Karl Vollmoeller, eigentlich Karl Gustav Vollmöller, (* 7. Mai 1878 in Stuttgart; † 18. Oktober 1948 in Los Angeles) war ein deutscher Archäologe, Philologe, Lyriker, Dramatiker, Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer, Rennfahrer, Flugzeugkonstrukteur, Pionier des Stumm- und Tonfilms, Unternehmer und Reformer des deutschen, europäischen und amerikanischen Theaters und zeitweise Politiker. Im gesellschaftlichen Leben Berlins der 1920er Jahre galt er als Dandy.
Zu Vollmoellers wichtigsten und berühmtesten Werken gehören der Gedichtzyklus Parcival – Die frühen Gärten, sein Versdrama Catherina – Gräfin von Armagnac und sein wortloses Theaterstück Das Mirakel / The Miracle, das häufig als Pantomime beschrieben wird, jedoch weit darüber hinausgreift. Als einer der Wegbereiter des deutschen Autorenfilms gehört Vollmoellers Verfilmung von Das Wunder / The Miracle zu den ersten Beispielen eines hochwertigen Kunstfilms. Seine hohe Kunstfertigkeit bewies Vollmoeller als Drehbuchautor und Berater des Kultfilms Der blaue Engel. Als inoffizieller „Botschafter“ für Belange europäischer Kultur sowie als transatlantischer Mittler zwischen den Filmzentren in Babelsberg und Hollywood setzte er sich zu einer Zeit, in der sich Europa in Nationalstaaten und Nationalismen auflöste, für den Dialog aller Künstler über Landes- und Sprachgrenzen hinweg ein.
Kindheit und Jugend, 1878–1896
Karl Vollmöller entstammte einer Familie evangelischer Theologen, Wissenschaftler und Unternehmer. Sein Vater, Kommerzienrat Robert Vollmöller, gründete eines der größten deutschen und europäischen Textilunternehmen seiner Zeit und gehörte zu den Pionieren einer sozialen Marktwirtschaft, die die Interessen der Arbeitnehmer gleichberechtigt neben die der Unternehmer stellte. Um die Jahrhundertwende wurde sein soziales Wirken in vielen Zeitschriften und Büchern hervorgehoben. Karls Mutter, Emilie Vollmöller, geborene Behr, war eine Vertreterin der christlichen Sozialethik und stand für Gleichberechtigung und Frauenemanzipation. Gemeinsam mit ihrem Mann Robert gründete sie einige soziale Einrichtungen im heutigen Stuttgart-Vaihingen, so das Emilienheim und den Filderhof, der noch heute als Altenheim existiert.
Karl Vollmoeller hatte neun Geschwister, darunter die Malerin Mathilde Vollmoeller, die mit dem Maler Hans Purrmann verheiratet war. Martha Müller, geb. Vollmöller (1883–1955) gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den ersten weiblichen Abiturientinnen Württembergs und den vier ersten Studentinnen Tübingens. Hans Robert Vollmöller (1889–1917), Karls zweitjüngster Bruder, war Flugzeugpionier und Testpilot, der 1917 bei einem Testflug nahe Berlin ums Leben kam. Kurt Vollmöller (1890–1936), Karls jüngster Bruder, war wie er Schriftsteller und publizierte um 1930 mehrere Romane und Erzählungen. Sein älterer Bruder war der Unternehmer Rudolf W. Vollmoeller (1874–1941).
Die ersten Jahre wurde Karl Vollmoeller gemeinsam mit seiner Schwester Mathilde privat unterrichtet, bevor er ab 1888 das Karls-Gymnasium Stuttgart besuchte, das er 1896 mit der Reifeprüfung abschloss. 1894 starb die Mutter plötzlich. Ab diesem Zeitpunkt schrieb und veröffentlichte Karl Vollmoeller Gedichte.
Vollmoeller studierte zunächst in Berlin und Paris Altphilologie, Kunst und Malerei. Hiermit folgte er seinem Onkel, dem Romanisten Karl Vollmöller, der an den Universitäten Straßburg, Erlangen und Göttingen gelehrt hatte und zu diesem Zeitpunkt als Privatgelehrter in Dresden lebte. Karl Gustav Vollmoeller studierte ab 1899 Klassische Archäologie in Bonn und schloss dieses Studium 1901 mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Der Titel seiner Dissertation lautet: Griechische Kammergräber mit Totenbetten.
