An diesem Tag

Kiautschou

Ehemaliges deutsches Pachtgebiet im Kaiserreich China

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Kiautschou (chinesisch 膠州, Pinyin Jiāozhōu) war ein 1898 vom Kaiserreich China an das Deutsche Kaiserreich zwangsverpachtetes Gebiet im Süden der Shandong-Halbinsel an der chinesischen Ostküste.

Hauptstadt war Tsingtau (heute meist Qingdao (青島) geschrieben – deutsch: „grüne Insel“). Die Stadt Kiautschou nordwestlich der Bucht war nicht Teil der Kolonie, lag aber im Bereich der unter deutscher Kontrolle stehenden Neutralen Zone um die Kolonie.

Grund für den Erwerb der Kolonie durch die Erzwingung des Pachtvertrages vom 6. März 1898 mit China war der Wunsch nach einem Flottenstützpunkt für die Kaiserliche Marine in Ostasien. Mit der Erkundung war Georg Franzius beauftragt. Im Ersten Weltkrieg kam Kiautschou nach der Belagerung von Tsingtau im November 1914 unter die Verwaltung des Japanischen Kaiserreichs.

Das Pachtgebiet umfasste die Wasserfläche der Bucht von Kiautschou bis zum höchsten Wasserstand und die zwei Halbinseln beiderseits des Eingangs dieser Bucht. Hinzu kam das vorgelagerte Küstengewässer. Das Gebiet hatte eine Größe von 552 km², also etwa der des Bodensees. Dazu gehörten auch 25 Inseln, wobei die zwei größten Inseln in der Bucht heute Teil des Festlandes sind. Die Stadt Kiautschou gehörte nicht zum Pachtgebiet, sie lag in einer neutralen Zone, für die ein Gebiet von 50 km um die Bucht vereinbart wurde.

Nach der Besetzung der Bucht ordnete Otto von Diederichs ein Vorkaufsrecht für alles Land im Pachtgebiet an und erwarb so das Land, auf dem die Stadt Tsingtau erbaut werden sollte. Die Stadt Tsingtau teilte man in ein Europäer- und ein Chinesenviertel auf. Für die Chinesen in Tsingtau galt seit Juli 1900 die „Verordnung betreffend Chinesenordnung für das Stadtgebiet Tsingtau“, während für die Europäer deutsches Recht galt. Der „europäische“ Stadtteil wurde im wilhelminischen Baustil erbaut, während die „chinesischen“ Viertel im lokalen Stil bebaut wurden. Zudem baute man einen Hafen mit einer Werft, einen Bahnhof, eine Universität und verschiedene Fabriken. Es entstanden Kasernen und weitere militärische Infrastruktur, ein Lazarett, das durch die Berliner evangelische Mission errichtet wurde, ein Gericht, mehrere Schulen, eine evangelische Kirche, eine Post, ein Elektrizitätswerk, eine Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank und das Gouvernementsgebäude.

1897 bewohnten insgesamt nur etwa 83.000 Menschen das künftige Pachtgebiet. Mit dem Aufbau der Stadt Tsingtau entwickelte sich deren Einwohnerzahl rasant von ca. 15.600 im Jahr 1902 auf über 55.000 im Jahr 1913. Ähnlich war die Entwicklung im übrigen Pachtgebiet mit seinen rund 275 Dörfern. Bis 1913 war die Gesamteinwohnerzahl auf ca. 200.000 angewachsen. Die nicht-chinesische Bevölkerung Kiautschous konzentrierte sich im Wesentlichen in Tsingtau und dessen näherer Umgebung und entwickelte sich moderat. Ihre Zahl betrug 1913 ca. 4.500, ein Großteil davon Marinesoldaten. Im Jahr 1910 beispielsweise waren es 2.275 Angehörige der militärischen Besatzung gegenüber 1.531 Zivilisten, im Jahr 1913 dann 2.401 gegenüber 2.069, von denen mehr als 90 % deutscher Nationalität waren.

Um das Pachtgebiet herum gab es eine „Neutrale Zone“ von 50 Kilometern um die Bucht herum, in der sich deutsche Truppen frei bewegen durften und chinesische Anordnungen mit deutscher Zustimmung gegeben werden durften. Im Osten liegt das Lao-Shan-Gebirge, das damals weitgehend entwaldet war und unter Erosion litt. Auch dort, an der Grenze des Pachtgebietes, entstanden vereinzelt deutsche Kolonialbauten, etwa das Genesungsheim Mecklenburghaus und die Berghütte Irenebaude.

Eine Eisenbahnverbindung (Schantung-Bahn) wurde von Tsingtau zur Provinzhauptstadt Jinan gebaut, die etwa auf halber Strecke zum weiter nördlich gelegenen Peking liegt. Da 15 Kilometer beiderseits der Bahnlinie Bergbau betrieben werden durfte, wurde die Linienführung nach Tsingtau so gelegt, dass mehrere Kohlengebiete und ein Eisenerzgebiet erschlossen werden konnten.

