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Karl August Wittfogel

Deutsch-US-amerikanischer Soziologe, Philosoph und Sinologe (1896–1988)

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Karl August Wittfogel (* 6. September 1896 in Woltersdorf, Kreis Lüchow; † 25. Mai 1988 in New York City) war ein deutscher bzw. ab 1941 US-amerikanischer Soziologe und Sinologe.

Einige seiner wichtigsten Bücher sind die Dissertation Wirtschaft und Gesellschaft Chinas (1931) und die mit Feng Chia-Sheng verfasste History of Chinese Society, Liao (1947), das Ergebnis des Chinese History Project. Sein Hauptwerk ist Oriental Despotism (1957), übersetzt Die orientalische Despotie. Wittfogels Arbeiten über China beruhen auf Max Weber und Karl Marx.

Karl August Wittfogel war Sohn eines Lehrers. Er besuchte das Johanneum Lüneburg und war in der Jugendbewegung Wandervogel aktiv. Nach dem Abitur 1914 studierte er Philosophie, Geschichte, Soziologie, Geographie in Leipzig, München, Berlin und Rostock. 1917 wurde er zum Kriegsdienst als Fernmelder eingezogen.

1918 trat er der USPD bei und 1920, nach der Vereinigung von USPD Mehrheit und KPD, der VKPD. Zusammen mit Paul Reiner, Karl und Hedda Korsch sowie Martin Luserke war Wittfogel 1920 als Lehrer einer Räteschule der Jenaer Arbeiterschaft vorgesehen. Lehrer und Kursteilnehmer mussten einer sozialistischen Partei angehören. 1921 begann er sein Sinologie-Studium in Leipzig bei August Conrady und Eduard Erkes. In dieser Zeit war er eine der führenden Persönlichkeiten der Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) in Deutschland.

Wittfogel hatte seinen ersten schriftstellerischen Erfolg als Bühnenautor, mit jugendlich-revolutionären Stücken, die vom Malik-Verlag publiziert wurden. Sein Stück Der Krüppel war 1920 Teil des Eröffnungsprogramms von Erwin Piscators Berliner Proletarischem Theater. 1925 war er zudem Kulturredakteur der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne. Er war Mitglied in der Roten Gruppe und später im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, für dessen Linkskurve er Aufsätze über Ästhetik verfasste.

Im März 1922 trug Wittfogel vor einem Kongress sozialistischer und kommunistischer Studierender seine Kritik der bestehenden Wissenschaft vor, die er anschließend unter dem Titel Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft. Eine marxistische Untersuchung veröffentlichte. Im Sommer 1922 schrieb er für die Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes Die Junge Garde eine Reihe von Artikeln über die Anfänge der menschlichen Gesellschaft, die er in erweiterter Fassung als Broschüre unter dem Titel Vom Urkommunismus bis zur proletarischen Revolution. Erster Teil: Urkommunismus und Feudalismus mit Hilfe von Béla Fogarasi veröffentlichte. Die daran anschließende Artikelserie bildete das Kerngerüst für das Buch Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, das im Sommer 1923 abgeschlossen war und im Herbst 1924 erschien.

Als Lehrer an der Heimvolkshochschule Tinz hatte er 1920 Karl Korsch kennengelernt. Von 1921 bis 1932 war er mit Rose Schlesinger (* 1889) verheiratet. Felix Weil setzte ihnen in Berlin im Sommer 1922 den Plan zur Gründung eines Frankfurter Instituts für Sozialforschung auseinander. Während Rose Anfang 1923 hierfür die sozialwissenschaftliche Bibliothek organisierte, bekam Wittfogel selbst darin Hausrecht. Als Teilnehmer der Marxistischen Arbeitswoche Pfingsten 1923 lernte er Georg Lukács und auch Korschs Ansichten näher kennen.

Wittfogel schrieb seine erste Arbeit über China als Mitarbeiter des Frankfurter Instituts. Das erwachende China (1926) handelt vom Machtkampf zwischen Sun Yatsen und Yuan Shikai, ging aber weit in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Chinas zurück. Die Aufsätze Probleme der chinesischen Wirtschaftsgeschichte und Voraussetzungen und Grundelemente der chinesischen Landwirtschaft entstanden. 1930 wurde Wittfogel mit der umfangreichen Arbeit Wirtschaft und Gesellschaft Chinas in Frankfurt promoviert. Er hat sich in dieser Zeit auch intensiv mit der politischen Geographie Karl Haushofers (Geopolitik) beschäftigt sowie mit der Planwirtschaft in der Sowjetunion. Wittfogel nahm 1931 an Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft Planwirtschaft (Arplan) von Friedrich Lenz und Arvid Harnack teil.

