An diesem Tag

Karel Ančerl

Tschechischer Dirigent

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Karel Ančerl (ursprünglich Antscherl, geboren 11. April 1908 in Tučapy (deutsch: Tutschap), Österreich-Ungarn; gestorben 3. Juli 1973 in Toronto, Kanada) war ein tschechischer Dirigent. Er war viele Jahre Leiter der Tschechischen Philharmonie.

Karel war das ältere Kind des wohlhabenden jüdischen Spirituosenfabrikanten Leopold Antscherl (später slawisiert Ančerl; 1873–1944) und dessen Ehefrau Ida (geb. Preisz; 1884–1944); seine 1911 geborene Schwester Jana starb 1932 an einer Meningitis.

Früh zeigte sich seine in der Familie einzigartige Begeisterung und Begabung für Musik. Privat unterrichtet, spielte er bereits mit elf Jahren als Geiger in einem Unterhaltungsorchester seiner Heimatgemeinde. Nach den Schulbesuchen in Tučap und Soběslav sowie 1918–1924 des Gymnasiums XII – Vinohrady in Prag studierte er 1925–1929 (gegen den Willen seiner Eltern) am Konservatorium Prag Komposition bei Jaroslav Křička, Dirigieren bei Pavel Dědeček und Schlaginstrumente bei Otakar Šourek. Großen Einfluss übte auf ihn in dieser Zeit auch Alois Hába und dessen Mikrointervallmusik aus. 1930 schloss er das Konservatorium als Komponist und Dirigent mit der Aufführung einer eigenen Sinfonietta (Symfonietta) ab. 1929 bis 1931 assistierte er Hermann Scherchen bei dessen Aufenthalten in Berlin und München. Durch die regelmäßige Teilnahme an Proben der Tschechischen Philharmonie (Česká filharmonie) lernte er im Meisterkurs die Arbeitsweise des damaligen Chefdirigenten Václav Talich kennen.

1931 heiratete er seine ebenfalls jüdische Cousine Valerie (geb. Vig; 1908–1944) und wurde bis 1933 Orchesterleiter und Geiger des avantgardistischen Prager „befreiten Theaters“ Osvobozené divadlo. Danach arbeitete er in verschiedenen Funktionen beim Radiojournal (dem damaligen Tschechoslowakischen Rundfunk), schließlich als Dirigent bei dessen Orchester (Orchestr Radiojournalu; heute Symfonický orchestr Českého rozhlasu, Tschechisches Rundfunk-Sinfonieorchester). Er wirkte außerdem an verschiedenen europäischen Musikfestivals mit. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der Annexion Tschechiens 1939 verlor er (gemäß Reichskulturkammergesetz) seine Anstellung und kehrte mit seiner Frau in sein Elternhaus nach Tučapy zurück. Ein Jahr später erfolgte die Enteignung und die Vertreibung von dort; sie siedelten zu viert nach Dírná über. Anfangs konnte Ančerl trotz Berufsverbot noch Violin-Unterricht geben, später verdiente er als Waldarbeiter den Unterhalt. Nach der Verhaftung durch die Gestapo und der Inhaftierung in Tábor musste er als Hilfsarbeiter bei der Firma Teerag in Soběslav dienen. Am 16. November 1942 kam es zur Deportation zusammen mit seiner schwangeren Frau und seinen Eltern in das Ghetto Theresienstadt; am 28. Februar 1943 wurde dort sein Sohn Jan geboren.

Trotz der wenigen Freizeit nach dem Arbeitssoll, der mühseligen Instrumentenbeschaffung, dem Noten- und Papiermangel und dem KZ-bedingten Wechsel von geeigneten Insassen, gelang 1943 die Gründung des ca. 40 Musiker umfassenden Terezin Streichorchesters mit Ančerl als dessen Leiter. Die Filmaufnahmen des – unter Zwang des Lagerkommandanten Karl Rahm entstandenen – Propagandawerkes Theresienstadt zeigen ihn in einer geschönten Szene, in der er mit diesem Orchester die Studie für Streichorchester von Pavel Haas (eines Janáček- und Talich-Schülers) uraufführte; kaum ein Darsteller des vom August bis September 1944 entstandenen Films überlebte, auch nicht der Komponist Haas oder der Regisseur Kurt Gerron. Im Oktober 1944 wurde ebenso die gesamte Familie Ančerl weiter in das KZ Auschwitz deportiert, wo seine Eltern und seine Frau mit ihrem Sohn „nach links gehen“ mussten, was die Ermordung in der Gaskammer bedeutete. Er selbst überstand im Januar 1945 die Verlegung per Todesmarsch in das Arbeitslager Friedland in Niederschlesien (nach dem Krieg polnisch Mieroszów), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, und erlebte dort im Mai 1945 das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Noch in Theresienstadt hatte er Hana Presser (geb. Glücklich; 1914–1983) kennengelernt, die er später heiratete; auch sie hatte ihre Eltern und ihren Mann in den Konzentrationslagern Auschwitz und Dachau verloren. Aus ihrer Ehe stammten zwei Söhne, Jiří (1946–1999) und Ivan (1948–1994).

