Karl Fruchtmann (* 10. Dezember 1915 in Meuselwitz; † 10. Juni 2003 in Bremen) war ein deutscher Regisseur, Autor und Filmemacher.
Karl Fruchtmann wurde in eine polnisch-jüdische Familie geboren. Mit vier Geschwistern wuchs er in der damals zum Herzogtum Sachsen-Altenburg gehörenden, später thüringischen Kleinstadt Meuselwitz auf. 1936 wurden er und sein Bruder Max in das KZ Sachsenburg bei Chemnitz verschleppt. Später kam Karl Fruchtmann in das KZ Dachau, von wo er 1937 unter der Zusicherung, umgehend Deutschland zu verlassen, wieder freikam. Noch im selben Jahr wanderte er nach Palästina aus. In den 1950er Jahren verbrachte er einige Zeit in London und New York. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück und erlernte beim Westdeutschen Rundfunk als Kabelträger das filmische Handwerk. Als Regisseur inszenierte er u. a. in Bern, Zürich (Schauspielhaus), Berlin, Düsseldorf, Wuppertal, am Burgtheater Wien und am Thalia-Theater Hamburg. 1996 erfolgte die Ernennung zum Honorarprofessor für Filmwissenschaft an der Universität Bremen.
Sein älterer Bruder war der Schriftsteller Benno Fruchtmann. Fruchtmann war mit der aus Kanada stammenden Malerin Janet Clothier (1928–2012) verheiratet, aus der Ehe stammt die 1961 geborene Tochter Sara Fruchtmann, die zunächst als Filmeditorin und Regisseurin arbeitete und seit 2006 das Bremer Geschichtenhaus leitet. Fruchtmanns schriftlicher Nachlass befindet sich im Nachlass-Archiv der Akademie der Künste in Berlin.
Seine erste Regie war 1962 die Fernsehspielbearbeitung eines englischen Bühnenwerks. 1963 begann bei Radio Bremen seine langjährige Zusammenarbeit bei 30 Filmprojekten mit dem Kameramann Günther Wedekind.
Fruchtmanns Credo: „Ich habe, glaube ich, keinen Film gemacht mit dem ich nicht etwas sagen wollte. (...) Ja, ich glaube, alles was ich mache, stellt die Anforderung, eine Aussage zu sein über menschliche Verhältnisse, über menschliche Verhaltensweisen und beinhaltet ganz sicher den Wunsch, dass das, was schlecht ist, vielleicht ein bisschen weniger schlecht sein wird.“.
Das Fernsehspiel ist die deutsche Bearbeitung des Bühnenstücks The Browning Version von Terence Rattigan in der Übersetzung von Alfred H. Unger. Am Ende seiner eher erfolglosen Laufbahn erhält der Lehrer Andrew Crocker-Harris (gespielt von Wolfgang Büttner) die Übersetzung des Agamemnon durch den viktorianischen Dichter Robert Browning. Rattigan schildert das Ringen Brownings mit dem Drama von Aischylos über das Scheitern des Heerführers vor Troja und seine Ermordung durch die untreue Ehefrau. Er sah darin nicht nur das klassische Vorbild über Ambitionen und Scheitern, sondern wollte auch aufzeigen, warum Klytaimnestra durch Arroganz und Egoismus des Ehemanns in die Untreue getrieben worden sei. Eine kaum zu übersehende Andeutung der Schüler auf das Leben ihres gescheiterten Lehrers. Dieser hatte mit seinem zunehmenden Missmut durch die frustrierenden und sich stets wiederholenden Aufgaben als Sprachlehrer am College die Bedürfnisse seiner lebenshungrige Frau Millie (gespielt von Dagmar Altrichter) völlig missachtet. Im Disput mit seinen Kollegen muss er sich eingestehen, dass Brownings Übertragung deutlich moderner sei, als seine Neuübersetzung. Zugleich wird er vom Geliebten seiner Frau, dem jungen Physiklehrer Frank Hunter (gespielt von Georg Thomas) in einen Disput vom vermeintlichen Vorrang der Naturwissenschaften verwickelt, der die zu diesem Zeitpunkt aufkommende These von C. P. Snow zu den Zwei Kulturen aufgreift. Mit diesen drei Ebenen (Antike = Aischylos, Viktorianisches Zeitalter = Browning, Gegenwart = Rattigan) versucht Fruchtmann die zeitlose Dynamik menschlichen Scheiterns an den eigenen Ansprüchen zu schildern.
Philadelphia, ich bin da (1967)
Das tragisch-komische Drama ist im fiktiven „Ballybeg“ angesiedelt, in dem der irische Autor Brian Friel 14 seine Stücke spielen lässt. In 24 Stunden wird Gary O’Donnell (gespielt von Peter Striebeck) im Flugzeug nach Philadelphia sitzen. Dort wartet Tante Lizzy und sein neuer Job im Emperor-Hotel. Am letzten Tag gilt es nun Abschied zu nehmen. Abschied vom wortkargen Vater, der jeden Abend, wenn er seinen Kramladen zugeschlossen hat, mit Hochwürden seine unvermeidlichen Damepartien spielt, aber auch von der Clique und ihren meist erfundenen Liebesabenteuern. Außer dem mit Kate, mit der zusammen er einmal sieben Jungen und sieben Mädchen miteinander haben wollte. Landflucht und Aufstieg versus Geborgenheit und Bescheidenheit einer Kleinstadt als transnationales Phänomen und Zeitspiegel machten das Stück zu einem der meistgespielten irischen Dramen.
