Karl Franz von Lothringen, Fürst von Commercy, Graf von Rosnay (französisch Charles François de Lorraine, prince de Commercy, comte de Rosnay) (* 11. Juli 1661 in Bar-le-Duc; † 15. August 1702 nahe Luzzara), war ein kaiserlicher Feldmarschall aus französischem Hochadel und enger Vertrauter des Prinzen Eugen von Savoyen (* 1663; † 1736). In zeitgenössischen Quellen wird er oftmals nur als Fürst (von) Commercy oder einfach Commercy bezeichnet.
Er schloss sich, wie viele der lothringischen Militärs, der kaiserlichen Armee an, um am Großen Türkenkrieg (1683–1699) teilzunehmen, verblieb allerdings auch noch in kaiserlichem Dienst, als sich der Kampf im Pfälzischen (1688–1697) und Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) nun gegen Frankreich richtete. Im Kampf fiel er durch persönlichen Einsatz und seine Sorgfalt bei der Organisation der ihm unterstellten Truppen auf.
Von seinem Leben ist über die militärische Karriere hinaus nur wenig bekannt. Das liegt einerseits an seinem relativ frühen Tod, aber andererseits vor allem auch an der herausragenden Persönlichkeit des Eugen von Savoyen, dem gegenüber die Schicksale der übrigen kaiserlichen Heerführer dieser Zeit in der modernen österreichischen Geschichtsschreibung stark zurückgedrängt wurden.
Herkunft und Jugend in Frankreich
Commercy wurde am 11. Juli 1661 in der lothringischen Stadt Bar-le-Duc in das Haus Guise hineingeboren, das eine Nebenlinie des Hauses Lothringen war und seit 1582 die Herzöge von Elbeuf stellte. Der Titel ging allerdings nicht an seinen Vater, François Marie de Lorraine, Fürst von Lillebonne (* 1624; † 1694), da dieser nur ein jüngerer Sohn von Charles II. de Lorraine, 2. Herzog von Elbeuf (* 1596; † 1657), und dessen Frau Catherine Henriette de Bourbon (* 1596; † 1663), einer Tochter Heinrichs IV. von Frankreich aus einer Verbindung mit seiner Mätresse Gabrielle d’Estrées, war.
So schlug sein Vater eine militärische Laufbahn ein und begann seine Karriere noch in den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges als Kavallerieoffizier in der französischen Armee. Nach einer kinderlos gebliebenen ersten Ehe heiratete der Fürst von Lillebonne im Jahr 1660 Anna von Lothringen-Vaudémont (* 1639; † 1720), eine legitimierte Tochter Karls IV. von Lothringen (* 1604; † 1675), zu dessen Vorfahren unter anderen der französische König Heinrich II. und Katharina von Medici zählten. Die neun Kinder des Paares stammten somit von Herrschern aus zwei regierenden französischen Dynastien, Bourbon und Valois, ab. Allerdings erlebten nur vier der Kinder das Erwachsenenalter:
Karl Franz (* 1661; † 1702), Fürst von Commercy
Beatrix Hieronyma (* 1662; † 1738), genannt Mademoiselle de Lillebonne
Maria Elisabeth (* 1664; † 1748), genannt Mademoiselle de Commercy
Johann Franz Paul (* 1672; † 1693), genannt Prinz Paul.
Karl Franz von Lothringen-Elbeuf erhielt den Titel Fürst von Commercy, da er der älteste Sohn des Inhabers der Herrschaft von Commercy war. Diese wurde dem Kardinal von Retz im Jahr 1665 von seiner Mutter, der Fürstin von Lillebonne, abgekauft, wobei der Großteil der Kosten von ihrem Vater Karl IV. von Lothringen übernommen wurde. Später vermachte sie in einem Erbvertrag von 1699 dann auch ihre Ländereien, unter Vorbehalt eines eingeschränkten Fruchtgenusses, an ihren ältesten Sohn, der seinerseits für den Fall seines Todes ohne männliche Nachkommen den Herzog von Lothringen als Erben einsetzte.