Nach Kriegsende wirkte Ančerl unter anderem an der Staatsoper Prag (1945–1948 offiziell Velká opera Divadla 5. května, Große Oper des Theaters des 5. Mai) als künstlerischer Direktor, bevor er am 1. September 1947 als Chefdirigent zum Prager Rundfunksinfonieorchesters (Symfonický orchestr Československého rozhlasu) wechselte. 1948–50 lehrte er außerdem als Professor an der Akademie der musischen Künste in Prag (Akademie múzických umění v Praze); zu seinen Schülern gehörten u. a. Zdeněk Košler, Libor Pešek, Jan Tausinger und Martin Turnovský.

Die nach der Auswanderung von Rafael Kubelík 1948 vakante Stelle des künstlerischen Direktors der Tschechischen Philharmonie konnte er ab Oktober 1950 einnehmen. Da die Berufung aber durch den kommunistischen Kultusminister Zdeněk Nejedlý entschieden worden war, sahen die Orchestermitglieder dies als eine politische, nicht fachliche Auswahl an, so dass Ančerl sich anfangs gegen ihre Abweisung zu behaupten hatte, wobei ihm 1952–1954 wieder Václav Talich als ein Mentor zur Verfügung stand. Man ahnte nicht, dass die Forscherloge Quatuor Coronati in Prag, Teil der nur kurzzeitig geduldeten tschechischen Freimaurer-Großloge, zu Ančerls weltanschaulicher Heimat gehörte. Hinzu kamen für ihn die allgemein mit dem Slánský-Prozess verbundenen Warnungen für „kosmopolitische“ Personen, was zudem mit deutlich antisemitischen Zeichen versehen war.

In den folgenden Jahren bis 1968 sicherte er der Česká filharmonie einen Spitzenplatz unter den Orchestern der sozialistischen Staaten. Er erweiterte das beim Publikum beliebte Repertoire des 19. Jahrhunderts und der nationalen Komponisten (etwa Brahms, Dvořák, Janáček, Mendelssohn, Mussorgski, Smetana, Tschaikowski) um die moderne Musik (Bartók, Britten, Hindemith, Prokofjew, Schönberg, Schostakowitsch, Strawinsky) und setzte sich mit Hingabe auch für zeitgenössische, unbekanntere und unpopuläre Komponisten seines Heimatlandes wie Jan Hanuš, Iša Krejčí, Otmar Mácha und Bohuslav Martinů ein. Wie schon Talich und Kubelík war er ein Wegbereiter der Werkaufführungen von Gustav Mahler. Die politischen Einschränkungen, die die Sowjetunion (UdSSR) für ihre Satellitenstaaten und alle Einwohner vorgab, und andererseits manche Vorbehalte gegenüber Gästen aus dem „Ostblock“ in der Zeit des Ost-West-Konflikts, wurden während der Tauwetter-Periode ab 1956 gelockert, wodurch sie Einladungen in die ganze Welt erhielten und erfolgreich 60 Tourneen in 28 Ländern absolvierten. Im Laufe seiner Amtszeit sollten es 766 Konzerte mit der Tschechischen Philharmonie werden. Er selbst war zudem Gastdirigent bei 56 Orchestern, in Ländern wie z. B. den USA, in Kanada, Japan und Australien. 1966 erhielt Ančerl den Titel eines Nationalkünstlers (Národní umělec) der ČSSR.

Am 12. Mai 1968 dirigierte er in einer hoffnungsvollen Zeit das Eröffnungskonzert des Musikfestivals „Prager Frühling“, traditionell mit Smetanas Mein Vaterland (Má vlast). Von der Niederschlagung der gleichnamigen politischen Bewegung Prager Frühling im August 1968 erfuhr Ančerl während seines Konzertaufenthaltes beim Tanglewood Festival. In der Folge legte er seinen Posten als Chefdirigent nieder. Sein Nachfolger war Václav Neumann, der sich in der DDR geweigert hatte, den Einmarsch der „Waffenbrüder“ des „Warschauer Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ (sogenannter Warschauer Pakt) zur Beseitigung der tschechischen „Konterrevolution“ zu begrüßen, was das Ende seiner Leitung als Gewandhauskapellmeister beim Gewandhausorchester Leipzig bedeutete.

Ančerl emigrierte mit seiner Familie nach Kanada und übernahm dort 1969 als Nachfolger von Seji Ozawa das Toronto Symphony Orchestra. Er war jedoch gesundheitlich bereits seit seiner KZ-Zeit beeinträchtigt und litt an Diabetes, musste 1972 den Posten aufgeben und verstarb 1973 in Toronto an Krebs. Am 12. Mai 1993, wiederum zum Beginn des Musikfestivals „Prager Frühling“, wurde er zusammen mit seiner Frau ehrenvoll in ein Grab auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag umgebettet.

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