Konrad Naumann (* 25. November 1928 in Leipzig; † 25. Juli 1992 in Guayaquil oder Quito, Ecuador) war ein deutscher Politiker (SED). Naumann war von 1971 bis 1985 Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin und von 1973 bis 1985 Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED. Er galt vor allem in der Kulturpolitik als Vertreter einer harten Linie. Naumann war eines der wenigen Politbüromitglieder in der Ära Honecker, die vor 1989 ihres Amtes enthoben wurden.
Naumanns Vater war Berufssoldat und wurde nach dem Ende seiner Dienstzeit in der Reichswehr Steuerbeamter. Die fehlende „proletarische Herkunft“ war für Naumann zu Beginn seiner Funktionärslaufbahn in der FDJ und der SED ein Nachteil, den er, wie in Beurteilungen wiederholt vermerkt wurde, durch einen betont „proletarischen“ Habitus zu kompensieren versuchte. Naumann besuchte bis 1939 die Volksschule in Holzhausen, bis 1941 die Mittelschule in Engelsdorf und bis 1945 die Aufbauschule in Leipzig. 1939 wurde er Mitglied und Jungenschaftsführer des Jungvolkes. 1944 wurde er mit seiner Schulklasse als Flakhelfer eingezogen und Anfang 1945 in Bad Lausick eingesetzt. Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen desertierte er. Nach Kriegsende arbeitete Naumann einige Monate als Landarbeiter in Holzhausen und dann als Hilfsarbeiter im Braunkohlewerk Espenhain.
Naumann wurde als 17-Jähriger im November 1945 Mitglied der KPD und bereits Anfang 1946 für einen dreimonatigen Lehrgang auf die für die Schulung zukünftiger Funktionäre geschaffene Landesparteischule in Ottendorf geschickt. Anschließend war Naumann hauptamtlich bei der FDJ tätig. Im November 1947 übernahm er den Kreisvorsitz der FDJ in Leipzig. Im Mai 1948 wurde sein schneller Aufstieg vorübergehend unterbrochen, als er auf Betreiben des im SED-Kreissekretariat Leipzig für Jugendarbeit zuständigen Gerhard Röbel als FDJ-Kreisvorsitzender abgelöst wurde. Anlass war nach heutigem Kenntnisstand ein Trinkgelage Naumanns mit „Genossen aus Westdeutschland“ am Rande einer Aktivistenkonferenz in Leipzig. Naumann räumte später in Lebensläufen eine „Verfehlung“ seinerseits ein, verwies aber zugleich auf „politische Differenzen“ mit Röbel, der 1949 als „Trotzkist“ aus der SED ausgeschlossen wurde.
Naumann wurde, nachdem er einige Monate als Hilfsschlosser im Braunkohlewerk Hirschfelde gearbeitet hatte, nach Berlin geholt, wo er zwischen August 1948 und April 1949 als Instrukteur des Zentralrates der FDJ tätig war. Mit dem damaligen FDJ-Chef Erich Honecker verband Naumann seit dieser Zeit ein Vertrauensverhältnis. 1949 rückte Naumann als Sekretär für Arbeit und Soziales in den FDJ-Landesvorstand Mecklenburg auf. Im November 1950 wurde er mit dem Mandat der FDJ in den Landtag gewählt. Das Mandat legte er nieder, als er im Oktober 1951 zum Studium an die Komsomol-Hochschule nach Moskau ging. Nach seiner Rückkehr war Naumann bis 1957 als Erster Sekretär der FDJ-Bezirksleitung Frankfurt (Oder) tätig. Von 1952 bis 1967 war Naumann Mitglied des Zentralrates der FDJ, ab 1957 gehörte er dem Sekretariat des Zentralrates an (bis 1964). 1959 nahm Naumann als Leiter der DDR-Delegation an den VII. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Wien teil.
In den regelmäßigen Kaderbeurteilungen wurde Naumann als sehr intelligenter, engagierter und entscheidungsfreudiger Funktionär charakterisiert, wiederholt festgehalten wurden aber auch „Tendenzen der Überheblichkeit“ und Kritiklosigkeit „sich selbst gegenüber“.
Politbüromitglied und Parteichef in Berlin
Naumann war seit dem VI. Parteitag der SED 1963 Kandidat und ab 1966 Vollmitglied des Zentralkomitees der SED. 1964 wechselte er mit der Berufung zum Zweiten Sekretär der Berliner SED-Bezirksleitung aus dem Apparat der FDJ in den der Partei. Bei dem für die Kulturpolitik der DDR wichtigen 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 profilierte sich Naumann unter anderem mit einem Angriff auf den Film „Das Kaninchen bin ich“, den er als Beispiel für „ideologische Verwilderung“ anführte. Auch nachdem Naumann im Mai 1971 Paul Verner als Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin abgelöst hatte und 1973 als Kandidat ins Politbüro aufgerückt war, intervenierte er immer wieder auf dem Gebiet der Kulturpolitik. Naumann verstand sich dabei als Vertreter einer „proletarischen Linie“, als der er in Kunst und Kultur einen Klassenstandpunkt und Parteilichkeit einforderte.