Der deutsche Einfluss- und Interessensraum umfasste somit den Südwesten der Provinz Schantung und wurde bisweilen auch als Deutsch-China bezeichnet. Im Nordosten der Provinz Schantung, etwa 250 km entfernt, lag das britische Pachtgebiet Weihaiwei.

Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt (RMA) verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des RMA, Großadmiral Alfred Freiherr von Tirpitz, verantwortlich war. Innerhalb des Schutzgebietes gab es neben der Militär- die Zivilverwaltung. Erstere wurde vom Stabschef (dem Stellvertreter des Gouverneurs), letztere vom Zivilkommissar geleitet, die beide dem Gouverneur untergeordnet waren. Weitere wichtige Funktionäre der Kolonie waren der Hafenbaubeamte und ab 1900 der Kaiserliche Richter und der Kommissar für chinesische Angelegenheiten. Als Beratungsorgane des Gouverneurs fungierten der Gouvernementsrat und ab 1902 das Chinesenkomitee. Die Abteilungen Finanzen, Bauwesen und Lazarett unterstanden dem Gouverneur direkt, da diese im Hinblick auf das Konzept der „Musterkolonie“ die wichtigsten waren. Da die Kolonie vor allem der Flottenpropaganda dienen sollte, wurde auf die wirtschaftliche (später auch die kulturelle) Entwicklung größter Wert gelegt. Der erste Gouverneur, Carl Rosendahl, vernachlässigte diese Aspekte jedoch und kümmerte sich allein um militärische Belange des Stützpunktes. Im Jahre 1899 wurde er deshalb durch Paul Jaeschke ersetzt, während dessen Amtszeit die Entwicklung der Kolonie rasch voranschritt. Während der deutschen Kolonialzeit wurden 26 Grundschulen, eine Gouvernementsschule, 10 Missionsschulen, eine Spezialhochschule und 4 Berufsschulen gegründet.

Hintergründe der Expansion nach China

Im Zuge der Weiterentwicklung des Kolonialismus zum Imperialismus entstand auch im Deutschen Reich ein zivilisatorisches Sendungsbewusstsein. Dieses war bei dem Aufbau einer deutschen Kolonie in China von ganz besonderem Einfluss und bildete einen der wichtigsten Impulse hierfür. Dazu trat die kolonialistische Sichtweise, dass die Errichtung von Kolonien die beste Methode sei, die Wirtschaft im Mutterland zu unterstützen. Damit geriet das dichtbesiedelte China als potenzieller Absatzmarkt ins Blickfeld der deutschen Kolonialagitation. So forderten Denker wie Max Weber den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Insbesondere die Erschließung Chinas wurde zur Überlebensfrage stilisiert, da es als wichtigstes außereuropäisches Handelsgebiet galt.

Eine Weltpolitik ohne globale militärische Macht schien jedoch undurchführbar, weshalb eine Flotte, deren erste Anfänge das Ostasiatische Geschwader und die in Europa stationierte Hochseeflotte waren, aufgebaut wurde. Diese Flotte sollte im Frieden den deutschen Interessen Nachdruck verleihen (Kanonenbootdiplomatie) und im Krieg die deutschen Handelswege schützen bzw. die gegnerischen stören (Kreuzerkriegskonzept). Ein Netz globaler Stützpunkte war für diese Pläne jedoch erste Bedingung.

Der Erwerb eines Hafens in China sollte allerdings noch einen weiteren Punkt erfüllen: In Anbetracht der schweren Belastungen durch die Flottenpläne sollte eine chinesische Kolonie auch für die deutsche Flotte im Reich Reklame machen. Deshalb wurde Kiautschou von Anfang an dem Konzept einer Musterkolonie unterworfen: Alle Einrichtungen, die Verwaltung, die Nutzung und dergleichen mehr sollten den Chinesen, den Deutschen und der Welt die besonders effektive deutsche Kolonialpolitik vor Augen führen.

Bereits 1860 gelangte ein preußisches Geschwader nach Ostasien und erkundete die Gegend um die Kiautschou-Bucht. Im Jahr darauf wurde ein chinesisch-preußischer Handelsvertrag unterzeichnet. Nach seinen Reisen nach China zwischen 1868 und 1871 empfahl Freiherr Ferdinand von Richthofen die Bucht von Kiautschou als möglichen deutschen Marinestützpunkt. Im Jahr 1895 wurden die Möglichkeiten mit Schriftverkehr erörtert und die Umstände erwogen zwischen dem Reichskanzler von Hohenlohe-Schillingsfürst, dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Freiherr Marschall von Bieberstein und dem Gesandten Freiherr Schenck zu Schweinsberg in Peking. 1896 untersuchte Admiral von Tirpitz, damals Chef des Ostasiatischen Geschwaders, die Region.

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