In diese Zeit fiel ein Aufenthalt am Marx-Engels-Institut in Moskau. Die These einer besonderen asiatischen Produktionsweise, die Wittfogel gerade als Marxisten interessierte, stieß 1931 auf der Leningrader Konferenz auf erbitterten Widerstand. Hatte Wittfogel 1928 mit E. S. Varga und David Rjasanow noch offen über die asiatische Produktionsweise sprechen können, so musste er jetzt erleben, dass der Begriff tabuisiert wurde. Feudalismus galt jetzt als der hierfür zutreffende Ausdruck. Wittfogel lehrte Anfang der 1930er Jahre am Internationalen Agrar-Institut und konnte 1932 mit Unterstützung der MASCH (Marxistische Arbeiterschule) China besuchen.

Im Gegensatz zu beinahe allen anderen Mitgliedern der Frankfurter Schule wurde Wittfogel 1933 (an der Schweizer Grenze) verhaftet und in das KZ Esterwegen, eines der Emslandlager, gebracht. Die russische Journalistin Olga Joffe (* 1897 in Jekaterinoslaw; † 1992), seit 1933 seine zweite Ehefrau, erreichte mit Hilfe von Friedrich Hielscher, Karl Haushofer und Richard Henry Tawney, dass er 1934 nach England emigrieren konnte und schließlich in die USA. Wittfogel brach nach und nach mit der KPD. Seine wissenschaftlichen Thesen über die asiatische Produktionsweise waren in Moskau 1931 auf heftigen, politisch begründeten Widerspruch gestoßen, Karl Radek erklärte dem überzeugten Parteikommunisten 1933 (ebenfalls in Moskau), die deutschen Arbeiter müssten eben einige Jahre Hitler auf sich nehmen. Der Hitler-Stalin-Pakt war ein schwerer Schlag, aber Wittfogel blieb bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in kommunistischen Strukturen tätig.

Karl August und Olga Wittfogel konnten 1935–37 mit Unterstützung des International Institute of Social Research in der Republik China forschen. Drei große Forschungsbereiche wurden benannt: The Chinese Family Project, The Chinese Bureaucracy Project und The Chinese Dynastic Histories Project (CHP). Aus dem letzteren Vorhaben entstand das Chinese History Project, das von der Rockefeller-Stiftung gefördert wurde und, wie das Frankfurter Institut im Exil, an der Columbia University angesiedelt war. 1947 erschien als erstes Forschungsergebnis des CHP die History of Chinese Society, Liao. Die Rockefeller Foundation stellte aber 1949 die Förderung ein, Mitarbeiter verließen das Projekt nach dem Triumph der Kommunisten in China.

Wittfogel wurde von George E. Taylor 1947 als Professor für chinesische Geschichte an sein Far Eastern and Russian Institute in Seattle in Washington an der pazifischen Nordwestküste geholt. Dort lehrte auch Hellmut Wilhelm. Wittfogel blieb bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1966 an der University of Washington. Er lebte in New York zusammen mit Esther Goldfrank, Anthropologin und Boas-Schülerin und seit 1940 seine dritte Ehefrau.

In der Zeit des Kalten Krieges war Wittfogel überzeugter Antikommunist. Während der McCarthy-Ära denunzierte er im August 1951 vor dem Senats-Unterausschuss für Innere Sicherheit (McCarran-Ausschuss) u. a. den kanadischen UNO-Chefdelegierten und Botschafter Egerton Herbert Norman als Kommunisten. Norman stritt alles ab, aber er blieb verdächtig und eine erneute Vorladung vor den Senatsausschuss für Innere Sicherheit trieb ihn 1957 in den Tod. Aus Angst, er könne Genossen verraten, beging Norman in Kairo Selbstmord. „Der Selbstmord Normans“, kommentierte The New York Times seinerzeit, „hat die amerikanische Regierung und ihre Mitglieder mit Schande bedeckt.“ Norman war allerdings Mitglied der englischen Partei gewesen. Wittfogel bereute sein Vorgehen später zutiefst. Er war für die intellektuelle Linke und natürlich für die westlichen Sympathisanten von Maoismus und Stalinismus zum Unberührbaren geworden.

Mit seinen Arbeiten über die orientalischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse versuchte Wittfogel einerseits, die analytischen Ansätze von Karl Marx und Max Weber weiterzuführen und andererseits eine Grundlage zur Erklärung und Kritik der politischen Geschichte der Sowjetunion (Stalinismus) und der Volksrepublik Chinas darzustellen.

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Karl August Wittfogel | World in Stories