Ab 1897 lebte Vollmoeller jeweils über die Sommermonate in Süditalien, bevorzugt in Sorrent nahe Neapel. Er erwarb die Villa Arlotta, ein Anwesen inmitten eines riesigen Orangen- und Zitronenhains direkt an der Steilküste mit Blick auf Neapel und Ischia. Er veröffentlichte Gedichte in den Zeitschriften Simplicissimus, Pan und in den Blättern für die Kunst. 1897 erschien in Berlin sein erstes Buch Die Sturm- und Drangperiode und der moderne deutsche Realismus.
1898 bereiste er gemeinsam mit Max Dauthendey Griechenland, wohin er 1900 zurückkehrte, um sieben Monate lang an Ausgrabungen im Umfeld der Archäologen Wilhelm Dörpfeld, Alexander Conze, Theodor Wiegand und Paul Wolters teilzunehmen. Außerdem führte Vollmoeller im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Archäologischen Instituts gemeinsam mit seinem Freund Richard Delbrueck in Megara eigene Grabungen durch, die beide 1900 publizierten. Gleichzeitig entstanden die Gedichtzyklen Die frühen Gärten und Parcival. Daneben arbeitete Vollmoeller an seinem ersten Versdrama Catherina – Gräfin von Armagnac und dem Trauerspiel Assues, Fitne und Sumurud.
Er freundete sich zu dieser Zeit neben Dauthendey mit André Gide, August Strindberg, Stefan George, Rainer Maria Rilke und Gabriele d’Annunzio an.
Automobilrennfahrer und Flugzeugkonstrukteur, 1902–1912
Zwischen 1902 und 1908 betätigte sich Vollmoeller als Autorennfahrer und nahm mehrmals am Gordon-Bennett-Cup teil. Im September 1912 war er in Innsbruck ursächlich an einem Verkehrsunfall beteiligt, bei dem ein Kleinkind getötet wurde. Ein Verschulden am Zustandekommen des Unfalls konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Das Mädchen war in das Fahrzeug Vollmoellers gelaufen und von ihm überrollt worden.
1904/1905 begann Vollmoeller gemeinsam mit dem Bruder Hans Robert, Flugzeuge zu bauen. Es entstanden vier Prototypen, von denen der letzte 1910 nonstop von Cannstatt bis zum Bodensee flog; Pilot war Hans Vollmöller. Dieses Flugzeug befindet sich heute in der Flugwerft Schleißheim, einer Luftfahrtausstellung des Deutschen Museums München.
1902 begann Vollmoeller seine Übersetzungstätigkeit. Als erstes Werk übertrug er Gabriele D’Annunzios Francesca da Rimini aus dem Italienischen ins Deutsche. Das Buch erschien 1903 im S. Fischer Verlag, Berlin.
Ab 1904 wendete er sich den klassischen griechischen Dramen zu und übertrug Sophokles’ Antigone sowie Aischylos’ Orestie aus dem Griechischen ins Deutsche. Darüber hinaus bearbeitete er beide Werke für das Theater. Max Reinhardt inszenierte beide Werke mehrfach. Besonders Vollmoellers Orestie-Bearbeitung entwickelte sich zum Longseller, sie wurde zwischen 1911 und 1942 vielfach inszeniert.
1904 folgte, gemeinsam mit der Schwester Mathilde, die Übersetzung der Liebesbriefe einer jungen Frau aus dem Englischen. Das Buch erschien im Leipziger Insel Verlag.
1908 schloss Vollmoeller einen Exklusivvertrag mit dem Insel Verlag und übersetzte, teilweise gemeinsam mit Rudolf G. Binding, sechs weitere Titel von Gabriele D’Annunzio ins Deutsche, darunter den Roman Vielleicht, vielleicht auch nicht und das Drama Phädra.
Von 1895 an mit Stefan George bekannt, wurde Vollmoeller 1897 von diesem in dessen George-Kreis aufgenommen und wurde zwischen 1897 und 1902 Mitarbeiter an den von George und dem Georg Bondi Verlag herausgegebenen Blättern für die Kunst.