Khieu Samphan (Khmer ខៀវ សំផន) (* 27. Juli 1931 in der Provinz Svay Rieng, Kambodscha) ist ein ehemaliger führender Funktionär der Roten Khmer und war von 1976 bis 1979 Staatsoberhaupt von Kambodscha. Im November 2018 wurde er wegen Völkermordes an ethnischen Vietnamesen und der muslimischen Minderheit von einem internationalen Tribunal zu lebenslanger Haft verurteilt.
Jugend, Ausbildung, Sangkum-Abgeordneter
Khieu Samphan war ein Sohn von Khieu Long, einem Richter im Dienst der französischen Kolonialverwaltung, und seiner Frau Por Kong. Während seiner Jugend verbrachte sein Vater einige Zeit im Gefängnis wegen Korruption. Er wuchs in der Provinz Kampong Cham auf, wo seine Mutter Obst und Gemüse auf Märkten verkaufte, während sein Vater im Gefängnis saß. Sein Großvater mütterlicherseits war Chinese. Trotz der schwierigen Umstände konnte er die Lycée Sisowath besuchen, ein Gymnasium in Phnom Penh. Einer seiner Mitschüler war Pol Pot.
Seine Ausbildung erhielt er an der Sorbonne in Paris. Dort promovierte er 1959, seine Dissertation trägt den Titel Die Wirtschaft Kambodschas und die Probleme seiner Industrialisierung. Nach der Rückkehr nach Phnom Penh gründete er die französischsprachige Tageszeitung L’Observateur, die nach nur einem Jahr von der Regierung verboten wurde. Auch war er Mitglied der Rechtsfakultät der Königlichen Universität. 1962 wurde er für die Partei von Norodom Sihanouk, der Sangkum, ins Parlament berufen. Von 1962 bis 1963 diente er als Staatssekretär für Wirtschaftsfragen in der Regierung Sihanouk. Nach Studentenunruhen im März 1963 wurde er gezwungen, seinen Kabinettsposten aufzugeben. Man beschuldigte ihn, an der Organisation der Proteste beteiligt gewesen zu sein. Trotzdem wurde er 1966 erneut ins Parlament gewählt. Im März 1967 wurde er von Norodom Sihanouk öffentlich beschuldigt, hinter dem Samlaut-Aufstand zu stecken. Sihanouk drohte Samphan mit Verhaftung.
Daraufhin flüchtete Khieu Samphan in den Dschungel zu Ta Mok, der sein Hauptquartier in Ang Tasom in der Provinz Takeo hatte. Die folgenden Jahre verbrachte Samphan in den Provinzen Kampong Speu, Kampong Chhnang und Takeo unter dem Schutz der Kommunistischen Partei. Ob er damals bereits Mitglied der Partei war, ist umstritten. Ieng Sary und Nuon Chea gaben an, Samphan wäre 1969 offiziell der Partei beigetreten. Andere Quellen legen nahe, dass Samphan bereits seit 1960 Mitglied der offiziell verbotenen Partei war. 1971 wurde Samphan als Kandidat in das Zentralkomitee der Partei berufen. In den 1970ern unternahm er im Auftrag der Partei Reisen nach Vietnam, Laos und China.
Nach dem Sturz der Regierung von Norodom Sihanouk im Jahre 1970 durch seinen Premierminister Lon Nol sendete Pol Pot dem Prinzen eine Nachricht nach Peking, um ihm die Unterstützung der Kommunistischen Partei anzubieten. Khieu Samphan, Hu Nim und Hou Youn zogen in das neue Hauptquartier S-71 von Tak Mok in den Aoral-(Elephant)-Bergen in der Provinz Kampong Speu. Die Kommunistische Partei unter Pol Pot schlug Samphan als Oberbefehlshaber der bewaffneten Einheiten der Front uni national du Kampuchéa (kurz FUNK) vor, der Widerstandsbewegung, die Prinz Sihanouk am 23. März 1970 in Peking gegründet hatte. Sihanouk ernannte Samphan zum stellvertretenden Premierminister und Verteidigungsminister der von ihm geschaffenen Exilregierung Gouvernement royal d’union nationale du Kampuchéa (GRUNK).
Samphan behauptete später, diese Positionen wären reine Formalien gewesen, ohne einen wirklichen Einfluss auf die Politik der GRUNK oder die Politik der Kommunistischen Partei. Er hätte nie das Kommando über die offiziell der FUNK unterstellten Streitkräfte der Kommunistischen Partei gehabt. Die Führung hätte in den Händen von Pol Pot gelegen. Hu Nim und Hou Youn erhielten ebenfalls Ministerposten in der GRUNK. Von 1970 bis 1975 hielt sich Samphan primär im Hauptquartier S-71 der Roten Khmer auf. Er galt als offizielles Gesicht der Bewegung. Neben engen Verbindungen zu Pol Pot unterhielt er enge Beziehungen zu Nuon Chea. Er war in der Ausbildung von Kadern tätig und erarbeitete Programme für den von Hanoi aus sendenden Radiosender der Bewegung. Daneben führten ihn offizielle Missionen ins Ausland. Im Jahr 1973 ermöglichte er Prinz Sihanouk einen Besuch in den „befreiten Zonen“ des Landes. Ein Jahr später führte er eine Delegation der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (NLF) durch die entsprechenden Gebiete.