Im Mai 1978 griff Naumann in einer Rede vor dem SED-Zentralkomitee jene Schriftsteller der DDR an, die ihre „Verbesserungsvorschläge für den realen Sozialismus“ auf dem Umweg über bürgerliche Medien in der Bundesrepublik „servieren“ und sich das auch noch gut bezahlen ließen. Der Beitrag, in dem erstmals seit langer Zeit wieder von „bürgerlichen Schriftstellern“ in der DDR die Rede war, wurde mit dieser Passage im Neuen Deutschland abgedruckt. Naumanns Bemerkungen führten zu erheblicher Unruhe im Schriftstellerverband. Der Schriftsteller Stephan Hermlin erhielt – mit Billigung von SED-Generalsekretär Honecker – die Möglichkeit, in seiner Rede vor dem wenig später stattfindenden Schriftstellerkongress mit scharfer Polemik gegen das Politbüromitglied Naumann zu reagieren. Der ungewöhnliche Vorgang zeigte allerdings auch, dass Naumanns Standpunkt nicht von allen Schriftstellern abgelehnt wurde; die Staatssicherheit registrierte Stimmen von Teilnehmern, die Hermlins Auftritt als den eines „aufgeblasenen Gockels“ und als „Unverschämtheit“ bezeichneten.
Als Politbüromitglied plädierte Naumann dafür, die vom zuständigen ZK-Sekretär Kurt Hager verteidigte Praxis der großzügigen Erteilung von Reisegenehmigungen für Künstler und Schriftsteller in die Bundesrepublik zu beenden. Im November 1980 setzte er sich damit zunächst durch; ein entsprechender Beschluss des Politbüros hätte „bis auf weiteres“ die vollständige Unterbindung von Gastspielen von DDR-Künstlern in der Bundesrepublik zur Folge gehabt. Hager gelang es schließlich durch Einwirkung auf Honecker, den Beschluss zu revidieren.
Während Naumann im hauptstädtischen Kulturbetrieb zum Teil regelrecht verhasst war, erfreute er sich bei der Berliner SED-Basis und in den häufig von ihm aufgesuchten Großbetrieben durchaus einer beachtlichen Popularität. „Konni“, der gerne feierte und trank, war spontan, konnte frei, überzeugend und ohne Phrasen reden. Anders als nahezu alle anderen Mitglieder des Politbüros suchte er regelmäßig den persönlichen Kontakt zu Arbeitern und zur Parteibasis.
Die seit seiner Absetzung zunächst in der Bundesrepublik kursierende Vermutung, dass Naumann sich in der ersten Hälfte der 80er Jahre als Nachfolger Honeckers in Stellung brachte und vom Generalsekretär als Konkurrent betrachtet wurde, wird in der neueren Forschung überwiegend mit Skepsis betrachtet. Der Historiker Andreas Malycha etwa hält diese Annahme für „nicht sehr überzeugend“. Bis zur abrupten Absetzung im November 1985 hatte Honecker keinerlei Maßnahmen gegen Naumann ergriffen, sondern ließ ihn im Gegenteil 1984 noch ins ZK-Sekretariat und in den Staatsrat aufrücken. Die Annahme, Naumann habe sich perspektivisch als Parteichef gesehen, stützt sich weitgehend auf Spekulationen und Hörensagen. Manfred Uschner etwa, ein im Februar 1989 auf Veranlassung Honeckers aus dem ZK-Apparat entlassener persönlicher Mitarbeiter des Politbüromitglieds Hermann Axen, behauptete nach dem Ende der DDR, ihm sei 1984 von einem Mitarbeiter Honeckers erzählt worden, dass Naumann „sich sehr stark gegen den Generalsekretär“ mache und ein solches „Hinterland“ hinter sich gesammelt habe, dass er an die Parteispitze gelangen könne. Naumanns Ex-Ehefrau Vera Oelschlegel legte 1991 die Ansicht, Naumann habe Generalsekretär werden wollen, ungenannten „engen Mitarbeitern“ Naumanns in den Mund. Belegbar ist allerdings lediglich, dass Naumann mit einzelnen zentralen Aspekten der SED-Politik unzufrieden war. Außerdem fühlte er sich offensichtlich aufgrund seines langjährigen Vertrauensverhältnisses zu Honecker sicher genug, um diese Kritik auch außerhalb der Parteigremien zu äußern.