritische Edition des Novum Testamentum Graece. Seine Habilitationsschrift, die Tischendorf am 26. Oktober 1840 in Leipzig verteidigte (De recensionibus quas dicunt textus Novi Testamenti ratione potissimum habita Scholzii), ist weitgehend identisch mit den Prolegomena dieses 1841 in Leipzig gedruckten griechischen Neuen Testaments. Ein 1842 verfasster Artikel Tischendorfs erläuterte seine methodischen Grundsätze bei dieser Edition.

Entzifferung des Codex Ephraemi Rescriptus (1840–1842)

In der Bibliothèque nationale de France wird ein kostbares, aber schwer lesbares Palimpsest verwahrt: der Codex Ephraemi Rescriptus, eine Vollbibel des 5. Jahrhunderts, die im 12. Jahrhundert abgewaschen und mit Traktaten Ephraems des Syrers überschrieben worden war. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde der Codex mehrfach konsultiert, doch die Erfolge bei der Entzifferung des unteren Textes (scriptio inferior) blieben gering. Der Leipziger Neutestamentler Ferdinand Florens Fleck wandte 1834/35 mit Zustimmung des Bibliothekars Karl Benedikt Hase erstmals chemische Mittel an. Er benutzte die Giobertsche Tinktur, eine salzsaure wässrige Lösung von Kaliumhexacyanidoferrat(II), auch gelbes Blutlaugensalz genannt. Wenn der Text verblasst ist, weil das Eisen(II) aus der Tinte zu Eisen(III) oxidiert ist, so bildet sich durch Reaktion von Kaliumhexacyanidoferrat(II) mit den Eisen(III)-Ionen ein tiefblauer Niederschlag (Berliner Blau). Fleck berichtete später, dass durch Anwendung der Tinktur in der kostbaren Pariser Handschrift „Manches an das Tageslicht trat, was bisher auch dem scharfsichtigsten Falkenauge der Gelehrten entgangen war“. Dabei zeigte sich ein weiteres Problem: Der spätantike Bibelcodex war bei seiner mittelalterlichen Wiederverwertung auseinandergenommen und die Blätter neu geordnet worden, wodurch sich der Bibeltext wie ein Puzzlespiel präsentierte.

Tischendorfs Ziel war es nun, da weiterzumachen, wo Fleck angefangen hatte, und den ganzen Codex für die Forschung zu erschließen. Am 31. Oktober 1840 reiste er per Postkutsche von Leipzig Richtung Paris ab. Seine Reisekasse war schmal. Die sächsische Regierung bewilligte nur 100 Taler. Sein Bruder Julius unterstützte ihn, und etwas Geld brachte ihm der Abschluss einer Lebensversicherung, die er wieder verpfändete. In Paris bestritt er seinen Lebensunterhalt durch Auftragsarbeiten für Leipziger Professoren.

Tischendorf verbrachte zwei Jahre mit der Entzifferung des Codex Ephraemi Rescriptus. Er äußerte sich nie über die chemischen Mittel, die er anwandte. Aber anhand des Schadensbildes geht man davon aus, dass er die Seiten mit der Giobertschen Tinktur überstrich. Die Schädlichkeit dieser Tinktur wurde der Forschung erst im Lauf des 19. Jahrhunderts klar: Je länger sie in das Pergament einzieht, desto mehr dunkelt dieses nach und nimmt schließlich unwiderruflich eine tiefblaue Farbe an.

Bibliotheksreisen quer durch Europa

Noch während der Arbeit am Codex Ephraemi Rescriptus besuchte Tischendorf von Paris aus Bibliotheken in Holland und England (London, Cambridge, Oxford). Die erfolgreiche Entzifferung und Edition des biblischen Palimpsests trug ihm hohe Anerkennung in der Fachwelt ein, auch die Fördergelder der sächsischen Regierung flossen nun reichlicher. Als seine Arbeit in Paris abgeschlossen war, brach er 1843 nach Straßburg auf. Über Basel (wo er den Codex Laudianus in vier Wochen kollationierte), Bern, Genf, Lyon, Avignon und Carpentras erreichte er Marseille und schiffte sich nach Rom ein. Er wollte den Codex Vaticanus einsehen. Aber Kardinal Angelo Mai arbeitete, durch Krankheit verzögert, bereits seit 1828 an der Edition dieses hervorragenden Textzeugen (postum abgeschlossen durch Carlo Vercellone, 1858). Auf Mais Wunsch hin lehnte die Vatikanische Bibliothek Tischendorfs Antrag ab. Die Empfehlungsschreiben, die er mitbrachte, ermöglichten ihm allerdings am 21. Mai 1843 eine Audienz bei Papst Gregor XVI. – mit der Auflage, den Codex Vaticanus nicht zu erwähnen. Der Papst sprach das Thema von sich aus an und erreichte mit Rücksicht auf die Bedenken der Bibliothekare, dass Tischendorf den kostbaren Codex zwei Tage für je drei Stunden sehen durfte. Das war großzügig verglichen mit den Erfahrungen, die Samuel P. Tregelles 1845 machte. Er durfte den Codex zwar mehrmals einsehen, doch sobald er eine Textstelle genauer betrachtete, nahm man ihm das Buch ab. Seine Taschen wurden auf Schreibzeug kontrolliert, um sicherzustellen, dass er sich keine Notizen machen konnte.

Tischendorf nutzte seinen Italienaufenthalt für Bibliotheksbesuche in Neapel, Florenz, Venedig, Modena, Mailand, Verona und Turin. Ein Brief an König Friedrich August von Sachsen, datiert 25. März 1843, bat um Unterstützung für eine Reise in den Orient, die Tischendorf von Italien aus unternehmen wollte. In Bibliotheken der Region, wo die biblischen Manuskripte in der Spätantike und im Frühen Mittelalter einst angefertigt worden waren, könnten ja noch unentdeckte Schätze lagern.

Erste Bibliotheksreise in den Orient (1844)

Im April 1844 schiffte sich Tischendorf in Livorno nach Alexandria ein und reiste weiter nach Kairo. Der 29-Jährige hatte sich auf seine Orientreise kaum vorbereitet. Seine Einschätzung der politischen Situation war naiv; die arabische Kultur schien ihm neu und interessant, aber die Welt orthodoxer Klöster blieb ihm zunächst fremd. „Er verglich die Spiritualität der Klöster, die er besuchte, mit der seiner eigenen lutherischen Tradition und fühlte sich überlegen.“

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