Commercys Vater, der Fürst von Lillebonne, der als Offizier durchaus geachtet war, neigte privat zu solcher Verschwendungssucht, dass seine Ehefrau zeitweilig auf Geldzuwendungen des Kriegsministers Louvois angewiesen war, um sich und ihre Familie mit dem Notwendigsten versorgen zu können. Wegen dieser prekären finanziellen Lage der Familie war Commercy ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt gewesen, durfte aber auf seinen eigenen Wunsch hin später doch Soldat werden und erhielt 1681 von Ludwig XIV. eine Kavalleriekompanie verliehen. Wie hoch angesehen die Familie Commercys um 1680 am Hof war, bezeugt das Ballet du triomphe de l’amour, das Philippe Quinault und Jean-Baptiste Lully 1681 zu Ehren des französischen Thronfolgerpaares verfassten. Unter den darin enthaltenen Huldigungen auf die teilnehmenden Mitglieder der Hofgesellschaft findet sich auch jeweils eine auf Commercy und seine Schwester Maria Elisabeth.
Ob Commercys Freundschaft zu Eugen von Savoyen bereits damals bestand, geht aus den Quellen nicht eindeutig hervor, sicher ist nur, dass die beiden einander bereits in Frankreich kannten. Im Gegensatz zu Eugen brachte Commercy jedenfalls alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere bei Hof und Heer mit. Dass er trotzdem die französischen Streitkräfte verließ, hatte vielfältige Gründe. Sicherlich hoffte er im Großen Türkenkrieg gegen das Osmanische Reich schnell Karriere zu machen, zumal er entgegen seiner Erwartung keines der 1684 neu aufgestellten französischen Regimenter erhalten hatte. Vielleicht spielte auch ein gewisses Loyalitätsgefühl Herzog Karl V. von Lothringen (* 1643; † 1690) gegenüber eine Rolle bei seiner Entscheidung. Im Mai 1684 entfernte er sich ohne Erlaubnis von der Truppe, worauf Ludwig XIV. den Befehl gab, ihn in der Zitadelle von Metz gefangen zu setzen. Anfang September 1684 wurde am französischen Hof dann aber bekannt, dass Commercy geflüchtet und in Ungarn eingetroffen sei.
Militärische Karriere im kaiserlichen Heer
Zu jenem Zeitpunkt befand sich die Habsburger Monarchie im Krieg gegen das Osmanische Reich (→ Großer Türkenkrieg). Herzog Karl V. von Lothringen diente dem Kaiser als Feldherr in Ungarn, und Commercy schloss sich diesem als Freiwilliger an. In den Auseinandersetzungen zwischen dem Herzog auf der einen und dem Hofkriegsratspräsidenten Herrmann Markgraf von Baden auf der anderen Seite scheint Commercy eine Vermittlerrolle eingenommen zu haben, ohne jedoch eine Versöhnung zwischen den verfeindeten Blöcken herbeiführen zu können.
Im Jahr 1685 wurde Commercy während der Belagerung von Neuhäusel verwundet, nahm aber trotzdem an der Erstürmung der Stadt teil. Nach einer erneuten Verwundung während der zweiten Belagerung von Ofen im folgenden Jahr erhielt er am 11. Oktober für seine Leistungen die Beförderung zum Generalfeldwachtmeister. Am 23. November verlieh ihm Kaiser Leopold I. zudem die Inhaberschaft über das Kürassier-Regiment Mercy de Billets, das daraufhin, wie damals üblich, Commercys Namen trug.
Während eines kleinen Gefechtes kurz vor der Schlacht am Berg Harsány im August 1687 verlor Commercys Leibkompanie ihre Standarte. Dieser Vorfall inspirierte Commercy zu einer Tat, die bis ins 19. Jahrhundert in vielen Büchern als Muster für soldatische Tugenden zitiert wurde.
Der französische Marquis de Villars, der als Abgesandter dem Feldzug beiwohnte, bestätigte in seinen Memoiren, dass Commercy durch eine Lanze verwundet worden war. Allerdings dürfte das Geschehen ausgeschmückt worden sein. Vor allem die Wortwechsel und manchmal auch der Ablauf werden unterschiedlich wiedergegeben. Die erbeutete Standarte wurde auf Commercys Wunsch hin in der Kirche Notre-Dame-de-Bonsecours in Nancy aufgehängt, während Commercys Leibkompanie eine neue Standarte bekam, die von Kaiserin Eleonore Magdalena in Auftrag gegeben worden war.