Jean Anouilh schrieb für das deutsche Fernsehen ein „modernes Märchen für Erwachsene“, für das er seine Bearbeitung antiker Tierfabeln benutzte. Angesiedelt in einem holländischen Dorf des 19. Jahrhunderts werden die Wirkungsweisen von „Liebe“ seziert. Eigentlich will Kanzleischreiber Hans (gespielt von Ralf Schermuly) standesgemäß die Wäscherin Maria heiraten. Deshalb nimmt er auch manch obskuren Auftrag an. So den von Baron Grotius (gespielt von Siegfried Wischnewski), auf seinem verwilderten Anwesen die unüberschaubaren Tierschar zu entwimmeln, indem er seine Kunst Vogelstimmen nachmachen zu können dafür einsetzt, wenigstens Katzen und Vögel zu trennen. Ein Unterfangen, das ihn zu einer Übernachtung zwingt. In der Nacht schleicht ein rotblondes Kätzchen in Hans’ Zimmer. Am nächsten Morgen ist es wieder verschwunden, doch kaum das Haus des Barons verlassend, begegnet ihm mit katzenhafter Eleganz ein Mädchen, das der nächtlichen Besucherin zu gleichen scheint. Agathes (gespielt von Donata Höffer) verführerischer Charme lässt Hans zweifeln, was nun die richtige Wahl ist, Treue oder Sehnsucht, Zuverlässigkeit oder Schönheit. Fruchtmann sei es jedoch trotz geschickter Regie und hervorragenden Darstellern nicht gelungen, die intendierte „elegante Provokation“ gegen den Zeitgeist moderner Beziehungen gerichtete Stück-Idee herüberzubringen, die sonst Anouilhs anderen Antikenadaptionen innewohnen würde, so die Theaterkritikerin Anne Schlichtmann.
Ein Kleinkrimineller auf der Flucht. Bei einem nächtlichen Einbruch in Dublin wird Johnson (gespielt von Vadim Glowna) ertappt. Er schlägt den Polizisten nieder, entkommt in einem gestohlenen Wagen. Die Fahndungsschlinge zieht sich immer enger. Untergetaucht bei einer alten Frau in den Slums, will er diese am Verrat hindern, mit tödlichen Folgen und doch vergeblich. Nun verketten sich die Ereignisse. Ein Polizist kommt ihm zu nahe und wird erschossen. Jetzt kommt die Großfahndung. Jetzt ist das eine Fernsehnachricht und die Chance für den ehrgeizige Fernsehreporter Davidson (gespielt von Rolf Becker). Der denkt sich den einfältigen Verbrecher hinein, ahnt seine Schritte, versteht seine Motive. Seine Reportagen werden gelobt. Jetzt ist er in Zugzwang, muss „liefern“. Durch Zufall ist er Johnson und der Polizei einen Schritt voraus. Der Verbrecher auf der Flucht - ein Live-Interview. Die große Chance. Um den Jungen nicht zu verschrecken, macht er Zugeständnisse, lässt die Polizei im Unklaren. Sein Verständnis für den zweifachen Mörder wird gesendet. Sein TV-Beitrag irritiert. Darf man das?. Die Frage nach der Verantwortung der Medien stellt Fruchtmann ohne klare Positionierung und unterscheidet sich damit von der Romanvorlage des australischen Journalisten Kenneth Cook. Ist die Sensationslust des Publikums ein ausreichender Rechtfertigungsgrund? Erlaubt die journalistische Neutralität auch, legitime Polizeiarbeit nicht zu unterstützen? Mit seiner Medienkritik greift Fruchtmann ein Grundproblem der Boulevardpresse auf - und das über zehn Jahre vor der Geiselnahme von Gladbeck von 1988.
Das Fernsehspiel von Radio Bremen schildert einen Tag im Leben einer esoterischen Glaubensgemeinschaft, die sich in der Wohnung einer Frau versammelt, um den Weltuntergang zu erwarten. Existenzangst, Unsicherheit, Angst vor Isolation und Enttäuschung über die Sinnlosigkeit ihres Daseins hat die acht Menschen zusammengeführt. Sie alle glauben an die Existenz außerirdischer, höher entwickelter Wesen, die die Zerstörung des Planeten Erde mit Sorge beobachten. Der pensionierte Studienrat (gespielt von Wolfgang Büttner) ist der geistige Führer der Gruppe. Er hat zahlreiche Dokumente und wissenschaftliche Materialien zusammengetragen, die die Glaubensthesen und Vorhersagen bestätigen und untermauern sollen. In Verbindung zu ihrem „Gott“ treten die Gläubigen durch die Hausfrau (gespielt von Ursula Hinrichs), die mediale Fähigkeiten besitzt und ihnen die Botschaften und Prophezeiungen übermittelt. Sie hat auch für den 26. April die kosmische Katastrophe verkündet, aus der alleine die „Gemeinde“ errettet werden soll. Die Gewissheit, auserwählt zu sein und schließlich errettet zu werden, hat den Gläubigen Kraft und Mut gegeben zu leben. Doch die übermittelte Prophezeiung erfüllt sich nicht. Die Wartenden beginnen, an ihrem Glauben zu zweifeln.