Bei einer Sitzung im Juni 1974 legte das Zentralkomitee die Strategie nach der Übernahme der Regierungsgewalt fest. Die Städte sollten evakuiert, die Landwirtschaft in Kooperationen umgewandelt und Geld sollte abgeschafft werden. Ob Samphan an diesem Treffen am Mekong teilnahm, ist ungewiss. Er selbst gab an, sich im Juni 1974 im südlichen Laos aufgehalten zu haben und von den Beschlüssen nichts gewusst zu haben. 1972 oder 1973 heiratete Samphan So Socheat, eine Köchin von S-71. Am 24. Februar 1975 nahm Samphan an einem Treffen der FUNK teil. Danach verkündete er über Radio die Todesstrafe für Lon Nol und sechs weitere Regierungsmitglieder. Während der Belagerung von Phnom Penh hielt er sich im militärischen Hauptquartier B-5 in der Nähe der Hauptstadt in Udong auf. Nach dem Fall der Stadt zog er zuerst in das K-1 benannte Hauptquartier von Pol Pot, später in die Residenz des Zentralkomitees K-3. In diesem Jahr besuchte er China und Nordkorea.
Samphan war in der neuen Regierung für bestimmte Wirtschaftsfragen zuständig. Er war Leiter des Handels-Komitees von S-71. Wirtschaftsminister war er aber nie. Offiziell behielt er auch seine Positionen als stellvertretenden Premierminister und Verteidigungsminister der GRUNK und war weiterhin offiziell Befehlshaber der FUNK. Im September 1975 kehrte Prinz Sihanouk aus seinem Exil in Peking nach Phnom Penh zurück. Nominal war Prinz Sihanouk der Premierminister der neuen Regierung in Phnom Penh. Aber die wirkliche Macht lag in den Händen von Pol Pot. Es wurde spekuliert, dass Samphan im Oktober 1975 Leiter des gefürchteten Büros 870 der Parteiorganisation Angka wurde. Auch war er wesentlich an der Schulung von kambodschanischen Intellektuellen, welche nach der Machtübernahme aus Hanoi zurückkehrten, beteiligt. Viele dieser Rückkehrer wurden später ermordet. Sampan begleitete Prinz Sihanouk bei Besuchen durch die ländlichen Regionen des Landes. Im April 1976 stellte er eine neue Verfassung von Kambodscha der internationalen Presse vor. Die Mitglieder von GRUNK mussten von ihren Ministerposten zurücktreten.
Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer war Khieu Samphan nach dem erzwungenen Rücktritt von Prinz Norodom Sihanouk von 1976 bis 1979 Vorsitzender des Staatspräsidiums und damit Staatsoberhaupt des neu gegründeten „Demokratischen Kampuchea“. Er galt so der internationalen Öffentlichkeit als Gesicht des Regimes, eine Rolle, die er nach 1979 für die Roten Khmer weiter ausübte. Offiziell wurde er vom neugeschaffenen Parlament, der Versammlung der Vertreter des Volkes von Kampuchea (KPRA), zum Präsidenten gewählt. In Wirklichkeit wurde er vom Zentralkomitee der Partei für dieses Amt ernannt. Seine Position war primär zeremoniell und symbolisch. In dieser Position war er für die Akkreditierung von ausländischen Diplomaten zuständig und betreute ausländische Delegationen. Auch führte er Delegationen ins Ausland an und unterzeichnete und empfing diplomatische Nachrichten. Auch hielt er Ansprachen, in denen er die Revolution der Bevölkerung anpries. Er verteidigte die Politik der Kommunistischen Partei, Abschaffung von Geld, Kollektivierung der Landwirtschaft, Kinderarbeit und Frondienste. Vor Gericht gab er später an, Pol Pot hätte ihn zu solchen Aussagen genötigt. In vielen Punkten hätte er zwar innerlich den Aussagen von Pol Pot zugestimmt, in anderen aber widersprochen. Die Abschaffung des Geldes hielt er für einen Fehler.
Später gab Khieu Samphan vor Gericht an, über die wahre Situation in Kampuchea schlecht informiert gewesen zu sein. Auch sei er nie Mitglied des Politbüros gewesen, sondern nur Mitglied des Zentralkomitees. Dokumente des Politbüros beweisen aber, dass Khieu Samphan sehr wohl an vielen Treffen des Politbüros teilnahm, in denen die Lage des Demokratischen Kampuchea diskutiert wurde, obwohl er nicht offiziell Mitglied des Gremiums war. Das Gericht analysierte 23 Sitzungsprotokolle. In 19 dieser Protokolle wurden die Anwesenden aufgelistet. In 16 Protokollen wurde Khieu Samphan als Teilnehmer aufgelistet. Es wurden Sitzungsprotokolle zwischen Oktober 1975 und 1976 ausgewertet. Unklar ist, ob es noch weitere Treffen des Gremiums gab, von denen keine Protokolle geführt wurden, oder aber die Protokolle verlorengingen. Auch später nahm Khieu Samphan regelmäßig an den Treffen des Gremiums teil. Themen waren Lebensbedingungen auf dem Land, Todeszahlen und Hungersnöte, aber auch Militärfragen, Außenpolitik und der bewaffnete Konflikt mit Vietnam.