Karl Kerényi, ungarisch Károly Kerényi [ˈkaːroj ˈkɛreːɲi] (* 19. Januar 1897 in Temesvár, Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn; † 14. April 1973 in Kilchberg, Schweiz), war ein ungarischer Klassischer Philologe und Religionswissenschaftler.
Karl Kerényi wurde als Sohn des Postbeamten Koloman Kinzig (1868–1934) geboren, dessen Vorfahren aus dem Kinzigtal im Schwarzwald nach Ungarn eingewandert waren. Dieser nahm den Familiennamen Kerényi an, die ungarische Form von Quirinus. Kerényi lernte Deutsch als Fremdsprache in der Schule und wählte es im Studium bewusst als seine Forschungssprache. Kerényi identifizierte sich mit der Stadt Arad, wo er ins Gymnasium ging, denn die Stadt der 13 Märtyrer des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/49 versprühte einen Geist der Unabhängigkeit. Während des Studiums der Altphilologie an der Universität Budapest schätzte er als Lehrer vor allem den Latinisten Géza Némethy und den Indogermanisten und Indologen Josef Schmidt. 1919 wurde Kerényi in Budapest mit einer Arbeit über Platon und Longinus – Forschungen zur Geschichte der antiken Literaturwissenschaft und Ästhetik promoviert und unterrichtete an verschiedenen Budapester Gymnasien Griechisch und Latein. Daneben unternahm er ausgedehnte Reisen im mediterranen Raum und absolvierte Studienaufenthalte in Greifswald, Berlin und Heidelberg bei den Altertumswissenschaftlern Eduard Norden, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Franz Boll. Nach seiner Habilitation im Jahr 1927 an der Universität Budapest wurde er 1934 als Professor für Altertumskunde (Griechische und Lateinische Philologie und Alte Geschichte) an die Universität Pécs berufen. In Budapest hielt er weiterhin als Privatdozent Freitagsvorlesungen über antike Literatur und Mythologie, die von vielen Intellektuellen wegen ihres freiheitlichen Zuschnitts besucht wurden.
In der Folge einer starken Verschiebung der politischen Kräfte nach rechts wurde das Universitätswesen im Königreich Ungarn 1940 unter politischem Druck reformiert. Professoren, die sich diesem Druck nicht fügen wollten, wurden an der Universität Szeged konzentriert. So wurde auch Kerényi 1941 gegen seinen Willen an die Universität Szeged auf eine Professur für Altertumswissenschaften versetzt. Der pro-westliche, liberale Ministerpräsident Miklós Kállay versuchte dagegen 1943 die nach rechts orientierte, nazifreundliche Politik zu revidieren. Er begann liberale Wissenschaftler, die sich im Ausland bereits einen Namen gemacht hatten, nach Westeuropa zu schicken, um zu zeigen, dass es auch ein anderes, freidenkendes antifaschistisches Ungarn gab. So bot das Außenministerium Kerényi an, ein Jahr mit diplomatischem Status als Kulturattachée in der Schweiz zu verbringen, was dieser unter der Bedingung akzeptierte, anstelle von Bern am Lago Maggiore (Tessin) zu residieren. Als am 19. März 1944 die deutsche Wehrmacht in Ungarn einmarschierte, dissidierte Kerényi: Er schickte, wie die meisten anderen Ungarn mit Diplomatenstatus in der Schweiz, seinen Pass zurück und wurde so zum staatenlosen, politischen Flüchtling.
Seit 1941 war Karl Kerényi auf Einladung von Carl Gustav Jung Vortragender an den Eranos-Tagungen in Ascona. Die regelmäßigen Kontakte mit dem Schweizer Psychologen hatten ursprünglich seine Verbindung mit der Schweiz und dem Tessin begründet, die nun zur permanenten Emigration führte. In der Schweiz war Kerényi von 1945 bis 1947 Lektor für ungarische Sprache und Literatur an der Universität Basel. Im November 1947 reiste Kerényi nach Ungarn, um eine Antrittsrede in der Akademie der Wissenschaften zu halten, mit der Idee, beim Aufbau eines demokratischen Ungarn mitzuwirken. Auf Grund von Warnungen vor dem kommunistischen Umsturz unter Mátyás Rákosi reiste Kerényi allerdings, eben in Budapest angekommen, sogleich wieder ab. Unter der stalinistischen Rákosi-Diktatur wurde Kerényi denn auch durch den Propagandaapparat unter György Lukács diskreditiert. Sein akademischer Titel wurde ihm entzogen und erst 1989 post mortem wieder zuerkannt.
In der Schweiz schrieb und publizierte Karl Kerényi zwischen 1945 und 1968 den Großteil seines umfangreichen Werkes. Obwohl er als akademischer Außenseiter bezeichnet werden kann, hatte er während dieser Zeit seine größte Wirkung als einer der letzten Vertreter der großen Tradition der humanistischen Altertumswissenschaften. Über zwanzig Jahre, von 1934 bis 1955, unterhielt Kerényi auch einen aktiven Briefwechsel mit Thomas Mann zu den Themen Mythologie, Religion, Humanismus und Psychologie.
