Das Konzentrationslager Lichtenburg, auch Sammellager Lichtenburg, befand sich von Juni 1933 bis Mai 1939 im Schloss Lichtenburg in Prettin (Provinz Sachsen). Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert wurde ab 1812 als Zuchthaus genutzt und war 1928 wegen mangelhafter baulicher und sanitärer Zustände geschlossen worden. Das Lager Lichtenburg hatte im NS-Staat als frühes Konzentrationslager eine Vorbildfunktion für das Lagersystem im Deutschen Reich.
Am 13. Juni 1933 wurde das Lager Lichtenburg als „Konzentrationslager für männliche Schutzhäftlinge“ eingerichtet. Für 1000 Häftlinge geplant, war das KZ Lichtenburg bereits im September 1933 mit etwa 2000 Häftlingen stark überbelegt, dadurch verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Häftlinge extrem. Mindestens 20 (dokumentiert) Häftlinge sind in der Zeit des Lagerbestehens durch Misshandlungen, schlechte Haftbedingungen und Morde im Strafbunker umgekommen.
Wolfgang Langhoff, ehemaliger Häftling, der am 6. Dezember 1933 eintraf, traf im KZ Lichtenburg ungefähr 70 Prozent Kommunisten, 20 Prozent Sozialisten und 10 Prozent politisch unorganisierte Häftlinge an. Ab 1934 wurden zunehmend als homosexuell verfolgte Männer in die „Lichte“ gebracht und später auch sogenannte Berufsverbrecher, die als Vorbestrafte ohne Gerichtsverfahren eingewiesen wurden. Zunächst oblag die Bewachung des Lagers der Polizei. Ab Mitte August bewachten 150 SS-Männer das Lager, Lagerkommandant war SS-Truppführer Edgar Entsberger von der SS-Standarte 26. Ab dem 1. Juni 1934 galt die Dachauer Lagerordnung.
Nach dem sogenannten Röhm-Putsch wurden im Juli 1934 etwa 60 SA-Männer kurzzeitig in das KZ Lichtenburg eingewiesen. Besonders ab 1935 wurden Zeugen Jehovas verhaftet, insgesamt waren etwa 130 von ihnen im Männerlager Lichtenburg. Nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze im September 1935 inhaftierte die SS jüdische Frauen, denen „Rassenschande“ zur Last gelegt wurde.
Am 1. November 1936 wurde Hans Helwig probeweise mit der Wahrnehmung der Geschäfte des KZ-Kommandanten beauftragt; der Inspekteur der Konzentrationslager Theodor Eicke hatte es noch im August 1936 abgelehnt, Helwig in einem KZ zu beschäftigen. Hier überließ Helwig die Lagerführung seinem als brutal und willkürlich geltenden Schutzhaftlagerführer Egon Zill. Nach Auflösung des Männerlagers Lichtenburg wurde Helwig Lagerkommandant im KZ Sachsenhausen. Unter den Häftlingen dort hatte Helwig den Spitznamen „Gänsegeneral“.
1937–1939 Umwandlung in ein Frauenkonzentrationslager
Nach der Errichtung der KZ Sachsenhausen und Buchenwald wurde das Männer-KZ im August 1937 aufgelöst und die Burg ab Dezember 1937 übergangsweise für weibliche Häftlinge genutzt. Am 15. Dezember trafen die ersten 200 weiblichen Häftlinge aus dem Frauen-Konzentrationslager Moringen ein. Bis 1939 sind 1.415 Häftlingsnummern belegt. Das Frauenlager unterstand der SS-Inspektion der Konzentrationslager (IKL der SS). Die Lagerkommandantur übernahm SS-Standartenführer Günther Tamaschke. Als Lagerführer amtierten Alex Piorkowski und ab September 1938 SS-Hauptsturmführer Max Koegel, der aus dem KZ Dachau kam.
Da das Schloss eine marode Bausubstanz hatte und als nicht erweiterungsfähig galt, wurden im Mai 1939 die verbliebenen 867 weiblichen Häftlinge in das neugebaute Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück verlegt.