Von 1948 bis 1966 war Kerényi Forschungsleiter des C. G. Jung-Instituts in Küsnacht bei Zürich, wo er bis 1962 Vorlesungen über Mythologie hielt. In diesen Jahren wohnte Kerényi in der Nähe des Monte Verità in Ascona. 1962 erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Kerényi hatte zudem verschiedenste Gastprofessuren inne, so an den Universitäten Bonn (1955/56), Oslo und Rom (1960), Zürich (1961) und Genua (1964). Zwischen 1960 und 1971 hielt er jährliche Vorträge auf den Tagungen des Instituts für Philosophie der Universität Rom. Seit 1955 gehörte Kerényi dem Wissenschaftlichen Beirat der Sachbuchreihe Rowohlts deutsche Enzyklopädie an.
Karl Kerényi starb am 14. April 1973 in Kilchberg und ist auf dem Friedhof von Ascona beigesetzt.
Verheiratet war er in erster Ehe mit Erzsébet (Elisabeth) Stamberger (1896–1990), die als Lateinlehrerin tätig war. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor, darunter die Schriftstellerin Grácia Kerényi (1925–1985).
Nach der Scheidung heiratete er 1936 die Studentin Magda Lukács (1914–2004), Tochter eines Gymnasialdirektors. Aus dieser Ehe gingen ein Sohn und zwei Töchter hervor, darunter die Klassische Archäologin Cornelia Isler-Kerényi (* 1942).
Seine zweite Ehefrau, Magda Kerényi, widmete ihr weiteres Leben und Werk der Erhaltung von Kerényis Vermächtnis. Seit ihrem Tod 2004 sind alle Zeugnisse zu Kerényis Lebensgeschichte (Photos, Briefe, Dokumente, Manuskripte u. a. m.), die nicht während des Krieges in Budapest verloren gingen, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zugänglich. Seine umfangreiche Bibliothek und der Nachlass von Magda Kerényi befinden sich in der Universität Pécs, wo auch eine Straße nach ihm benannt ist.
Wissenschaftliches Werk und philosophisches Gedankengut
Von jungen Jahren an übten Philosophen wie Schopenhauer, Bachofen und Nietzsche, Schriftsteller wie Hölderlin und Rilke und Wissenschaftler wie Wilhelm von Humboldt auf Karl Kerényi einen zentralen Einfluss aus. Während seines Studiums der Altphilologie war Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff der international tonangebende Altphilologe. Für Kerényi wegweisend sollte aber Erwin Rohdes Ansatz zur antiken Romanliteratur werden. Dies führte zu seinem ersten Buch Die griechisch-orientalische Romanliteratur in religionsgeschichtlicher Beleuchtung. Ein Versuch, mit dem sich Kerényi habilitierte. Doch schon bald nach seiner Habilitation wurde Kerényi 1929 auf einer Griechenland-Reise der Schulphilologie überdrüssig. Kerényi sah die Aufgabe der Philologie in der Analyse der schriftlichen Überlieferung der Antike als Ausdruck gelebten Lebens, so wie die Archäologie sich der sinnlichen Überlieferung der Antike widmet (durch die Wirkung der direkten Berührung). Seine ersten bewussten Schritte weg von der Schulphilologie waren seine frühen Werke Apollon (eine Sammlung von Essays) und Die antike Religion. Im selben Jahr 1929 traf Kerényi auch Walter F. Otto zum ersten Mal, der ihn fortan stark prägte. Der Erforscher der griechischen Mythologie gab Kerényi die entscheidenden Impulse, das religiöse Element der antiken Existenz in den Mittelpunkt zu rücken. Speziell zu erwähnen sind hier weiter die beiden von Kerényi verfassten Bände der Mythologie der Griechen (zwei Bände, erschienen 1951 und 1958) und die Mysterien der Eleusis (1962).
Abgrenzung von Wilamowitz und dem deutschen Mythosbegriff
In der Folge vollzog Karl Kerényi eine bewusste Trennung von der Wilamowitzschen Philologie. Für Kerényi stand Wilamowitz’ Ansatz für einen Autoritarismus, den er mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus verband und der ihm ethisch nicht vertretbar erschien. Kerényi entwickelte so immer mehr eine ablehnende Haltung gegenüber dem zeitgenössischen deutschen Mythosbegriff, der im nationalsozialistischen Deutschland als leitende Referenz gebraucht wurde. Bereits 1934 äußerte Kerényi sein klarsichtiges Entsetzen über die radikalisierenden Entwicklungen in Deutschland. Einen freiheitlichen und menschlich-psychologischen Mythosbegriff zu etablieren, der nicht für nationalistische Ideologien missbraucht werden konnte, war ein bleibendes Anliegen Kerényis, das sich auch in seiner Beziehung zu mehreren seiner wissenschaftlichen Geistesväter niederschlug. Bei Wilamowitz am deutlichsten festgestellt, entwickelte Kerényi später auch gegenüber Otto und Mann einen sensiblen Sinn, sich von jenen Aspekten in deren Mythosverständnis abzusetzen, die er im deutschen Nationalsozialismus wiedererkannte.