Neben den politischen Häftlingen, die zum Teil schon seit 1933 inhaftiert waren, wurden seit 1935 verstärkt die „Bibelforscherinnen“ genannten Zeuginnen Jehovas, zurückkehrende Emigrantinnen, wegen „Rassenschande“ verfolgte jüdische Frauen, „Zigeunerinnen“ sowie sogenannte Asoziale und Kriminelle ins KZ verschleppt.
Nach der Schließung des KZ Lichtenburg fungierte das Schloss als Standort für das Totenkopf-Infanterie-Ersatzbataillon II und ab 1942 das SS-Hauptzeugamt. Bis zu 65 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen, die im Zellenbereich untergebracht waren, standen der SS zur Zwangsarbeit zur Verfügung.
Rolle des KZ Lichtenburg für das nationalsozialistische Lagersystem
Das Personal des KZ Lichtenburg zwischen 1933 und 1939, dass sich vor allem aus mitteldeutschen Gliederungen der SS zusammensetzte, hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Personalstruktur und Besetzung von Führungsposten innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems. Ähnlich wie die im KZ Dachau geprägten Personalnetzwerke und Patronagestrukturen, etwa um den späteren IKL-Leiter Theodor Eicke, entwickelten sich auch in Lichtenburg und im dort eingesetzten SS-Totenkopfsturmbann "Elbe" Netzwerke, aus denen sich ein wesentlicher Teil des späteren Führungspersonals im KZ-System rekrutierte. Dazu gehörten etwa ein Drittel aller Lagerkommandanten zwischen 1934 und 1945, 225 Abteilungsleiter und 65 Führer von SS-Wachverbänden. Dazu gehörten etwa Arthur Liebehenschel, späterer Kommandant des Stammlagers Auschwitz sowie des Vernichtungslagers Majdanek, der von 1934 bis 1937 Adjutant des Kommandanten von Lichtenburg gewesen war, Egon Zill, der nach seinem Dienst in Lichtenburg Schutzhaftlagerführer und Kommandant verschiedener Konzentrationslager gewesen war, Franz Xaver Kraus, Verwaltungsführer in Lichtenburg und später in führender Position in Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen tätig, sowie Hermann Helbig, späterer Kommandant des Krematoriums im KZ Buchenwald.
Nach 1945; Einrichtung einer Gedenkstätte
Nach 1945 wurden das Schloss und die angrenzenden Ländereien bis 1990 landwirtschaftlich genutzt. Im Bunker des ehemaligen KZ wurde 1965 eine Mahn- und Gedenkstätte eingerichtet, die 1974 erweitert wurde.
1995 musste die Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis e. V. um den Erhalt der Gedenkstätte ringen. Im Spätsommer 2000 sollte die Lichtenburg als Eigentum des Bundes durch die Oberfinanzdirektion Magdeburg verkauft werden. Unter dem Motto „KZ zu verkaufen“ brachen im In- und Ausland Proteste los. An den Bundestag wurden Anfragen gestellt. Im November 2004 drohte der Gedenkstätte erneut die Schließung. Erst nach Protest erklärte sich die sachsen-anhaltische Landesregierung zur Kostenbeteiligung bereit. Langjährige Verhandlungen über die Zukunft und die Trägerschaft der Gedenkstätte KZ Lichtenburg zwischen dem Landkreis Wittenberg, der Landesregierung in Sachsen-Anhalt und der Bundesregierung führten 2006 zu dem Entschluss, in Sachsen-Anhalt eine Gedenkstättenstiftung einzurichten.
Diese existiert seit dem 1. Januar 2007. Seit Anfang 2008 gehört die Gedenkstätte KZ Lichtenburg zu dieser Stiftung. Zwischen 2008 und 2011 wurde der ehemalige Werkstattflügel zu einem modernen Besucherinformationszentrum umgebaut. Die neue Dauerausstellung wurde mit Eröffnung der neuen Gedenkstätte am 1. Dezember 2011 der Öffentlichkeit präsentiert. Der Arbeitskreis Schloss und Gedenkstaette Lichtenburg e. V. hat sich mit Erreichen seiner Vereinsziele zum 1. Januar 2012 aufgelöst. Die Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin wird durch den seit 2010 bestehenden Förderverein Schloss und Gedenkstätte Lichtenburg e. V. unterstützt.
Lagerkommandanten im Männerkonzentrationslager
Mai 1934 – Juli 1934: SS-Brigadeführer Theodor Eicke